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The ultimate Hype – some words about falling in love…

April 13th, 2008 | stazol

XVIII. “Oh, when I was in love with you…”
by A. E. Housman (1859-1936)

Oh, when I was in love with you,
Then I was clean and brave,
And miles around the wonder grew
How well did I behave.

And now the fancy passes by,
And nothing will remain,
And miles around they’ll say that I
Am quite myself again.

… mit anderen Worten: Jetzt wird´s, sorry, sorry, persönlich. Die Verliebtheit, jene fragilste, schönste, vergänglichste aller Gemütsregungen, flüchtig, begehrt, dem Wahnsinn ähnlich, wer wollte sie beschreiben? Ich, wer sonst.

Eines wäre vorauszuschicken: Erstens bin ich ein Aristokrat preussisch-ungarischer Herkunft. Und zweitens Romantiker des 19. Jahrhunderts. Soll heissen, ich bin von Emotionen beseelt, die es heutzutage, im beginnenden 21.Jahrhundert, so gar nicht mehr gibt. Intensität, Dauer, Verfeinerung, Haltung, Treue, Stabilität, Vertrauen und Zartheit – all dies sind in der gegenwärtigen Gesellschaft, so scheint mir, Begriffe von nur noch nominalem Wert. Man verliebt sich nicht mehr, man sucht sich rational-kühl einen Partner, mit dem sich der Lebensentwurf möglichst ohne Einbussen und meist nur auf Zeit ökonomisch auf Zugewinn bezogen optimal verwirklichen lässt. Baudelaire, Flaubert, Jean Paul, Rimbaud, die Manns, die Brontes – vergessen Sie´s. Man fühlt heute nicht mehr, so scheint es. Es passt nicht ins Konzept der Wegwerfgesellschaft. Ich stehe auf verlorenem Posten, aber das bin ich gewöhnt – ein Leben als Rückzugsgefecht, heldenhaft, heroisch gar – aber sinnlos. Die folgenden Zeilen sind also womöglich nicht mehr ganz up-to-date. Ein tiefempfundenes Theorem. Was da klingt, sind die Saiten des Vergangenen. Wollen wir sie also versuchen, die kleine Reise ins Innerste, bodenlos Zeitlose, vernachlässigbar-Vergessene. Und wollen wir gnädig hinabsehen in den Spiegel eines Seelchens, dass sich da Ausdruck verschafft, ohne Anspruch auf Wahrheit. Doch wer sich darin womöglich erkennt, dem bleibt Hoffnung, soviel sei versichert. Glücklicher, dies als Einschränkung, glücklicher, wird man so nicht. Aber man hat es versucht. Und das ist heute schon viel. Der Hype des Sich-Verliebens – ein Entwurf.

Da wäre also diese Party, mein Geburtstag, etwa einhundert Gäste, mit anderen Worten, privat, eine kleine, feine Zusammenkunft interessanter Menschen, Künstler, Studenten, Wirtschaftskapitäne, Geschäftsleute, Hartz IV-Empfänger, kurz, ein buntes Gemisch. Und dann plötzlich er. Als Überraschungsgast, ein Mitbringsel gewissermassen – und das Herz setzt aus. Der Verstand auch. Er ist jünger, hübscher, na klar, als die anderen, und man ist plötzlich hin- und hergerissen zwischen den Gastgeberpflichten, dem strömenden Champagner, und dieser charmanten Erscheinung, die einem, man glaubt es kaum, das in völliger Verwirrung irgendwo abgestellte Glas holt, mit einem strahlenden Lächeln, ätherisch, bezaubernd, energetisch (da fliessen sie also, die Kräfte, abgesetzt vom ewigen Einerlei der turbokapitalischen Konsumenten mit ihren vorgeformten Sätzen, ihren langweiligen Überzeugungen, ihren immergleichen Themen, aber man mag sie ja auch, irgendwie, aber wo ist eigentlich der Kleine, der dann doch einen Kopf grösser ist, überschlank, elegantester Bewegung, hübsch, nein schön! Aber das sagten wir ja schon…) – und was tut Gott? Lässt einen einschlafen, auf der eigenen Party, man hat dann doch am Nachmittag schon einige Erfrischungen genommen, einige Kaltgetränke, die einem das Heer von Ärzten versagen, dieselben, Treusorgenden, Hochbezahlten, die man um sich versammeln musste, um dieses Leben zu überleben, das gerade noch so bitter war, so gleichförmig, so erwartbar, so eintönig und gesettelt – kurz, man schläft ein, im Smoking, völlig erschöpft, und wacht auf am nächsten Morgen, im Smoking (man muss mich zärtlich zu Bett gebracht haben), und das Telefon klingelt. Und klingelt. Und alle fragen “Wer war denn dieser bezaubernde Jüngling? Der göttliche Ephebe?” Und – Horror of Horrors, um bei Shakespeare zu bleiben – ich, törichster Tor! weiss es nicht. Kann mich nicht an den Namen erinnern. Habe, Dummheit ohne Mass, mir nicht einmal die Nummer geben lassen, sowas wäre mir ja früher nicht passiert, verflucht nochmal… und man könnte im Oktagon springen vor Wut und packt dann gedankenverloren erstmal die Geschenke aus und beginnt, so glaubt man, zu vergessen. Und doch, die nächsten Tage über ist da was, da nagt es im Inneren, in der Herzgegend, Teufel noch mal, das kann ich jetzt gar nicht gebrauchen, muss doch für dieses Kunstmagazin schreiben, stilistisch, artistisch überragend, man will ja dann doch ein Zeichen setzen, und nun das, und man erwischt sich dabei, dass man vor´m Bildschirm sitzt und sich fragt, was mache ich da eigentlich, und wo ist der Junge, und wer war das, und wer könnte das wissen, und man weiss nur noch schemenhaft, mit wem er, der Bezaubernde, denn kam, und vor allem, tausendfach verflucht, dass er irgendwann ging, entschwand in die Nacht, verging, und ja, man vergeht schon wieder, und dann ist da diese Gewissheit, es ist wieder mal passiert, unzweifelhaft, was kann das nur sein, und wieso zittern mir die Finger, und dann ist es mit einem Donnerschlag im Hirn, Lava fliesst ätzend hindurch, ganz klar: Ich bin wohl verliebt.

Verliebt! Um der Götter willen! Sagt nicht die Wissenschaft, dass jener Zustand einer Psychose ähnelt? An den Grenzen des Wahns wandelt? Und singt nicht der ewige Platon schon, dass da der kleine Eros wahllos Pfeile verschossen, damit man verschossen, und – einziger Trost – der Olympier mit einem wandelt und den Daimon erhöht? Nebelhaft, betörter Sinne wandelt der Alltag dahin, nur durchbrochen von seltsam schnell auftretenden, traumhaften Schwaden irrationalster Wallungen, täglich, stündlich, alle fünf Minuten? Und die Welt wandelt sich und man wandelt beseelt durch die Strassen und geht seinem Tagwerk nach und soll ja doch eigentlich schreiben, und übrigens: Wer war dieser göttliche Junge? Und was mache ich da eigentlich mit dem Lachsfilet in der Hand, und wo bin ich denn hier, und was will diese Frau da am Rollband und die Oma mit der Tüte, – und wo ist denn nur meine Brieftasche und wie bin ich denn eigentlich an diese Kreuzung geraten?

Und die Tage und Wochen vergehen, und der Verstand setzt dann doch wieder ein, und man sitzt in seinem Lieblingscafé und lässt sich vom “Spiegel” deprimieren, und überfliegt, was bleibt einem übrig, denn nichts steht darin, den “Stern”, und landet dann doch beim “New Yorker” und draussen in Hamburg, da regnets, was ja dann doch gut für die Rosen. Und was tut Gott? Lässt die Tür aufgehen und man blickt auf, unwillkürlich, und da steht er, erscheinungsgleich, und ruft “Harald”, und wer ist eigentlich dieser Harald, und man wird geherzt und geküsst (sitzt mein Haar, die Krawatte, und ist das Kaschmirsakko, cremefarben, weich genug?) – ganz egal, da umflutet es einen, das Göttliche, rauschhaft, jawohl, und die Farben vorm Auge sind rot. Und ob man eine Champagnerflasche hätte, für den Mercutio, die Rolle, und man stammelt, eine leere, kein Problem, voll wäre schwierig. Und dann ist da der nächste Tag, und es klingelt, und man hat das silberne Teeservice auf Hochglanz gewienert, und er hat dann doch zwei Stunden vor dem Theater, und Teufel! – die Uhr rennt, und man bringt ihn zum Aufzug und – wagt es, voll Übermut, voller Verzweiflung, und küsst ihn.

Der Rest bleibt Geheimnis, ich sagte ja, jetzt wird´s persönlich, pardon, liebster Leser. Und bleiben wir doch mal am Boden. Der lausigen Tatsachen, ach! Zwei gänzlich konträre Optionen wird´s geben: Das ganze verfliegt, wie es kam, da wäre die eingangs beschwor´ne Dynamik des Hypes, für dieses vorliegende Kunstmagazin, nach den Regeln des Dramas, samt Absturz nach Peripetie. Und dann eben die andere. Auf die man zu hoffen nicht wagt… man wünsche mir Glück. Ein letzter Gruss noch, mit Wünschen, den besten, und geneigte Empfehlung erscheischend, yours truly, Harald Nicolas Stazol (der nach Diktat verreist, elysisch verklärt, und auch poetisch beseelt, entrückt, verrückt auch, ich geb es ja zu…).

Der Tulpenwahn – Episode des ästhetischen Irrsinns

März 4th, 2008 | stazol

Eines der wohl ästhetischesten Phänomene des Hypes dürfte von einer Blume ausgelöst worden sein, an sich schon ein Vehikel der zerbrechlichsten, duftigsten Schönheit: Im 17. Jahrhundert, das so reich an Ungewöhnlichem, an Aufbruch und Umbruch war, politisch, stilistisch und intellektuell – der dreissigjährige Krieg tobte durch halb Europa, der Barock begann sich durchzusetzen, und die ersten Triebe der Aufklärung gewannen Form und Halt – gelangte die Tulpe zu einem Ruhm, der in der Geschichte nicht seinesgleichen findet.Es geschah in Holland, das sich unter Wilhelm von Oranien gerade von dem Joch der Spanier befreit hatte, einem Land, das in voller Blüte stand, im Schatten der Reformation und unter dem Geldsegen des überreichen Seehandels, nicht zuletzt durch die übermächtige Ostindiencompanie. Es war das goldene Zeitalter, Rembrandt, Vermeer und Rubens schufen ihre Meisterwerke, und die Niederlande schwammen förmlich im Geld – und dies war die Vorraussetzung dafür, was sich, wie im folgenden berichtet, zwischen den Jahren 1633-1637 zutrug, dem Hype, der seitdem unter dem Namen “Der grosse Tulpenwahn” bekannt ist.Die Tulpe erblickte das Licht der Welt an den schneebedeckten Hängen des Pamirgebirges, den Tälern der Tien-shan-Berge, “dort, wo China und Tibet in einer der unwirtlichsten Gegenden der Erde auf Russland und Afghanistan stossen”, wie Mike Dash in seinem hervorragend recherchierten Buch “Der Tulpenwahn, die verrückteste Spekulation der Geschichte” (List, Berlin, 319 S., 8.95 Euro) formvollendet und erschöpfend schreibt.Es waren schlichte und kompakte Blumen mit schmalen Blütenblättern, die nur wenige Zentimeter über den Erdboden ragten, meist in Rot, unempfindlich gegen Frost und sehr gut geeignet, die rauhen Winter und trockenen Sommer in Zentralasien zu überstehen. Etwa hundertzwanzig Arten wuchsen am Pamir, Russlands Dach der Welt, dem “Himmelsgebirge” der Chinesen, dem Rückgrat Asiens, eine unüberwindbaren Barriere von mehreren tausend Kilometern Länge und hunderten Kilometern Breite. Hier waren das römische Reich an das Reich der Mitte zusammengestossen, ohne voneinander je Kenntnis zu haben, und noch heute ist es eine der am wenigsten erkundeten Gegenden der Erde. Entdeckt dürfte die Blume wohl von Nomaden auf den Gebirgspässen worden sein, die sie durchquerten, eine willkommene gelb, orange und zinnoberfarbene Abwechslung in der Wüste aus Schnee und Eis, und die wandernden Turkvölker waren es, die die zarte Pflanze, ein Symbol von Leben, Fruchtbarkeit und ein Vorbote des Frühlings, zum ersten Mal im 10. und 12. Jahrhundert zu ihrem Entzücken in Gärten vorfanden. In Persien wurde die Tulpe schon um 1050 kultiviert, sie wuchs in der alten Hauptstadt Isfahan und auch in Bagda. Der Dichter Omar Chajjam pries sie in seinen Werken als Abbild der weiblichen Schönheit, sie stand für Anmut und Wohlgestalt. Mosharref o´d-Din Sa´di beschreibt um 1250 den idealen Garten als Ort, wo “sich das Murmeln eines kleinen Bachs, Vogelsang, überreiche reife Frucht, leuchtend bunte Tulpen und duftende Rosen” zum irdischen Paradies verbinden, und der berühmteste persische Poet Hafez vergleicht den Glanz der Blütenblätter mit dem Schimmer auf der Wange seiner Geliebten. Mit anderen Worten: Die Tulpe war ein Hit.Noch Jahrhunderte danach galt rote Blüten in Persien als Symbol für unsterbliche Liebe. “Wenn ein junger Mann seiner Geliebten eine Tulpe überreicht”, schrieb im 17. Jahrhundert der Reisende John Chardin, “gibt er ihr durch die Farbe der Blume zu verstehen, dass er in tiefer Liebe zu ihrer Schönheit entbrannt ist; und ihr schwarzes unteres Ende soll ihr zeigen, dass sein Herz zu Kohle verbrannt ist.”Die frühesten bildlichen Darstellungen der Tulpe finden sich auf Kacheln, die man bei der Ausgrabung eines Palastes gefunden hat, den der Seldschukensultan Aladin Kaikubad I. im 13. Jahrhundert am Beysehir-See in Ostanatolien erbauen liess.Im Zuge des Feldzugs der Osmanen, die 1354 die Dardanellen überquerten und in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts den Balkan überrannten, folgte, wie man annimmt, der Kult der Tulpe zum ersten Mal weitere Verbreitung, auch deswegen, weil dem Islam der Garten als göttlich galt – die Religion entstammte ja den Weiten der arabischen Wüste. Die Tulpe galt den Osmanen als die Blume Gottes – in der arabischen Schrift setzt sich das Wort für sie, “lale” aus den selben Buchstaben zusammen wie “Allah”. Sie galt auch als Sinnbild der Bescheidenheit: Vollerblüht beugt sie ihr Haupt. Die Türken, die ihr Leben im Kampf opferten, rechneten fest damit, im Paradies göttliche Jungfrauen, die Wein kredenzten, und einen mit Tulpen übersäten Garten vorzufinden. Und so nahmen die Eroberer die Blüten mit, als sie in Europa einfielen. Der Siegeszug der Tulpe hatte begonnen.“Zweihundertfünfzig Jahre”, so schreibt Dash, ” bevor in den Auktionsräumen der Niederlande Blumenzwiebeln ersteigert wurden, gelangte die Tulpe ins südliche Grenzland Serbiens”. Eine christliche Armee von zehntausend Mann stand unter dem Kommando des Prinzen Lazar am St.Veits-Tag des Jahres 1389 der doppelten Anzahl osmanischer Türken unter ihrem Sultan Murat I. gegenüber. Am einem 19. Juni wurde das Schicksal des Balkans in der Gegend des heutigen Pristina für die nächsten 500 Jahre besiegelt. Die Türken siegten trotz des Todes ihre Sultans durch den Dolch eines Serben überlegen, und ein Muslim beschrieb die abgeschlagenen Köpfe der christlichen Ritter, die das Schlachtfeld übersäten, “mit einem riesigen Tulpenbeet in flammend roten und gelben Blüten.” Man nimmt an, dass Tulpen dort als Talismane der Türken tatsächlich vorhanden waren, die Osmanen hatten sich die heiligste aller Blumen im Laufe des 14. Jahrhunderts als Schutz vor Unglück auserkoren. Meist stickte man sich die Tulpe auf die Leibwäsche, wie ein schlichtes Hemd eines an der Schlacht beteiligten osmanischen Feldherrn im Museum für türkische und islamische Kunst in Istanbul noch heute bezeugt.Nach dem Fall von Byzanz im Jahre 1453 unter Mehmet dem Eroberer, liess der Sultan sich in der von Gärten durchzogenen Stadt den Topkapi-Palast erbauen, “Das Haus der Glückseligkeit”, der alles überbot, was das byzantinische Jahrtausend hervorgebracht hatte. Ein Chronist schreibt von einer “Vielfalt, Schönheit und Pracht, an jeder Seite, innen wie aussen, Gold und Silber, Ornamente aus Edelsteinen und Perlen, die im Überfluss strahlten und glänzten”. Eines jedoch kam hinzu: Der Hausherr war ein passionierter Gärtner, er werkelte höchstselbst in seinen Gärten.Sein Urenkel Suleyman der Prächtige, der 1522 den Thron bestieg, führte das osmanische Reich – und den Tulpenkult – zu nie gekannter Blüte. Seine brokatene Herrscherrobe, noch immer erhalten, ist über und über mit Blüten bestickt, in seine Rüstung waren die Blumen getrieben und seinen Helm zierten goldgefasste und mit Edelsteinen besetzte Tulpen. Die Tulpe war inzwischen die türkische Pflanze schlechthin – und in Europa noch gänzlich unbekannt.Der erste Gärtner, der sich ganz der Tulpenzucht widmete, lebte in der Regierungszeit Suleymans in der osmanischen Hauptstadt und hiess Seihulislam Ebusuus Efendi – zu einer Zeit, als die Kultivierung der Pflanze kaum bekannt war und ein beträchtliches Wagnis darstellte. Im Jahre 1630 wurden in Istanbul allerdings schon achtzig Blumenhändler und dreihundert Floristen gezählt. Und Suleymans Sohn, Sultan Selim II., ebenfalls ein begeisterter Gärtner, befahl der in Syrien gelegenen Provinz Azit 50000 Tulpenzwiebeln für seine Palastgärten zu schicken.Der schönste aller Gärten war im vierten, inneren Hof des Topkapi-Serails zu finden, zu dem nur der Herrscher und über 1000 Gärtner, die “Bostancis” Zugang hatten.Der erste Europäer, dem die Enführung der Tulpe zugeschrieben wird, gilt der Portugiese Lopo vaz de Sampayo, wie der Gärtner Charles de la Chesnée Montereul in seiner 1654 veröffentlichten Schrift “Le floriste Francois” vermerkt. Doch tatsächlich weiss niemand, wie und wann die Blume Asien verliess. Europäische
Botaniker stiessen zum ersten Mal 1560 auf die Blume, und die Forschung schreibt übereinstimmend einem gewissen Ogier Ghislain de Busbecp den Verdienst zu, die Tulpe im Westen heimisch gemacht zu haben: Im November 1554 ging Busbecq als Gesandter des kaiserlichen Hofs nach Istanbul und blieb acht Jahre dort. Er bekam dort von seinen Gastgebern einige Zwiebeln als Geschenk und zumindest im Jahr 1573 lässt sich heute sicher nachweisen, dass er Zwiebeln nach Europa geschickt hat – andere Zeugnisse belegen, dass die ersten Tulpen schon im Jahre 1559 in deutschen Gärten, in Augsburg, wo ein Ratsherr der Stadt Augsburg, Johann Heinrich Herwarth, der sie 1559 in seinem Garten hatte, und bald auch in den Beeten der Fugger, für die gesichert eine Pflanzung für das Jahr 1570 nachgewiesen werden kann. In Wien tauchte die Blume 1572 auf, 1582 gelangte sie nach England, 1593 nach Frankfurt, spätestens 1598 fand sie den Weg nach Südfrankreich,.Busbecq jedenfalls bezeichnete die Blume als “Tulipam”, weil ihre Blätter an einen gewickelten Turban erinnerten – “dulbend” bei den Türken, “tulband” für die Niederländer. Im Werk des Zürcher Naturwissenschaftler Conrad Gessner “Catalogus plantarum” taucht die Pflanze erstmals als “Tulpa turcarum” auf. Und dann trat der grösste Botaniker des 16. Jahrhunderts auf den Plan: Carolus Clusius.Im Herbst des Jahres 1562 ging in Antwerpen ein Schiff vor Anker, das Stoffe aus Istanbul geladen hatte, und irgendwo unter den Ballen fand sich ein Päckchen Tulpenzwiebeln für den Grosshändler, der damit nichts anzufangen wusste und sie sich, bis auf wenige Exemplare, mit Essig und Öl gewürzt zu Gemüte führte. Den Rest pflanzte er in seinem Gemüsegarten neben dem Kohlbeet an, und im Frühjahr 1563 blühten die ersten Tulpen in leuchtendem Gelb und Rot, die ersten, die in den Niederlanden je zu sehen waren. Ein Besucher des Gartens, Joris Rye aus Mechelen, grub einige Exemplare bei sich in die Erde, und was viel wichtiger war, schrieb einigen befreundeten Wissenschaftlern von seinem Fund, unter anderem Carolus Clusius, der sie in seinen Schriften 1570 erstmals erwähnt: Es seien “Blumen, die durch ihre liebreizende Vielfalt unser Auge erfreuen”. Clusius hatte in den Diensten des Kaisers in Wien gestanden und dürfte einige Zwiebelsendungen vom kaiserlichen Gesandten in Istanbul erhalten haben. Ausserdem stand er mit Olivier Ghislain de Busbecq in Kontakt, der ebenfalls bei Hofe weilte. Clusius war ständig auf Forschungsreisen gewesen, bis ihn die einzige, im Jahr 1575 gegründete Universität der Niederlande, Leiden, an die medizinische Fakultät berief. Und er verschickte die Samen und Zwiebeln seines Gartens in ganz Europa an befreundete Gartenenthusiasten. Er dürfte die Person gewesen sein, die zuerst für eine weitere Verbreitung der Tulpe auf dem Kontinent gesorgt hat. Zudem pflanzte er seine erworbene Sammlung von Tulpenzwiebeln selbst an, studierte, erforschte und kultivierte sie bis zum Ende seines Lebens 1609 wie kein anderer – seine Forschungen veröffentlichte er 1576 in seiner “Historia”, sowie in seinem Meisterwerk “Rarorium Plantarum Historia”, erschienen 1601. Er katalogisierte darin bereits 34 Arten.Zunächst befindet sich die Tulpenzucht also in den Händen einiger weniger Enthusiasten und Sammler, die Blume aber gewinnt in den höheren, zunehmend wohlhabenderen Kreisen Hollands rasch an Beliebtheit, nicht zuletzt als Statussymbol und Zeichen des guten Geschmacks – sie kamen in Mode, und erzielten bereits beachtliche Preise. Aber erst der ungeheure Wohlstand Hollands im goldenen Zeitalter schuf den Hintergrund und die Voraussetzung für den unbeschreiblichen Verlauf, den die Geschichte der Tulpe und zugleich die Wirtschaftsgeschichte überhaupt nahm.Man muss vorausschicken, dass es in den Niederlanden dank ihrer puritischen calvinistischen Tradition keine Statussymbole herkömmlicher Art gab. Die unterschiedlichen Stände trugen strenges schwarz zu weissen Spitzenkrägen, wie sie noch heute in den Bürgerportraits Rembrandts zu finden sind. Überdies waren die Holländer überaus sparsam, man nimmt an, das Handwerker wie Händler mindesten ein Fünftel ihrer Ersparnisse übers Jahr zurücklegten, was eine ungeheure Konzentrierung von Investitionskapital bewirkte. Und so waren die höheren Stände und Gartenliebhaber durchaus bereit, hohe Summen für ihre Liebhaberein auszugeben. Die beliebtesten Tulpengruppen im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts waren die Rosen, Violetten und Bizarden, man züchtete etwa 400 verschiedene Arten, von denen allerdings eine zu den Begehrtesten gehörte, die „Semper Augustus“, die auf ihren Blättern von unteren blauen Nuancen zu von roten Flammen durchbrochenem Weiss an der Blütenkrone bedeckt war. Sie war derart selten, dass Exemplare on ihr schlicht nicht erhältlich waren – nicht zuletzt deshalb, weil sie Opfer des Mosaikvirus war, dessen Einfluss unbekannt war. Sie war schlicht nicht züchtbar – ein reines Zufallsprodukt, heute ausgestorben. Abbildungen von ihr finden sich noch heute auf Blättern der sogenannten Tulpenbücher, die für wenig Geld von renommierten Künstlern geschaffen wurden und als frühe Verkaufskataloge dienten. Die Grundlagen für eine beispiellose Hausse waren vorhanden.Tulpen waren ein knappes Gut, und mit Zwiebeln der selteneren Arten waren innerhalb eines Jahres über 400 Prozent Wertsteigerung zu erzielen – und so gewann die Blumenzucht immer mehr Anhänger, sie hofften auf ein leichtes Geschäft mit ungeheurer Rendite: Eine Schnittblume soll ihren Besitzer in der Anfangsszeit des Booms für tausend Gulden gewechselt haben, in einer Zeit, als der Tagessatz eines einfachen Handwerkers ein paar Stüver betrug. Tulpenliebhaber fanden sich unter wohlhabenden Kaufleuten, die sich der ebenfalls neuen Mode der Landhäuser hingaben und ihre Parks mit Tulpenbeeten verschönerten. Der Kaufmann Jacob Poppen etwa hatte sein Vermögen im Indien- und Russlandhandel verdient und hinterliess nach seinem Tod 1624 das schier unermessliche Vermögen von 300000 Gulden.Um 1633 waren Tulpen dann dank der Bemühungen der Gärtner überall erhältlich und ein handelbares Gut, und das Drama nahm seinen Lauf. „Wer nur irgendwie konnte,“ so Mike Dash, „investierte in Tulpenzwiebeln, und viele machten mangelndes Startkapital durch die Bereitschaft wett, ihren Besitz zu investieren“. Die Holländer wurden Opfer ihrer beiden hervorstechendsden Eigenschaften: Dem Hang zu sparen und dem zu spielen.Im Sommer 1633 wechselte ein ganzes Haus in Hoorn den Besitzer für drei Tulpenzwiebeln, zum ersten mal wurden Tulpen als Zahlungsmittel eingesetzt. Ab 1634 führte steigende Nachfrage zu immer höheren Preisen, bis sich im Winter 1636 der Wert einiger Zwiebeln in fast einer Woche verdoppeln konnte. In nur zwei verrückten Monaten war das ganze Land im Tulpenrausch und viele Niederländer steckten ihr gesamtes Vermögen in den Handel mit dem fragilen Produkt. Die „Semper Augustus“ kostete im Jahr 1633 5500 Gulden und 1637 bereits 10000 Gulden.Doch es ging noch weiter. Mike Dash: „Mit ihrer Zustimmung, Blumenzwiebeln zu verkaufen, die monatelang nicht geliefert werden konnten, schufen die Tulpenhändler das, was man heute Terminmarkt nennen würde“: Ein Händler setzt den zukünftiegn Wert einer Ware, indem er verspricht, an einem festgelegten Termin irgendwann in der Zukunft einen genau festgelegten Preis für die Ware zu bezahlen – ein überaus riskantes Unternehmen. Es entstand eine fieberhafte Manie. Zum Vergleich: Eine Tulpe im Wert von dreitausend Gulden in anderen Waren hätte insgesamt kaufen können: Acht fette Schweine, vier fette Ochsen, zwölf fette Schafe, 24 Tonnen Weizen, 48 Tonnen Roggen, zwei grosse Fässer Wein, vier Fässer Bier, zwei Tonnen Butter, 500 Kilo Käse, einen silbernen Kelch, einen Ballen Stoff, ein Bett mit Matratze und Bettzeug und schliesslich ein Schiff.Ort der Transaktionen waren Hinterzimmer von grösseren Gasthäusern gewesen, bei denen reichlich Wein und Bier floss, was nicht gerade die Rationalität des Handels förderte.Doch in der ersten Woche im Februar 1637 w
ar alles vorbei. Ein Pfund der Art „Witte Croons“ wurde für 1250 Gulden angeboten – und niemand kaufte. Der Markt brach innerhalb von Tagen zusammen – und Holland war ruiniert. Der Maler Jan van Goyen hatte sich derart verspekuliert – um nur einen zu nennen – dass er zahlungsunfähig war. Neben einem Schuldenberg von 897 Gulden hinterliess er mehrere ausgezeichnete Landschaften, von denen viele vermutlich nicht gemalt worden wären, wenn er sein Glück im Tulpenhandel hätte machen können. Er war das letzte bekannte Opfer des Tulpenfiebers. Der Traum vom schnellen Geld dank Floras reichen Gaben war vorbei.