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Die Heidi-Klum-Kurve

März 16th, 2010 | stazol

Ein Piercing wird zum Pièce de Resistance, zum Stein des Anstosses, Heidi Klum nimmt Anstoß daran, und als das Möchtegern-Model-Mädchen sagt, sie, Heidi, selbst hätte doch auch ein Tattoo, sagt Heidi jenen Satz. Einen Satz, den man kaum glauben kann. Sie redet vom Ende ihrer Karriere, das nun erreicht sei, und eine Nation hält den Atem an. Gerade hat sich noch der Boulevard auf sie eingeschossen, immer nur zerrt die Presse am Image – Deutschland liebt seine Heidi nicht mehr. Die neueste Staffel von „Germany´s Next Topmodel“ – es könnte Heidi´s letzte sein. In Deutschland. In ihrer Wahlheimat USA ist die Karriere noch lange nicht beendet, man hört von einigen, sicher gewinnbringenden Projekten, man hat keinen Zweifel daran, Heidi wird weitermachen, und wenn sie 2015 eine Home Interior Linie aufmacht. Man muss sich um sie keine Sorgen machen. Sie hat bereits einen Plan, soviel ist sicher. Und vielleicht war´s ja auch nur ein PR-Gag, um wieder in die Schlagzeilen zu geraten. Aber Deutschland macht sich gerne Sorgen.
Wäre sie ein Container, die Deutschen würden sie lieben: Heidi Klum, Exportweltmeisterin ihres unbestrittenen Talents, sich ungestüm selbst zu vermarkten, Heidi Klum, die über Schönheit gebietende Halbgöttin, Heidi, die Mutter von vier Kindern, glücklich verheiratet und sogar auf den Oscars verehrt, in den USA der deutsche Schlager – nun, daheim gilt sie nichts, das Model, das so recht wohl nie eins war.
Eigentlich hat sie doch niemand was getan. Gut, da ist ihre Stimme, die selbst einem Thomas Gottschalk die Schweissperlen ins Gesicht treibt, und ja, da ist „Germany´s next Topmodel“, ein Fernsehtraum, der trotz Echo-Preisverleihung bei den Öffentlich-Rechtlichen den Privaten noch 19 Prozent Einschaltquote bringt – wen stört es, dass das Format ein gut erzähltes Märchen ist, vom Mädchen, das auszog, das Modeln zu lernen. Und von dem dabei Dinge verlangt werden, die auf keinem Laufsteg der Welt üblich sind, doch woher soll Heidi das wissen, auf den Wichtigen war sie nie, „ich kenne Sie nicht, sie war nie in meiner Schau“, ätzt Karl Lagerfeld, „Claudia kennt die auch nicht, die war nie in Paris“ – warum auch? Sounds like a personal problem, Karl! „Wer ist eigentlich Karl? Karl Who?“ war ihre Antwort. Touché! Seit wann ist es eine Sünde, nicht für Chanel gelaufen zu sein? Und trotzdem hämt die Republik.
Es ist ein Seltsames an den Deutschen, dass sie die, die sie verehren, plötzlich fallenlassen und auf sie einhauen, als würden sie sich selbst nicht verzeihen, einmal so begehrt zu haben. „Yet each man kills the thing he loves“ bemerkte Oscar Wilde einst, und genauso ist es, zumindest in Deutschland. Da ist Herr Joop – wer ist eigentlich Wolfgang Joop, in Amerika reüssierte er nie und ein Weltstar ist er auch nicht, auch wenn sein „Wunderkind“ als einziges deutsches Label in Paris zugelassen ist auf den Schauen – der unaufgefordert „ich weiss nicht, was an Heidi echt ist“ zu Protokoll gibt – aber wer hat denn je verlangt, im Blitzlichtgewitter echt zu sein?
Heidi Klum, eine Mischung aus „Yes we can!“ und „Du bist Deutschland“? Möglich ist es.
Dass sie zu ihren Fältchen steht, „die habe ich eines Morgens entdeckt, und gleich eine neue Kosmetiklinie aufgelegt“ – wer könnte das schon, aus dem Stand, und gehen Lagerfeld oder Wolle Joop – eigentlich nicht im gleichen Atemzug zu nennen – so offen mit ihrem Alter um?
Sie hat vier Kinder, sie hat eine, so scheint es, glückliche Ehe, sie kriegt noch ne eigene Karriere hin – was sagt eigentlich Frau von der Leyen zu so einer selbstbewussten jungen Frau, die ihr Leben und ihre Laufbahn so gut im Griff hat und auch noch ein tolles, schönes Familienleben hinkriegt? Wer einmal gesehen hat, wie Heidi ihre drei Monate alte Lou im Arm trägt und ihr Gesicht vor den Paparazzi schützt, der kann an dieser Harmonie nicht ernsthaft zweifeln. Klar, hier, in den USA, da wird Karriere gemacht wie selten, da wartet eine Lizenz für Umstandskleidung, da wartet Victoria´s Secret, denen es egal ist, ob Heidi ein paar Pfunde mehr drauf hat, da wartet dieser diamantbesetzte BH für mehrere Millionen einer Währung Ihrer Wahl.
Sind die Deutschen nicht fähig zur Abstraktion? Ist da etwa kollektive Verbitterung? Weltschmerz gar? Was bitte macht denn ein Mädchen, die entdeckt wird und dem plötzlich alle Türen offen stehen, einfach, weil sie schön ist? Welche andere Frauenrolle kann denn ähnlich schnell besetzt werden? Heidi als Bundeskanzlerin? In den USA liebt man solche Geschichten, es ist ein Abklatsch der Gesellschaftsblätter, Erfolg macht sexy, jeder New Yorker Taxifahrer freut sich mit dem Fahrgast, wenn der ein gutes Geschäft abgeschlossen hat, Neid kennt die US-amerikanische Gesellschaft so nicht.
Und sie selbst? Sie scheint das alles eher gelassen zu sehen, und sie weiss, dass ihr Volk jede Sekretärin ausspäht, ob die etwa schon wieder neue Schuhe hat. Wenn, dann ist es ein stilles Leid, dass Heidi hat oder eins, über das sie längst hinweg ist. Die Kleingeister, die Kleinbürger, die Kleinmütigen, die ja so gern auch mal ein Star wären und ihr jeden Atemzug neiden. Und GNTM ist da das Ventil, für die Mädchen, die etwas gerade gewachsen sind und glauben, die nächste Auermann zu sein.
Dass Heidi Klums Atemzüge einem den Atem stocken lassen, wenn sie auf dem roten Teppich wieder einmal einherschwebt, dass sie bislang in der Wahl ihrer Garderobe guten Geschmack gezeigt hat – man denke nur an die Oscarnacht, ihr Kleid aus schwarzem Seidenmoirée und die Rivière aus Diamanten? In echt war es nur aufgestickter Strass – aber wir sprechen von einer Mutter und Ehefrau im Stress. Wir sprechen von einer vierfachen Mutter.
Dass sie mit einem rotlogo-verzierten Blatt nicht spricht, nicht sprechen will, weil sie sich auf dieses Niveau nicht herablassen will, wer wollte ihr das verdenken? Wo steht denn geschrieben, dass man sich erst hochschreiben lassen muss, um bald darauf wieder niedergeschrieben zu werden? Verehren, Fallenlassen, Draufhaun. Made in Germany.
Und damit das nicht passiert, gibt es ihren Vater Günther, der so ziemlich alles regelt und schon mal nen Hartz-IV-Empfänger verklagt, der Heidis Lippen (!) abfotografiert hat (!!), um eine Collage zum persönlichen Gebrauch zu machen (!!!). Der Zweck Heidi Klum heiligt die Mittel, die Gesichter der Kinder müssen in deutschen Blättern immer gepixelt werden – in den USA gilt dieses Reglement natürlich nicht. Sie hat es auf das Titelblatt des Wirtschaftsmagazins Forbes gebracht, ihre Einnahmen wurden 2006 schon auf 7,5 Millionen pro Jahr geschätzt, in einer Währung Ihrer Wahl.
Natürlich macht sich so eine Frau Feinde, ihren Ex-Kollegen, Amin Peymann etwa, den sie offenbar kalt abserviert hat: „Als ihr Modelagent machte ich sie in Deutschland bekannt und verschaffte ihr 1999 den ersten Auftritt bei ‘Wetten, dass…?’”, erzählte Amin der “BamS”. “Da war Heidi zwar in den USA ein Star, aber in Deutschland nicht interessant. Diese gemeinsame Zeit mit einem Satz in einer E-Mail zu beenden, ist nicht sehr freundschaftlich.” Im Chat schreibt er etwas verbitterter „Ich amüsiere mich köstlich :) “ – Hauptsache in den Medien, Hauptsache noch beim Gefeuertwerden bemitleidet – und Heidis Ruhm auch noch mitbenutzt. Wer sagt, dass man solche Leute nicht als Feinde will?
Im Jahr 2002 bringt der Inselstaat Grenada eine Heidi-Klum-Briefmarke heraus, eine Ehre, die ihr wohl so schnell niemand nachmacht. Sie ist eine Deutsche, sie ist eine von uns. Kann man da nicht einfach mal applaudieren?
Heidi Klum vereint die so selten gewordene Air mit Anstand, und schon in ihrer Botschafterfunktion in den USA ist sie der Inbegriff einer deutschen Frau, die für ihre Leistung respektiert wird. Eine ähnliche Einstellung ist von deutschem Publikum selten zu erwarten. Wir leben in einer schnelllebigen Medienwelt, da muss Skandal und Rachsucht her. GNTP ist ja Teil einer Dramaturgie, und auch die Klum ist ein Teil von ihr – Shows in diesem Format laufen so.
„Meine Karriere ist am Ende“? Das, liebe Frau Klum, wollen wir doch nicht hoffen. Deutschland braucht sie. Und die Welt. Und es kostet Sie nur ein Lächeln.
HARALD NICOLAS STAZOL

Weil´s so schön war: der Butler von Lady Diana

Februar 5th, 2010 | stazol

Vermutlich amüsiert
Wenn Königinnen vergesslich werden rollen im Volk die Köpfe: Elisabeth Windsors Erinnerungsvermögen, so scheint es, kann Menschen ins Gefängnis bringen. Oder auch nicht. Je nachdem. Wird den Steuerzahler Anderthalb Millionen Pfund kosten. Prozesskosten. England tobt. Der Guardian, lange schon Gegner der Monarchie, schäumt: „Sollte die Königin tatsächlich einen Augenblick blendender, plötzlicher Wahrnehmung gehabt haben, im Fond der königlichen Limousine, dann keine Sekunde zu spät.” Sieben Jahre wären es gewesen, im Höchstfall, für den Butler Paul Burrell. Er ist jetzt 44, wäre mit 51 rausgekommen, aus einem der überfüllten viktorianischen Gefängisse Englands. Majestät haben ja auch wirklich viel zu tun. Da kann man leicht vergesslich werden. Vor allem, wenn es nur um einen Butler geht: „Man weiß nie, woran man bei ihnen ist”, schreibt etwa Brian Hoey, ein ehemaliger königlicher Page, „Am besten bleibt man so formell wie möglich. Ihre Freundlichkeit währt, solange du nützlich bist. Aber sie lassen dich nie vergessen, dass du nur dienst.”
Der Gärtner ist ja immer der Mörder, aber dass Dianas Butler kein Dieb war, es ist nun entschieden. Jedenfalls vor Gericht. Viel schneller, als erwartet. Der Prozess? Eine königliche Farce. Ein ganzes Land macht sich lächerlich. Es gibt Parlamentsanfragen. Na ja, den Versuch. Sie werden niedergeschlagen, sofort, weil man den Souverän nicht in Frage stellen darf. Europa, im November 2002.
Paul Burrell, will schon immer dienen. Als er acht Jahre alt ist und die Changin of the Guards zuschaut, ist er begeistert: „Ich werde hier arbeiten” sagt er seinen Eltern, eine Lastwagenfahrer für Kohlen aus Derbyshires Minen und einer Putzfrau. Zum Prozess trägt der Vater weiße Schuhe. Paul studiert Hotel-Management, bekommt Angebote vom Royal Household und von der Reederei Cunard. Den Brief von Cunard bekommt er nie zu sehen. Seine Mutter verbrennt ihn. Er arbeitet sich nach oben. „Footman Number Five” ist die unterste Charge des Palastes, der Schuhputzer. „Page of the Presence” kommt dann, „Page of the Chamber”, dann, höchste Weihe, der „Page der Hintertreppe”, der Mann, der der Königin dient.
Als Diana sich trennt, macht sie eine Liste der Dinge, die sie behalten will. Burrell ist ganz oben auf der Liste. Als sie stirbt, fürchtet man um seine geistige Gesundheit. Er fliegt zur Leiche, identifiziert sie, weiß, dass sie es ist, „an den roten Fußnägeln”. Kleidet sie für die Beerdigung. Verbrennt die blutigen Kleider in seinem Garten. Irgendwann in dieser Zeit muss er die Audienz haben. Der Königin sagen, dass er Dinge behält. Aus Sicherheitsgründen. Sie ist die Hauptzeugin. Wenn sie sich erinnert, gibt es keinen Fall. Elisabeth Windsor, Verteidigerin des Glaubens, erinnert sich nicht. Zwei Jahre lang. Nach dem letzten Job als Fundraiser für Dianas Minenprojekt ist Schluß für Burrell. Noch 3000 Pfund, dann byebye. Er schreibt ein Buch mit Tipps über´s Bananenessen mit Messer und Gabel, hat einen Blumenladen und 160 000 Pfund Steuerschulden. Nun kriegt er wohl 400 000 Pfund für seine Story. Vom Daily Mirror und vom Fernsehen. Wird nichts sagen über die Königen. Diana. Oder die Familie. Aus lauter, lauterer Loyalität.
Old Bailey, Court Nr. 1. Hier wurde Oscar Wilde verurteilt. Christine Keeler angeklagt. Es ist ein wenig wie bei Freissler: Ein veritabler Schauprozess. Denn hier geht es um mehr. Dass die Regenbogenblätter brüllen, jeden Tag an jedem Kiosk, ist gewöhnlich. Dass die Abendnachrichten erste Meldungen bringen, schon weniger. Amerikanische Zeitungen üben sich in Vorverurteilung: „Warum hat er es getan?”, fragen Kollegen von über´m Teich. „Deswegen gibt es hier eine Verhandlung” antworten entsetzt die Europäer. Hoffen, nie in die Fänge des amerikanischen Rechtssystems zu geraten. Oder des britischen.
Mit normalen Maßstäben ist Diana längst nicht mehr zu messen. Glaubt man den Schlagzeilen, steht das Volk kurz vor der Lynchjustiz. „Butler stahl Dianas Schätze” brüllen die — es war wohl alles rechter Schrott. Nur weil der Prinzessinnen-Mythos so groß ist und ihre Fans so verrückt, wird in den Augen des Staatsanwalts jede CD-Hülle zum Landesverrat.
Hier wird etwas anderes verhandelt. Es geht, wie immer in England, um die Demokratie. Um Adel gegen Volk, wenn man so will.
Deswegen wird einer der brilliantesten Verteidiger des Königreichs, aufgeboten: Lord Alex Carlile. Graue Schläfen, hoher Wuchs, scharfer Blick, drängt er sich durch die Reporter: „Entschuldigung, wie Sie sehen habe ich eine Perücke auf, ich darf das. Oder ist das bei ihnen auch ein Perücke?” Er ist ein Mann des Volkes, ehemaliger Labour-Abgeordneter aus einer Familie von Parlaments-Reformern, spät geadelt. Ein Redner vor dem Herrn. Ein Superhirn, da sind sich alle einig, hinten, auf der Zuschauerbank. Sowas braucht er, der Butler. Denn er ist keins. Das kann man wohl so sagen. Bei allem Respekt.
Und deswegen verteidigt er, der Verteidiger. Gewitterartig blitzen die Argumente, immer pfeilschnell ahnen Mylord Gefahr, rasend hetzen die Sätze. Dafür ist Carlile berühmt. Ganz zu Anfang, kurz, nachdem man die Jury auswählt, arme Untertanen, die eigentlich mit insgesamt fünf Wochen mindestens rechnen müssen. Ganz unschuldig sind, sitzen müssen, auf der Jury-Bank, links, jeden Tag. „Denken Sie Gürtel und Hosenträger”, sagt Judge Rafferty, „gehen Sie ganz sicher, dass sie die nötige Zeit haben.” Wobei, so sagen die Kollegen von der BBC, jeder Yuppie einen Skiurlaub anführen kann, der nicht zupass kommt, und er darf gehen. Königs kommen nie.
Lord Carlile schickt sie raus. Immer. Alle zwölf. Wenn er zum Beispiel sicher gehen will, dass die Nacktfotos der Prinzen, die hatte er nämlich, der Butler, als Negativfilm, nicht zu seltsamen Zwecken gehortet wurden. „Wollen mein edler und gelehrter Freund”, so nennt man den Staatsanwalt besser und verbeugt sich, „wollen er zur Kenntnis nehmen, dass dies nicht aus niederen, sexuellen Motiven gar, geschah.” Und als die Jury wieder reinkommt (erheben, verbeugen, setzen), wird sie folglich in Kenntnis gesetzt, dass Paul Burrell womöglich alles war, aber wohl kein Päderast.
Lord Carlile verteidigt einen Chancenlosen. Solange Elisabeth schweigt, auf verlorenem Posten. Einen Mann, der seine Manieren zu Geld macht. Seine Hingabe an ein verwöhntes, weitestenteils kindisches Oberschicht-Girl zum Beruf. Und seine Unterwürfigkeit vermutlich zu Liebe.
Wer hat in Schröders Deutschland denn noch Kammerdiener? Wer ahnt denn in England noch etwas vom Vertrauen der Herrschaft in die rechte Hand, die Perle? Jeder Ehemann weiß, wie frischgebrühter Kaffee sorgsam bereitet Wunder wirkt. Wer wollte es ihm, dem Butler, verdenken? „The rock, meinen Felsen”, hat Diana ihn zwar wohl nie genannt. Auch so eine Erfindung der Klatschspalten. Ihre Mutter nannte sie manchmal „My rock and star”. Aber mit der hat sie die letzten vier Monate ihres Lebens auch nicht mehr geredet.
Dass eine ganze gesellschaftliche Klasse von der Anbetung der Massen lebt wie eine Popstar-Riege und über den Tod hinaus zum Geschäft werden kann — das wird hier verhandelt. Es geht um Marktwert. Weil eine staubige CD-Hülle bei Sotheby´s Millionen wert ist, wenn Diana auch nur einen Filzstiftkringel draufgemacht hat. Der Butler, eine schwache Dienstbotenseele, wie sie jedes Vereinsheim kennt, jede Hausfrau mit Putzfrau, jedes Fünf-Sterne-Hotel, ist wahrscheinlich schlicht überfordert. Paul Burrell, gerade hat er sich in der Gerichtskantine im zweiten Stock vor der Thermoskanne mit Kaffee schon wieder verbeugt, ist wahrscheinlich der höflichste Mensch der Welt. Aber eben überfordert.
Nicht von der Versuchung. Vom Ramsch.
Das erste Corpus Delicti, mit ihm kommt der Stein ins Rollen. Eine Unsäglichkeit von einem goldenen Adler, geschenkt von einem arabischen Scheich. Taucht in einem Antik-Laden auf. Staatsgeschenk? Kitsch? Wollte sie es loswerden? Eine Frau, die beim Anblick der Flugzeugeinrichtung ihres letzten Verehrers, Dodi Al Fayeds, so berichtet ihre beste Freundin Rosa Monckton, einen Lachanfall bekam? Wegen dem ganzen Protz?
Ihre Kleider. Unendlich viele. Geschenkt von Designern, maßgefertigt von Versace, etc, etc. Allein den Überblick zu wahren. Klar, dass sie´s irgendwann verkauft hat. Unter der Hand. Und klar, dass der Butler damit betraut war. Wer auch sonst? Und wie denn bitte zurückkommen, mit so einer Unsäglichkeit, die womöglich im Second-Hand-Laden hängt wie Blei, weil ja das Namensschildchen fehlt. „Sorry, Mylady, das wollte keiner?” Einer ohnehin überlasteten Frau noch weitere Sorgen machen? Unmöglich! Also wegverstauen. Und wer will entscheiden, ob der leibliche Bruder, Earl Spencer, mehr Recht darauf hat, ein hübsches Sümmchen daraus zu schlagen, im profitablen Diana-Museum? Mehr Recht als der Butler? Der jeden Tag, in guten, wie in schlechten Zeiten, mit ihr zusammen war?
Zwei Familien streiten um England. die Spencers, die Windsors. Die einen haben endlich einen Thronerben, ganz wie bei Shakespeare: Dianas Sohn William, 21. Wie fühlt er sich, wenn die Liebesbriefe seiner Mutter verlesen werden, öffentlich? „My Darling Wombat” — geliebtes (australisches) Kuscheltier?
Wer Hitchcockfilme kennt, „Zeugin der Anklage”, der weiß, wo Marlene Dietrich stand. Wo sie zitterte. Hier wurden Todesurteile gefällt. Zuletzt 1956. Der weiß jetzt, wo Dianas Mutter sitzt. Lady Shand Kydd. Eine Dame, die weiß, was sich gehört. Ihre Ladyschaft braucht fünf Minuten am Gehstock um allein in den Zeugenstand zu kommen. Den Holzvertäfelten. Gleich neben den fünf hohen Lehnstühlen. In jenem hohen Raum, vor dem höchsten Gericht des Vereinigten Königreichs.
Der mittlere Stuhl bleibt immer leer, hier sitzt im Geiste der Lord Mayor of London, und eigentlich die Krone, in diesem Fall Elisabeth Regina, Verteidigerin des Glaubens. Aber da es im Fall Regina vs. Burrell um Familienangelegenheiten geht, Familie gegen Butler, ist sie natürlich nicht da. Die Königin. In ihrem eigenen Gericht erscheinen. Wäre ja noch schöner. Auch die Prinzen, Charles, William, Harry, müssen nicht kommen. Obwohl sie doch Opfer sind, des diebischen Butlers. Jedenfalls für die Dauer der Verhandlung. Königs, vor Gericht. Wäre ja noch schöner.
Gedroht hat Lord Carlile. Mit „einigen interessanten Vernehmungen”. Er hätte wahrscheinlich die Prinzen in den Zeugenstand geholt. Wenn man ihn gelassen hätte. Drei Tage lang geht er in den Pausen mit Burrell durch die St. Pauls Cathedral, vom Gericht links um die Ecke. Der zittert aus Loyalität. Will nicht auspacken. Mylord werden das „nie vergessen”. Burell stellt sein Wohl hinter das seine Königin. „Die Königin und Prince Charles hatten nicht unbedingt das Wohl von Burrell im Auge”, schreibt Stephen Bates im Guardian, „Es gibt wichtigere Dinge zu schützen.”
Hochkompliziert, das englische Der Staatsanwalt, der ehrenwerte William Boyce, QC, lugt unter seiner Perücke hervor und erhebt Anklage im Namen des Staates. Im Namen der Königin. Aber eben nicht im Namen der Person Elisabeth.
Das Schwert über dem Kopf von Richterin Rafferty — sie leitet strengsten Vorsitz, ganz in rot – stammt aus dem Jahr 1516, wird bei Gelegenheit tatsächlich vor ihr hergetragen. Schlug einmal Köpfe ab. Der Mann in lila Samt und schulterlanger Perücke, der manchmal von rechts kommt wie aus einer überkandidelten Wetterstation, ist der Sheriff von London. Der Mann hat das Hausrecht hier. Er wohnt oben, irgendwo unter dem riesigen Dom des Gerichtshofs, in einem chicen Apartment aus dem 18. Jahrhundert, und isst täglich mit seinen Richtern dort Mittag. Bedient, so ist zu hoffen, von weniger diebischen Butlern.
Doch dazu eben die Verhandlung. Fair, dafür sorgt Judge Rafferty. Einmal, als sie aufsteht, und die Reporter und das Publikum oben, rechts unter Decke, wie eine Schulklasse flüstern, dreht sie sich um. Bleibt wie angewurzelt stehen. Mit gerunzelter Braue, leicht vorgebeugt. Als könnte sie einfach nicht fassen, was grade passiert. Sofort kehrt Ruhe ein. Sie geht, nein, schreitet ab. Elisabeth die Erste mag so gegangen sein, an William Shakespeare vorbei.
Dianas Mutter, Frances Shand Kydd, 66, hat nächtelang Dokumente geschreddert. Im Kensington Palast. „Er hat sie dabei mit Erfrischungen unterstützt”, sagt Lord Carlile, „mit einer Flasche Wein, und einem Glas.” Ihre Ladyschaft antwortet: „Mag sein. Ich erinnere mich nicht.” Natürlich, Hoheit. Wer bemerkt denn schon einen Butler? Und wer, Majestät, mit Verlaub, erinnert sich schon an ein Gespräch mit einem Dienstboten? Und vor allem: Wann? Immer erst dann, wenn der Tower droht?
HARALD STAZOL

Der Rotlichtbezirk von Amsterdam as printed in Merian Amsterdam

Januar 21st, 2010 | stazol

Von Harald Stazol
Im berühmtesten Rotlichtviertel der Welt sind die meisten Frauen ihr eigener Chef. Wer sich anbieten will, mietet ein Fenster – ganz legal. Der Staat bestimmt die Regeln im Berufsverkehr.
Manche Männer klammern sich an die Illusion. Sie wollen einmal derjenige sein, bei dem sich mehr ereignet als bei allen anderen. Ein ewiger Männertraum, auch hier im ältesten Teil Amsterdams; jenem bisschen Land, das die Stadt im 13. Jahrhundert dem Wasser mit einem Wall abtrotzte, der dem Rotlichtviertel seinen Namen gab: De Wallen, verniedlicht zu Walletjes.

Tausende von Männern wandern täglich durch die Straßen, vorbei an Fenstern, hinter denen die Frauen Barbiepuppen in Plastikverpackungen gleichen: Körper auf purpurnem Grund, weiß, schwarz, elfenbeinfarben und manchmal schon ein wenig welk, allesamt käuflich, alle zu haben.

Männer sind Kunden, Freier. Und Freier, die davon träumen, etwas Besonderes zu sein, “lesen zu viele Frauenzeitschriften”, sagt Jacqueline und lacht. “Softies, die einem sagen, ich will, dass es auch schön für dich ist.” Sie lacht noch lauter, wirft ihren Kopf in den Nacken und rollt mit den Augen. “Ich denke immer nur: come on! Habe alles andere im Kopf – wo ist meine Geldbörse, wie spät ist es, ich bete, dass das Kondom nicht verrutscht! Was bilden die sich ein?”
Jacqueline war berühmt für ihre roten Haare und ihre Hotelbesuche, ihr Leib war beliebt. “Immer hatte ich die volle Kontrolle über die Situation”, versichert sie unaufgefordert, sogar bei der Fußballmannschaft, damals im Hotel. Erst seien sie ganz laut gewesen in der Lobby, und dann auf den Zimmern ganz kleinlaut, einer nach dem anderen. Wieder lacht sie.

Vor sieben Jahren hat Jacqueline aufgehört mit dem Job, viele Freier bedauern das. Dennoch ist sie im Viertel geblieben und auch im Milieu. Sie arbeitet im Prostitutions-Informations-Zentrum gleich neben der Oude Kerk, der Alten Kirche, erklärt gerade einem italienischen Touristen den Unterschied zwischen Swinger-Clubs und Bordellen. Ja, es gebe ihn noch, den Club Paradis hinter der Eisenbahnbrücke, wo er vor Jahren schon einmal war. Nein, die Ladyboys seien jetzt woanders.

Transvestiten seien gerade in, sagt sie, als der Italiener gegangen ist. “Erst kamen die Schwarzen, dann die Asiaten, dann Osteuropäerinnen und jetzt die Transvestiten.” Die Realität knallt einem manchmal hart ins Gesicht im Walletjes, härter als anderswo in der Stadt. Im Hotelprospekt war vom “Supermarkt der bezahlten irdischen Liebe” zu lesen, vom “visionären Modell einer urbanen Harmonie”.
Was wohl die Junkies an den Brücken von der urbanen Harmonie halten und was die Frauen hier von der irdischen Liebe? Sie riecht nach Cognac, jene Frau, die plötzlich da ist, sich festklammert und den Ärmel nicht mehr loslässt. “Deutsch? Sprechen Sie Deutsch?”, fragt sie mit schiefem Mund, ihre Zähne sind abgenutzt. “Ich spreche auch Deutsch”, sagt sie dann und geht.

Da steht der alte Schwarze, den alle den Sänger nennen. Er hat immer einen Reggae auf den Lippen, “Baby, I’m yours, baaaaby, I’m yooours”, singt er kehlig, dazu klimpern ein paar Münzen in seiner Plastikflasche. Jeden Tag dreht er seine Runden, leicht gebückt. Am Kirchplatz steht ein athletischer dunkelhäutiger Junge, im durchsichtig-schwarzen Spitzenkleid und hohen Pumps, mit einer roten Rose am Dekolleté. Er winkt. Trompettersteeg heißt die Gasse, die mittelalterlich eng zwischen zwei Häuserreihen verläuft. Zu beiden Seiten sitzen die Frauen, dicht an dicht. Man muss ganz nah vorbei an ihnen, so nah, dass man sie berühren könnte. Einige von ihnen haben engelsgleiche Züge. Ein paar wirken stolz wie die lebensgroßen Porträts der niederländischen Bürgerfrauen im Rijksmuseum. Nur dass die hier sich mehr bewegen und weniger bekleidet sind.

Eine von ihnen ist Marilyn. Natürlich heißt sie nicht wirklich so, alle Frauen hier haben Künstlernamen. Marilyn spricht für Geld. Sie ist blond wie die meisten hier, denn Blonde machen mehr Umsatz. “70″, sagt sie und sieht dabei ein klein wenig aus wie die Monroe. Sie hat eine Menge Ringe im Ohr und eine schmale Taille. Sie redet viel und trinkt Dosenbier, während sie erklärt, was bei ihr wie viel kostet. Ihre Stimme klingt selbstbewusst. Nur manchmal am Ende ihrer Sätze – man hat es schon bei anderen gehört im Viertel – kommt der Eindruck auf, dass der forsche Ton einen kurzen Moment lang bricht. Und dass es bei aller Routine eben doch keine Arbeit ist wie jede andere, hier im Walletjes.

Ob ihn auch andere Männer hören, diesen brüchigen Unterton? Ob die sich auch hinter die Glastür begeben, sich zunächst fühlen wie Alice im Wunderland und dann ziemlich schnell wie Lieschen im Verlies? Ob sie die Kacheln sehen, die den Boden bedecken, die dünne Schaumgummi-Matratze ummauern bis hin zum Waschbecken in der Ecke? Ob sie Zitronenputzmittel riechen, den synthetischen Lavendel und den leichten Duft nach Hallenbad? Marilyn trägt Leder. “Wenn du willst, auch etwas in Weiß”, das hat sie selbst entworfen. “Ich tanze auch”, sagt sie. Erotisch, versteht sich.

Jeden Tag lehnt sie einen Steinwurf von der Kirchmauer entfernt in ihrem Fensterrahmen, legt das linke Bein auf einen Ikea-Barhocker, unter sich weiße Kacheln, hinter sich eine unschuldige Jugend und vor sich gaffende Engländer. “Zehn Italiener kannst du in einer Stunde machen”, erzählt sie, “weil sich immer der Rudelführer ein Mädchen aussucht, und das wollen dann auch alle anderen haben.” Die Deutschen seien am gründlichsten, sagt sie, und Geld bei denen nie ein Problem.

Marilyn lacht. Marilyn liebt Strass. Und zurzeit Eric, einen Hünen von zwei Metern, keine 25 Jahre alt, ein Strahlemann mit einem riesigen Tattoo auf dem Rücken, der ihr Ärger vom Leib hält: “Durch mich kommt keiner durch, und an mir kommt keiner vorbei”, sagt er. Wer es nicht glaubt, sollte einmal erleben, wie er mit bloßem Hände-in-die-Hüften-Stemmen 20 Texaner am Näherkommen hindert, die Marilyn gern mal fotografieren würden. Geht nicht, sagt er dann. Und wenn Eric das sagt, begreift das jeder Texaner.
Ob er manchmal eifersüchtig ist? “Klar, ist doch nur menschlich. Ich muss das einfach lernen. Aber Marilyn und ich reden oft darüber, das hilft.” Nur wenn sie direkt vor ihm angemacht wird, auf einer Party oder im Pub, “dann gehe ich auf den Typen zu und warne ihn. Einmal. Ich warne niemanden zweimal”, sagt er. Eric trägt Marilyn zum Auto, wenn sie nicht mehr laufen kann auf ihren Zehn Zentimeter-Absätzen. Und wenn sich die beiden küssen, dann wirkt das sehr verliebt.

“Keine Kissen!” Christy, die Vorsitzende der Hurengewerkschaft “De roode Draad” – Rubens hätte diese Frau geliebt – schlägt mit der Hand auf das rostige Brückengeländer. Das bebt, weil sie sich so aufregt: “Allerhöchstens Nackenrollen! Das ist Regel Nummer eins! Damit du nicht erstickt werden kannst!” Kissen aber sind neuerdings Vorschrift, auf Beschluss der Herren und Damen in Den Haag, Paragraf 250a, seit dem 1. Oktober 2000 in Kraft. Nur ein Detail aus der neuen Gesetzgebung über Prostitution.

Eine Neuregelung war überfällig, das alte Recht widersprüchlich: Prostitution wird zwar seit 1811 geduldet, Rotlichtbetriebe und Zuhälterei aber waren de jure verboten. Die in der juristischen Grauzone angesiedelten Bordelle zu legalisieren, war erklärtes Ziel der Gesetzgeber.

Die Bordellbetreiber und viele Prostituierte sehen das anders. Die Regierung wolle das Geschäft unter Bewachung stellen und dem ganzen Viertel Stück für Stück den Garaus machen. So sieht es auch Gewerkschaftschefin Christy. “Bordelle brauchen jetzt Lizenzen”, sagt sie, und deren Anzahl sei begrenzt. Außerdem müssten sie immer wieder neu beantragt, aber nicht erteilt werden.

“Als einzige Berufsgruppe im Land müssen wir unsere Ausweise immer bei uns tragen! Und dann Kissen! Da sieht man mal, wie wenig Ahnung die haben.” Sie fährt sich mit beiden Händen durchs lange Haar, einige Männer verlangsamen ihren Schritt. Dabei arbeitet Christy gerade nicht. Erst gestern hat sie einen Hausbesuch gemacht, einen “Schnabbel”, wie sie es nennt. Ganz legal, weil sie Bürgerin eines europäischen Staates ist und in den Niederlanden Steuern zahlt, anders als die schätzungsweise 15.000 Frauen, die landesweit illegal der Prostitution nachgehen. “Ich glaube nicht, dass die aufgehört haben zu arbeiten!”, sagt Christy. “Seit die Bordellbesitzer die Pässe sehen müssen, wenn man für sie anschafft, sind nur die Preise für falsche Papiere gestiegen.” Die Illegalen würden in den Untergrund gedrängt – ein weiteres großes Manko des neuen Gesetzes.

Viele der Fenster im Viertel stehen deshalb leer. Und man sieht jetzt tagsüber oft Männer, die ein Stück rötliches Papier gegen das Tageslicht halten, um Wasserzeichen zu prüfen. Immer, wenn sie ein lautes Pfeifen hören, laufen sie auseinander, genau wie die Dealer. Dann kommt Hugh um die Ecke, der Polizist. Er ist seit 32 Jahren hier, und auf sein Pfeifen achtet jeder, der keinen Ärger will. Dass man mit den Menschen leben muss, sagt er mit seinen gütigen Augen und dem grauen Vollbart, und dass die deutsche Polizei das sicher etwas anders sähe. Auf einmal blickt er starr und streng in eine Gasse hinein, wo ein junger Schwarzer so unbeteiligt wie irgend möglich an einer Backsteinmauer lehnt.

Marika van Doorning ist keine Prostituierte, aber in Sachen käuflicher Liebe macht ihr trotzdem niemand etwas vor. Seit fünf Jahren arbeitet die Soziologin für das Institut zur Erforschung der Prostitution, sie hat am Paragrafen 250 mitgearbeitet: “Vor dem Gesetz ist Prostitution nun ein Job wie jeder andere auch”, sagt sie. Mehr als 80 Jahre lang sei das Business nicht kontrolliert worden, da könne man nicht erwarten, dass sich jetzt sofort alle daran halten.
“Auch Legalisierung braucht Anleitung, die Prostituierten haben schließlich fast hundert Jahre proletarischer Emanzipation verpasst”, sagt Marika van Doorning. “Man muss ihnen die Rolle in der Gesellschaft geben, die ihnen zukommt.” Gering ist die nicht. In den Niederlanden gibt es laut Untersuchungen ihres Instituts 7000 offizielle Arbeitsplätze von Prostituierten, 450 Fenster allein in Amsterdam. Geschätzte 10.000 bis 12.000 Menschen arbeiten landesweit täglich im Gewerbe. Und zählt man die Gelegenheits-Prostituierten mit, sind es etwa 25.000, bei einer Bevölkerung von 16 Millionen. Man dürfe, sagt Marika van Doorning, die “Sexworker” nicht stets als Opfer sehen, der alte Mythos vom gefallenen Mädchen erschwere jede Diskussion. Nicht einmal die Migrantinnen ohne Aufenthaltserlaubnis seien Opfer des Milieus. “Sie fliehen vor der Armut oder aus einem frauenfeindlichen Kulturkreis. Erst die Illegalität zwingt sie ins Gewerbe. Sie ist das Problem Nummer eins, nicht die Prostitution.”

Ob es wirklich stimmt, was so viele der Frauen sagen: Dass sie immer die volle Kontrolle haben, in jeder Situation? Die Soziologin zögert. “Hofft nicht jeder, über sein Leben die volle Kontrolle zu haben?” Morgens um neun, wenn das Rotlicht ausgeschaltet ist, herrscht ein anderer Alltag im Viertel. Herr Smals steht an der Werkbank im Haus Oudezijds Achterburg Wal 133 und biegt ein Blech zurecht, es macht ein Geräusch, als würde jemand Teller in die Spüle fallen lassen. Der Traktor des Schrotthändlers rumpelt samt Anhänger vorbei, nahe am Wasser entlang, dort, wo am Abend zuvor ein Engländer von seinen Freunden in die Gracht gestoßen wurde.

Hinter den Fenstern stehen leere Stühle, vor die roten Leuchtstoffröhren sind weiße Klöppelvorhänge gerafft. Im Haus Nummer 51 wechselt ein Mann auf einer Leiter Sicherungen aus, nur seine Hosenbeine sind zu sehen. Drüben im Altenheim soll noch der Mann wohnen, der den Mädchen früher die roten Glühbirnen gewechselt hat. Im Star Shop an der Ecke sortiert Klaas eine Lieferung schmutziger Videos ein. Und gleich daneben sitzt bereits die Frühschicht. Blond, in schwarzer Spitze. Sie grüßt freundlich. In einem der verlassenen Fenster liegt auf dem Holzstuhl eine zerlesene spanische Zeitschrift. Ihr abgegriffenes Titelbild zeigt eine glückliche, junge Familie. Vater, Mutter und Kind. Der Vater trägt das Kind auf den Schultern und hält die Mutter im Arm.

China Club in Berlin

Januar 14th, 2010 | stazol

Wenn man den 38jährigen Generaldirektor einer amerikanischen Elektronikfirma in bester Laune antreffen will, und gleich daneben einer der bedeutendsten Privatbankiers des Landes, schlemmend, ganz privat, ganz entspannt, dann ist man im China Club Berlin: Eine der neuerdings besten, exclusivsten und — man muss es sagen — schönsten Adressen der Hauptstadt. Es mag daran liegen, dass in der holzgetäfelten Bibliothek Dantes Göttliche Komödie gleich zweimal zum Präsenzbestand gehört, oder daran, dass der Kanzler selbst beim Besuch sofort ausrief, „Ich will kein Mitglied werden” — wobei er natürlich wollte, aber die 10000 Euro Aufnahmegebühr beim Wähler wohl nicht so gut ankämen. Dabei eignen sich die Separées Concubine I und II, ganz in Seide, ganz diskret, ganz hervorragend für Koalitionsverhandlungen und Rücktrittsdrohungen, während man die aussergewöhnlichen Creationen von Chef Tam genießt, dem in Gourmetkreisen zu Recht angebeten chinesischen Mâitre de Cuisine. Der hat erstmal Salzwassertanks angeschafft, um den Fisch auch wirklich frisch zu servieren, ganz geschockt war er vom deutschen Lebensmittelgesetz, als er im Großmarkt einkaufen wollte und ihm der Fisch vor der Nase geschlachtet wurde. Die Peking Ente läßt er aus London liefern, „wegen der Qualität”, und die kalte Mango-Suppe zum Dessert läßt schon mal den Wunsch wachwerden, auch zu den gesellschaftlichen High Rollern zu gehören, die sich hier zum Mitgliedsstamm zählen dürfen. Natürlich werden auch Gäste der Members bewirtet, beköstigt, „wined and dined” — ganz zu schweigen vom Kunstgenuß, der dann den wenigen Auserwählten noch ganz nebenbei von den Wänden herabperlt. Wo sonst sieht man noch Wandpaneele in chinesischer Schnitztechnik aus dem 18. Jahrhundert, die Wanderungen der sieben Gelehrten darstellend, goldlackiert? Oder zeitgenössische Kunst Chinas, kulturrevolutionsbefreit, die Privatsammlung, ach ja, der Initiatoren des Clubs, des Ehepaars Anna und Anno August Jagdfeld. Was also ist er denn nun, dieser Club der superlativen Soupers, der kunstsinnigen Krösusse, der kompatiblen Connoissseurs? Ein fast religiöses Refugium voller Tang-Pferde, voller edler Hölzer, voller schwerer stiller Pracht, geschmackvoll und stilsicher: Ein privates Parade-Paradies.
„Sehen Sie, unsere Kunden”, so sagt es der Geschäftsführer des Clubs, Axel Benz, als wäre er hier geboren und aufgewachsen, ein Gentleman ersten Ranges, „sie sind sehr anspruchsvoll, und eine Mitgliedschaft macht ökonomisch Sinn.” Für einen Konferenzsaal im Adlon, einen kleinen Empfang für Firmengäste sei man schnell 2000 Euro am Abend los, „da lohnt sich unsere plastikene Eintrittskarte im Vergleich”. Und da trifft es sich, dass Benz die Expansion auf 2000 Mitglieder anstrebt, von den 200 Beneidenswerten, die er bereits hat: „Meine Londoner bestürmen mich, das Konzept nach England zu exportieren.” Und gerade die seien es, die den versteckten Kolonialismus, die Anlehnung an den Hongkonger Club begreifen, die den Clubgedanken, hierzulande ein Novum, als Teil ihrer Kultur sehen.
Das Soho House in London mag man vergleichen, der Harvard Club in New York, alles schöne Häuser, alles Instanzen — nur hinein kommt man nicht — hier in Berlin hat man die Zugehörigkeit zumindest demokratisiert. Anno Jagdfeld, man trifft ihn selten, kurz ist er heraufgekommen, ein weißes Einhorn der Hochfinanz, gerade sucht der Mäzen, so heißt es, wieder einmal 300 Millionen zusammen für ein Projekt, Euro oder Dollar, man wagt nicht zu fragen, er hat eigene Ansichten: „Sehen Sie, Luxus schafft Arbeitsplätze, er ist die höchste Form der Demokratisiserung.” Ein bischen klingt er wie Maynard Keynes, „Enzensberger hat einen guten Essay geschrieben, kein System hat die Demokratie so nahezu vollkommen verwirklicht wie das unsere, im Nazismus und Kommunismus, da kommen nur die falschen Leute nach oben, da ist mir die freie Wirtschaft lieber.” Er ist ein intelligenter Mann, er hat wenig Zeit, und ein bisschen scheint es jetzt, als sei dies hier sein Privatvergnügen, er stellt es der Welt zur Verfügung, so wie er das Adlon hingestellt hat, aus dem märkischen Boden gestampft, eigentlich ein Wunder. Dann sagt er leise, „haben Sie die Kunst gesehen?” Ein eindrucksvoller Mann. Geld, Geist, Genie.
Man mag zur ökonomischen Situation in Sichtweite, hinten in Marzahn, stehen wie man will — hier läßt sie sich eine Zeitlang vergessen.
Und so macht es vielleicht auch ein wenig Sinn, dass Mao Tse-Tung diese elegisch-elitistische Entwicklung gleich zweimal von der Seite her skeptisch beäugt: Der Künstler Feng Zheng Je hat ihn als modernen Clown in Öl gebannt, der nun den Fahrstuhl flankiert, Fanal für Flanellträger, ein Kritiker des Kapitalismus. Im China Club Berlin stimmt eben wirklich alles. Klasse macht Kasse.
HARALD STAZOL

auf der jagd nach saudischen prinzessinnen, aus meinem zweiten roman “die fülle meiner affairen”, to be published

Januar 13th, 2010 | stazol

genf, hotel de la paix. zimmer 101, wie gewohnt. balkon über den platz und zur fontäne, merci madmoiselle. he did what he could, evidemment. unten in der halle um neun fred. ein zwei meter junge, 26, habe ich die götter denn unbewußt doch angefleht, der mit mir erst einmal zum hotel hilton geht, wo ein teil der 500 araber untergebracht ist, der hofstaat von könig fahd. ein chardonnay, akzeptabel, er ein bier hinter dem hotel, pub, die ganze straße voller mercedes, ein gelbes ferrari cabrio, und jede fußgängerzone voller araberinnen und ihrer kinder, ab und zu neugieriger blick eines flaumbärtigen araberchens, dann in die bar, fred schüchtern, was sagst du, wenn er fragt was wir hier wollen, ich: guten abend, einen drink bitte. er offensichtlich beeindruckt. ganz schön ehrgeizig, der junge. sieht schnell ein, dass er mit einem tele hier nicht weit kommen wird, sondern eher eine minox braucht. vorne in der siebzigerjahre verspiegelten pornolobby vom allerfeinsten erst mal zwei prinzessinnen, die auf nichts bestimmtes warten, dann ein haufen prinzen, dann nichts, nur sessel in rot, die aussehen wie rote lippen oder münder. unglaublich gelangweilte dicke männer stehen herum, der champagner kostet 17 franken, sein cocktail 22, wir radebrechen zwischen meinem noch nicht ganz fließenden französisch, er auf stöckelnden englisch. süß, mein zwei meter mann. er schon vorhin, auf die frage, wie ich ihn erkenne, naja, ich bin zwei meter, und ich, oh, i like that. bei mouawad dem leibjuwelier des saudis ein fliehendes pferd aus jade auf rotgoldenem boden, groß wie ein kofferradio, auf ein hindernis aus türkis, jaspis und perlmutt zupringend, von brillantbesetzten bäumen flankiert, daneben eine schale aus bergkristall und eine aus ausgehöltem rosenquarz, groß wie ein kinderkopf, edelsteinbesetzt, und ein spiegel mit goldenem ständer, von rubin blütenranken, saphiren und smaragden besetzt, kleines mitbringsel für die prinzchen daheim, jedes ne million, schnell geschätzt, währung? was sie wollen.
dann mit fred ins rotlichtviertel, wo er ein paar schwere jungs kennt, weil die araber ganz offensichtlich rauhe mengen von dildos, dvds und girls einkaufen. ins sex center, aber keiner der chefs ist da, dafür marodieren tatsächlich einige der flaumbärte und fetten männer von vorhin unschlüssig durch die gassen, vorbei an lackkgewandeten afrikannerinnen und bleistiftdünnen marrokanerinnen (die sind billiger). fred sagt, wir sollen hinterher, ich sehe uns schon in riad ausgepeitscht, da kommen sie heraus und gehen in unseren laden. kurz danach kommt einer der chefs, eine ziemliche schwuchtel, der uns sagt, wir seien tot, wir merken es nur noch nicht. ausgeschlossen, die araber zu fotografieren, unmöglich, vier, fünf corps de garde, leibwachen wörtlich, pro prinzessin, sie riefen immer an, einmal pro woche, und er müsse den ganzen laden dicht machen. jeder, der sich den maschinen auf dem flughafen, den ersten acht des königs, den weiteren sechs eine woche später, und den drei der königinmutter nähere, würde erschossen. als ein mädchen auf der suite nicht spurte, warfen sie sechs leibgarden aus dem fenster, oder einer eine sechs stockwerke tief, das wisse er jetzt nicht so genau, und nein, er würde mir nicht sagen, was sie wollen, das seien seine kunden, und er sei diskret, excusez moi, monsieur. dann geht er, und freddy lacht ein wenig und sagt, merde, ich habe auf dem flughafen gearbeitet und stand fünf meter vom flieger entfernt und lebe ja offensichtlich noch, und ich sage, stimmt, du lebst ja noch, hahaha, und er sagt, er hat mit einem der fahrer seiner majestät geredet, einer mit dem abzeichen des königs im ausweis, und der sagt, es seien gar nicht 20 millionen franken ausgegeben worden, seitdem der könig hier wieder wohnt mit seinem kaputten knie, sondern 40. dann kommt der andere besitzer, Jerome, auch schwul, und er sagt, was denn, die araber, die seien doch alle asexuell, denen genüge die vorstellung sie könnten drei blondinen auf einmal haben, das sei so in der kultur, und woher denn, da kämen keine gruppen in dunklen limos und gäben geld aus für ein stockwerk girls, geld bezahlen für frauen würde sie voll beschämen, das sei reine phantasie bei ihnen, und überhaupt: genf sei ja eh viel zu klein, die nehmen flieger nach london, paris und new york. eric hat aber doch gesagt, die bringen uns um, wenn wir ihnen zu nahe treten, egal, ob wir nen pass haben, und die polizei gucke weg, weil die soviel geld haben. quatsch, meint Jerome, wenn ihr soviel kohle hättet, würdet ihr da in dieses kaff kommen, guckt euch doch um, und dann scheucht er eine der dunklen boyladies von meiner seite, nein, das sind keine kunden, das sind journalisten, und freddy eine vom wirklich beachtlichen schoß, und der ist ganz aufgeregt und sagt, mein gott, die kann mir gefährlich werden, und ich sage ihm, junge, das ist ein junge, und ob er eigentlich sicher sei, dass er hetero sei. the story of my life. er absolument, und ich weiß nicht, ob er auf dem rückweg ins hotel ein wenig stiller geworden ist, als er mir die hand gibt. wir haben ja jetzt zwei genau konträre aussagen, denke ich. Jerome meint, die saudis wollten in europa ganz normale bürger sein, das sei ihr traum und dass sich da seit einer generation unheimlich was getan hätte, und ich denke an al quaeda und dass er wahrscheinlich recht hat damit, dass die einfach nur wirklich weit gereist sind und weltgewandt, und in mir wahrscheinlich den dekadentesten sproß des vernichtungswürdigen westens und glaube die ganze zeit auf dem weg zum hotel, gleich fliegt mein kopf auf die straße, mit dem krummschwert entfernt, aus fahrendem sel, und rollt in den rinnstein mit dem ausdruck leichten entzückens, weil ich noch glaube, es sei freddy, der es sich anders überlegt hat, und morgen kommt in aller frühe ein sauberer schweizer straßenfeger und bringt mich auf den journalisten-friedhof gleich hinter calvin. wenn du hier eine dummheit machst, sagt jerome, weiß es morgen doch die ganze stadt, der könig ist hier nur wegen der guten ärzte, und wenn der könig stirbt, dann ciao, genève.
fünf uhr, die sonne dämmert über dem lac leman und ich kann fast das barschelzimmer sehen im beau rivage gegenüber. muß immerzu an freddy denken, und auch ein wenig an roman, weil sich die beiden so ähnlich sind und sehen, dann an kim, der doch tatsächlich die güte gehabt hat zu mir zu sagen, er sei langsam sauer, dass ich immer soviel rumreise und wir uns überhaupt nicht mehr sähen. ein geige im fernsehen spielt irgendwas von vivaldi, schaff ich auch noch, hoffe ich. nehme ein bad, lasse die balkontür offen, der bewaffnete mann unten wird wohl den eindringling schon erschiessen, solte denn jemand wirklich mich armes kleines engelchen abknallen wollen, alles nur wegen der knie eines welken königs. was ist das faszinosum an einem weitestenteils abgrundhäßlichen volk, das schon in der history of the house of saud von robert lacey sehr ironisch beschrieben wird? fange den neuen fay weldon roman an, die fahnen werden naß, fängt gut an, lenkt mich aber momentan zu sehr ab. breche jetzt also mit meiner privatheit ab und entdecke plötzlich, dass die decke tatsächlich himmelblau mit dem kronleuchter kooperiert. unendlich dämliche mail meiner tante, die sich an meinem verhalten stört, ich schreibe dito, meine aber eigentlich tito, und frage mich, wie es einer einzigen frau gelingen kann, nur über email so unendlich unsympathisch zu sein, dass ich wahrscheinlich nicht mal zu ihrer grablegung kommen werde. muß unbedingt die gruft erweitern lassen. es dämmert draußen unbeeindruckbar weiter. habe endlich aufgehört, mich zu hassen. in dieser woche fast mit drei männern geschlafen. schon wieder terroranschlag in israel, das langweilt. manuskript JETZT schon ein fünftel der erstlings, muß mich ranhalten, dann bin ich in drei wochen fertig. womit? womit? cnn an, warum eigentlich auch. versuche, noch ne mütze schlaf zu bekommen. hände tun weh vom tippen.
noch immer schmilzen mir die auge vom palast des königs fahd, der hellerleuchtet und mit mindestens sechzig limousinen vollgestopfter einfahrt hellerleuchtet vor uns mitten im dunkeln, nachdem gilles dupont und champagner in seinem restaurant, einem der besten der welt, zweifellos, und er uns eben zurückweist mit unseren verdächtigungen, die seien alle ganz normal, die araber. wie sehr, she ich in der rue du rhone, als eine arme prinzessin die dreißig meter von juwelier zu juwelier im mercedes zurücklegen muß und vor dem fenster wirklich eine art negersklavin warten muß auf prinzesschens rückkehr. Kim auch total müde, ruft aber an, wie schön und fragt, ob er stört. nein sage ich, nichts im vergleich zu den sekunden, als freddy die prinzessin im inneren des ladens ablichten wollte, durchs panzerglas, bei piaget, und ich aus lauter panik erst olli in hamburg anrufe und freddy mich an der hüfte in schußposition führt, am geschmeide vorbei, und ich glaube, wir werden gleich von den ghurkas geschlachtet, die königliche hoheit so mit sich führen. drinnen ein baguette-diamant von 42,92 karat, groß wie ein lutschbonbon, kolliers, birnengroß, aber sie kauft uhren, uhren, und sofort wird ihr aufgetan und die bodyguards trennen sie von der straße. ihr mercedes s 500, DN-XX-5534 fährt mindestens zehn mal die rue hinab, immer bereit, immer auf dem sprung. doch der reihe nach:
gehe am frühen morgen, der portier nimmt meinen aufzeichnungen entgegen und sendet sie nach köln, mit dem ansinnen, meinem lektor noch ein stück vorzustellen, ins norga hilton, es ist recht früh, und draußen steht noch immer der mann mit der maschinenpistole. dann zurück, freddy holt mich ab und wir auf dem weg zu jean, dem agenturchef. der weist auf gerüchte, seine majestät wolle dieser tage aufbrechen, eine abreise des trosses könne in wenigen stunden erfolgen. oben im atelier wildes umhertelefonieren und entrag der königlichen residenz im park, telefonat mit dem stern bildpersonal, dass alles in ordnung, und mit den leuten von cartier in paris, mir eine goldene uhr an die rezepition zu liefern, einfach, um nicht so aufzufallen, erinnere mich plötzlich meiner roségoldenen rolex, bin beruhigt. dann los mit freddy. erst zu trocadero, einem kindermodeladen des gehobenen geschmacks, das t-shirt zu 90 franken runtergesetzt, ein badefrosch doch auch noch immer 30 franken, von den kleinen taftkleidchen zu schweigen, die besitzerin, eine art madame sousatzka, will nicht genannt sein, weil es doch in genf verschiedene taschen der gesellschaft gibt, die dem ostentativen orient einiges an calvinismus entgegenhalten, man wolle seinen recihtum nicht so zeigen. zwei einwände, ungeäußert: worin besteht die zurückhaltung, wenn ich an einem vormittag mehr goldene uhren und perlenketten guter qualität an den genfer damen und ihrem europäischen besuch erkenne, als ich zählen kann, und ist es nicht vielmehr so, dass die von wohlstand durch fleiß besessenen genfer einfach tief in ihrem weltbild erschüttert sind, wenn ein volk sich einfach nur durch geografischen umstand, das durchsetzungsvermögen ibn sauds als jungen mannes und des unvermögens der kolonialistischen widersacher seiner natürlichen ressourcen selbst erfreut, im absoluten übermaß? das haus saud verbraucht jährlich nur ein prozent des bruttosozialproduktes. überdies, so madame, habe sich vieles gebessert: vor 25 jahren sei eine prinzessin noch in den laden gekommen und habe einfach alles auf den boden geworfen, was sie haben wolle, wie im bazaar. nun käme ein prinz nun schon zum zweiten mal, und sie würde den höfliche, wohlerzogenen mann mit dem etonabschluß und dem harvarddiplom sanft darauf hinweisen, dass er dieses kleid seiner tochter gestern schon dreimal gekauft habe. die tax deduction, so er, entfiele, man reise ja mit privatjet. sowas sei die rettung der genfer geschäftswelt, jetzt, die russen ausblieben wegen der rührigen schweizer justiz, dem BBBB skandal, dem wegbleiben der südamerikaner nach der argentinienkrise udn der lage im allgemeinen. genf sei viel zu klein, um eine vergleichbare anzahl von luxusboutiquen füllen zu können, 400000 einwohner, ich bitte sie, monsieur. man dankt und nun weiter zur rue du rhône, zu davidoff, weil freddys vater dort chef war. schneller einkauf von gigantischer humidorfüllung unterschiedlichster qualitäten unter kundiger beratung durch den neuen chef, ankauf einer zigarrettenspitze, weil schnell klar ist, dass mindestens dreißig prozent skonto gewährt werden. nein monsieur, die araber rauchen nicht, man müsse jedoch zu les ambassadeur in die ausstellung von graff, wo besagter 40 karäter, gelb, in schwerster bewachung. bettina trifft ein, noch immer schön wie der morgen, lunch, besprechung, gutes entrecôte. dann in delikatesspassage, wo ein libanese bereitwillig den hersteller des könglichen brotes nennt, aber gerne, das schreiben sie jetzt aber nicht, seinen kopf behalten will. die beiden hellen, freddy und betty, hätten bei den garden keine chance, mich würde man wohl für einen levantiner halten, und würde durchgelassen. danke, teint. bei armani, rue du hône, schon beim reikommen arabische musik im lautsprechersystem, dann plötzlich die sklavin auf der straße, dunkel und geduldig, und die prinzessin, schmal und von gefährlicher eleganz. da man sie nur hinter panzerglas sieht leichter eindruck von seltenem zierfisch, der nicht ohne leibwächter und nur hinter glas existieren kann. ein armes, reiches mädchen, eigentlich. fühle mich wie der prinz im märchen, der gegen die bösen garden anreiten muß, um ihr antlitz der welt zuzuführen, vielleicht wird ja ihr leben verändert. freddy entwickelt dank leiser konica hexar eine handgelenkstechnik, die er manchmal durch husten übertönt, genial. betty und ich mutieren zum unendlich ennuyierten milliardärsehepaar mit begabtem zwei-meter-cousin, immer dann wild telefonierend, sobald die prinzessin an die luftschleusen tritt. noch nie so unverfänglich auf den bus gewartet, reiseführer gelesen oder zeitschriften entfaltet. werde übermütig und erkundige mich nach einem schachbtrett aus weißen und schwarzen diamanten, im auftrag eines kunden, werde für eine britischen erzieher gehalten und mit dem kaufpreis von 450000 dollar gelockt. die dollar hat er nach einem blick auf die rolex kurz mal aus dem franken gemacht, ich danke irritiert und wende mich ab, während sich der distinguierte juwelier hinter mir hörbar in den hintern beißt.
nach der gefährlichsten aktion erstmal freddy aspirin gekauft, vorher hat er kurz geglaubt, betty wolle von ihm eine konica-kamikaze-aktion und er solle piaget stürmen. während er unter unseren gogogo-rufen stoisch sein eis weiterisst, kläre ich das mißverständnis auf, dass durch bettys und sein englisch entsteht, finde mich dann aber zum dank selbst gewissermaßen in pearl harbour. danach völlig durchgeschwitzt, 17 uhr, rückzug ins hotel, bad, neuer anzug, neues hemd, blume ins knopfloch, 17.30 uhr treffpunkt rhônebrücken. klingt ein wenig nach preußischem generalstab, n´est-ce pas?
anschließend flanade über beau rivage, lobby, bar, restaurant, zum noga hilton, lobby, bar, restaurant, ins president wilson, wo ich schon gewohnt für die juwelenauktionen, eigentlich das beste haus am platze, grüner marmor am boden und oben die königliche suite, in die seine majestät manchmal verbracht wird, wenn der kavalkaden-konvoi 30 fährt, weil der könig schläft. betty in ihr hotel, frischmachen, ich und freddy an die terrasse am seekai, die jeunesse dorée de genève an den lippen, guter weißwein, man lagert im gras und verabredet sich für samstag zum letzten aufgebot durch die bars, wünscht bonne chasse, betty mit, nicht, ohne mir noch sehr gute karrieretips zu geben. dann zurück ins wilson und die tour retour, um von freddy ins lion d´or chauffiert zu werden, jenseits des sees, in cologny, dem besten restaurant des landes, inmitten atemberaubender villen vor nicht minder atemberaubendem seeblick, etwa so wie thomas augen, und es sich der maître, gilles dupont, nicht nehmen läßt, un coup de champagne zu kredenzen. er kocht für den könig, würde sich aber eher flambieren lassen, als es uns einzugestehen. nein, die araber seine völlig normal, äßen gerne lamm, gut durchgebraten, früher, ja da seien sie anders gewesen, sie konnten nicht lesen und schreiben und hätten mit dem finger geschnippt, weil es bei ihnen so üblich, aber das sei auch ihnen selbst so peinlich gewesen, dass sie sich sofort gebessert hätten. gerade erst hätte er sie beim jazz in montreux gesehn, wirklich ganz normale leute, sorry to have to say that, mit ausgezeichneten manieren, wirklich ausgezeichnet, man bedaure, ob wir denn schon bei den juwelieren…? oui, monsieur, merci, monsieur. blick auf die karte: filet mignon de veau élevage naturel parés de pudre d´amandes et pistaches jus au vinaigre de vin vieux et porto, jardinet et légumes à la sariette, 64 Fr. akzeptabel. auf der fahrt zum palast frage an freddy wie er seine kindheit bei mentaler stabilität verbracht haben kann, hier in genf.
dann, nach langsamer irrfahrt in der dämemrung, weg um weg hinab an hecken entlang, ein zaun, der kein tor, eine mauer, die keine einfriedung mehr findet, ein anwesen, groß, wie ein fürstentum. irgendwo weit hinten lichtschimmern durch das dichte grün. und eine biegung später, schwer, schwer einzusehen, liegt er da, der palast: hunderte meter lang, ein meer von dienstbaren geistern stehen in der nacht, mindestens sechzig wagen, ich erwähnte es, und ein wenig trauer liegt über ihm, weil nun ganz klar ist, dass unendlicher, grandioser krösushafter reichtum den tod nicht besiegen kann, dass der könig von saudi arabien in all seiner pracht letztlich seiner zerbrechlichsten prinzessin gleicht: einem flüchtigen traum unter glas.
hat nicht george bush beim berlinbesuch von der glasglocke gesprochen? haben sich ganze gesellschaftsschichten dahinter zurückgezogen? arme, arme prinzessin, die du nicht an den see darfst, wo die anderen kinder, die gerne deine freunde wären, spielen, die jeunesse dorée genfs, wo dir sicherlich ein mann gefallen würde, wo du einen bankierssohn lieben würdest in seinem gestärkt lässigen hemd, dem schönen gesicht und dem federnd-sportlichen brustkorb, und der dich lieben würde so sehr, dass er dir eine weiße villa schenkte nicht weit vom lion d´or wie aus tausendundeiner nacht. du darfst ihn, du darfst sie nicht haben. weil dein vater, dein großvater, dein urgroßvater, wir wissen es nicht, der könig ist und beherrscher der gläubigen, ibn saud, herrscher über riad, gepriesen sei sein name.
zu bett. Kim rief an. müde, unendlich müde. glücklich, so frei zu sein.
Der bodyguard :
Ich arbeite seit drei monaten für den könig oder für den kronprinzen, also den bruder des königs, meine ausbildung habe ich vor jahren gemancht, manchmal bin ich auch für politiker zuständig. Das einzige, was ich mit ihnen spreche ist, Ist ihnen kalt oder ist ihnen warm. Mehr nicht. Wir werden vom saudischen staat bezahlt, sind eine privatfirma. Es leben etwa 20 personen im palast, keine frauen, keine kinder, die kinder komen nur zu besuch. Am abend macht der kranke könig vor dem zubettgehen gerne eine ausfahrt durch den park, der aussieht wie versailles, es gibt dort wasserspiele, in seiner limousine, er wird dann von einem enkel, einem sohn oder einem besucher begleitet. Dann geht er zu bett. Wenn ich nachtschicht habe, steht mir ein apartment zur verfügung, zu essen gibt es für uns immer reis, und natürlich die reste der bankette, meistens mouton, huhn und andres fleisch, zubereitet von seinen leibköchen. die patisserien werden geliefert. Eine schicht dauert höchstenfalls 12 stunden, weil wir ja in form sein müssen. Wir sind pro palast, es gibt zwei, je 14 wächter. Wir sind aber nur in den küchen zugelassen. Ich habe noch nie eines der zimmer betreten – die sind off limits. In der tiefgarage des palastes stehen etwa 20 ferraris und nochmal soviele lamborghini diabolo, die nie berührt werden. Nur zweimal im jahr werden sie zur inspektion gefahren. ein hobby des königs. Ich spreche nur französisch, der könig englisch und saudi-arabisch. Wir erfahren, ob eine person erwünscht ist von einem saudischen colonel, den wir anrufen müssen, ansonsten achten wir darauf, dass es keine bittsteller, aggressoren oder angreifer in seiner nähe gibt. Natürlich müssen wir die schweizer gesetze achten und haben keine lizenz zu töten. Ich verdiene zwischen 1000 und 2000 franken am tag, das hängt von der länge des dienstes, den betreuten personen, ihrer anzahl und dem risiko ab. Wir sind mit pistolen und gas-pistolen ausgestattet. Normalerweise kommen auf einen prinzen etwa 14 personen begleitung. Vier sind immer bei ihm, immer. Es gibt zwei gepanzerte fahrzeuge, mit denen die höchststehenden personen unterwegs sind, die familie bewegt sich andauernd um den see. Es gibt keine tiere im palast. Wann es losgeht, erfahren wir erst im letzten moment, und dann legen wir die route fest. Sie treffen sich mit politikern, gehen shopping, am liebsten zu cartier, viel zu rolex und armani. Nach jedem auftrag bekommen wir geschenke, geld oder uhren, das gilt als normal. manchmal warten wir den ganzen tag und nichts passiert, dann ist der job langweilig, sonst sind die araber sehr angenehm im umgang. Da sie sehr religiös sind, werden die prinzen zum freitagsgebet nach genf in die moschee gefahren.
Moschee du grand saconnex, 13 Uhr: etwa 3200 gläubige freitags, fünf prinzen, der minister für agrikultur, der ehemalige informationsminister, eine unendliche autokolonne auf dem linksabbieger. Die moschee ist aus weissem marmor, ein springbrunnen steht davor, alles ist voller schuhe. Ein kleines mädchen, etwa fünf jahre alt, isst chips, während ihr vater betet, er lässt keine hand von ihr, sie trägt ein weisses kleid mit rotem apfelmuster. Vorne betet der imam von genf, der vor allem für seine traumdeutung berühmt ist. Gerade spricht er von der verantwortung, die den medien zukommt, alle blicke richten sich auf mich, weil natürlich jeder weiss, dass der stern eingeladen ist. Nein, eigentlich nur, dass ich da bin. Während des gottesdienstes rufen viele leibwächter den chef der moschee an, um sich zu vergewissern, dass alles in ordnung ist. Man kann davon ausgehen, dass die saudische familie von unserem hiersein unterrichtet ist, später wird sich der saudische general-konsul vorstellen, auf der strasse, und auch der landwirtschaftsminister. Nun aber gehen sie erst mal alle zu boden, jeder murmelt seine koransuren. Ab und zu herrscht totale stille. Dann sind die prinzen, die minister und die bettler, so sagt es M. Woirdiry, der chef der moschee, vor Allah alle gleich. Der Imam spricht von der toleranz, dass es notwendig ist für Gläubige und ungläubige, in frieden nebeneinander zu leben (war ich nicht im hotel de la paix?) , und dass es an allen menschen ist, gutes zu tun. Nach dem gottesdienst werden vor der moschee mahlzeiten verteilt, für alle, gespendet vom saudischen thronfolger, für alle, reich und arm, und ein junge reicht kalte, frische datteln auf der strasse, und jeder der will, greift zu. Einen moment lang blockiert die limousine des ministers die ganze strasse, man muss sich noch verabschieden, und jemand ruft, mein gott, er blockiert doch alles, da wollen genfer durch, die kommen nicht weiter. Eine gruppe junge männer lacht, haben sie das gehört, sowas würde in england nicht passieren, die armen schweizer.
die polizei kommt jedesmal und ticketiert die parkenden autos, warum machen die das, fragt der chef der moschee, monsieur woirdiry, wir sind hier, um ihnen was zu geben, und alles was wir wollen ist ein lächeln, warum kassieren die genfer uns hier so ab. 57 nationalitäten sind hier versammelt. Sind die neidisch, weil wir so cool sind? Er lädt uns zu getränken ein und später zum essen, von den spenden des prinzen, die mahlzeiten wurden bei dem besten türken der stadt bestellt. Er sagt, er gehe in dem palast aus und ein. Der könig sei ganz normal, und nur die europäer fänden etwas besonderes an ihm. Warum die frauen denn so verschleiert sein müssen, frage ich ihn. Und er sagt, dass manche schönheit zum schutz vor der schwachheit mancher menschen geschützt werden muss. Er bewundert meinen ring, einen hellblauen aquamarin, kirschkerngross, und sagt, er sei ausdruck meiner seele – deswegen lieben araber juwelen: es geht uns doch hier nicht ums ostentative, es geht darum, andere teilhaben zu lassen am glück, das man selbst hatte. Er selbst trägt eine weissgoldene rolex. Und einen diamanten am finger.
Es gibt einen kleinen laden mit ferngesteuerten autos und miniatureisenbahnen am ende der rhônebrücke, den die araber komplett leergekauft haben. Lingerie steht hoch im kurs bei den damen.
Beschluss, erst die spätmaschine zu nehmen, einfach, weil es netter, eleganter und wärmer, ausserdem mail, dass ranga ausfällt. Badehose umsonst angezogen, offenbar, wird aber vielleicht noch im genfer see zum einsatz kommen. Versuche vanessa zu erreichen, die schöne genferin, ereicht, und sie sagt, wenn etwas passiert, wird sie es mich wissen lassen. Jo erzählt, er hätte so etwas wie mein neues diktiergerät noch nie in händen gehabt, habe wohl schnäppchen.
Robert nortik, filmemacher, fährt eine saudische familie, gegenwärtig in paris, eine flotte von 15 mercedes und mehreren prinzen. Ich habe sie kennengelernt und habe ein vertrauensverhältnis mit ihnen, subventioniere meine kunst. 2 monate im sommer jedes jahr habe ich einen fulltime job, warten, fahren, warten, das ist sehr langweilig. Es gibt in genf ein problem, weil es nicht genügend fahrer gibt mit lizenz und führerschein, sodass häufig irgendwelche brüder und verwandte aus ägypten eingeflogen werden, leute, die keinen führerschein haben, und es drückt die preise. Ich bin zum beispiel nicht zufrieden mit den 200-500 franken am tag, manchmal gibt es bessere gigs, manchmal schlechtere. die fahrer werden richtig ausgebeutet. Sie haben überhaupt kein kulturelles interesse, und ich habe mich schon lange gefragt, wie man ihnen eine freude machen kann, aber sie haben keine freude. Es interessiert sie nicht, am ende. Nichts interessiert sie. Nur rumfahren, shopping, sich den anderen zeigen. Man kann sie vielleicht einmal für etwas begeistern kurz, aber nur einmal. Sie sind auch nicht sehr educée, weil man sich für ein studium ja anstrengen müsste – warum ? warum sollten sie sich anstrengen ? ? ? sie sind einfach zu reich. Und es gibt eigentlich nur leute, die das um sie herum ausnützen. Manchmal tun sie mir richtig leid. Doch, sie haben freunde. Wie jeder star sind sie von einer equipe umgeben, und da gibt es dann freunde der familie, die alles für sie machen, sie sind immer zusammen. Wenn es jemanden anderen gibt, der besser gefällt, nehmen sie sich den. Ich nenne das frere du lait, (ammengeschwister, etwa milchbruder, das kind eines dieners wächst neben dir auf, gleichalt, sehr feudal, anm d. verf.) es gibt einen unheimlichen run auf genf, und sogar die allerreichsten saudis können manchmal nicht mithalten um nach genf zu kommen, weil einfach kein platz mehr da ist. Dabei ist es für sie eine frage der ehre, in der nähe des königs zu sein.
Bei einer normalen shopping tour trägt dieser freund dann alles, bezahlt wird cash oder credit, man sieht allerdings nie, was sie mitnehmen, immer ein mittelsmann, intermediere, un voleur de vol, (der diebs des diebes). Nichts interessiert sie wirklich.
Da gleichen die araber doch tatsächlich der mtv generation, wahrscheinlich sogar sind sie deren direkte entsprechung, und man wird sich fragen dürfen, welche konsequenzen der volle wohlstand für eine gesellschaft haben dürfte. Deren einziges ziel offensichtlich die fortführung des wohlstandes ist.

IMPOSTORS REVISITED – oder warum Hochstapler hochstapeln – as published in Kultur und Gespenster

November 17th, 2009 | stazol

Ȇbrigens erscheint die Prahlerei als eine Vorspiegelung nicht
vorhandener Vorzüge, der Prahler aber als einer, der, auf dem Hafendamm
stehend, den Fremden erzählt, dass er viel Geld auf dem Meer habe. Und
er schildert genau die Bedeutung des Seezinses und wieviel er gewann und
verlor. Und während er so den Mund vollnimmt, schickt er einen Sklaven
zur Bank, wo er eine Drachme als Guthaben hat« (Theophrast, Charaktere,
um 300 v.Chr.)

»The charges carry maximum prison terms totaling 150 years, and dozens
of Mr. Madoff’s victims have urged Judge Denny Chin of the Federal
District Court in Manhattan to give him the maximum sentence. Mr. Madoff
is scheduled to be sentenced on June 29.« (New York Times, 19th of June
2008)

»Ich sag es dir: ein Kerl, der spekuliert, Ist wie ein Tier, auf dürrer
Heide Von einem bösen Geist im Kreis herum geführt. Und rings umher
liegt schöne grüne Weide.« (Mephisto)

Es gibt 65 000 000 000 und einen Grund, den kleinen Bernie Madoff zu
hassen: Die Summe von 65 000 000 000 Dollar in Worten, man fasst es
kaum, fünfundsechzig Milliarden Dollar. Im Amerikanischen spricht man
sogar von 65 Billionen, 1 Billion ist im Angelsächsischen unsere
Milliarde – diese schier unfassbare Summe, jenseits jeglicher
Vorstellungskraft, hat er seine Opfer gekostet – doch der eine übrige
Grund ihn zu hassen, ist sein Lächeln, als er am 11. Dezember 2008 in
New York City vor Gericht erscheinen muss: Endlich hat der Staat, haben
die obersten Finanzbehörden sich durchgerungen, ihn, den kleinen Bernie
aus dem Verkehr zu ziehen, den Jungen aus Queens, der es so weit
gebracht hat, und nun als vielleicht größter alleiniger Profiteur der
gesamten Finanzkrise in die Wirtschaftsgeschichte eingehen wird. Und
noch immer ist ihm das Glück hold – er darf mit einer Fußangel,
elektronisch überwacht, in seinem 7,4-Millionen-Dollar Penthouse,
seinen Hausarrest absitzen, bis auf weiteres. Madoff gehört zu den ganz
Großen in einer Kette von Großen, Größeren und auch mal Kleinen, den
Luden, Spielern und Heiratsschwindlern – eins sind sie allesamt:
Hochstapler. Es gibt sie überall: Der in Deutschland zur Zeit
brisanteste Fall ist der eines Weinhändlers, der gut unterrichteten
Kreisen zufolge über sieben Jahre lang antiquarische Etikette drucken
ließ (den Namen zu nennen ist wohl unnötig, außerdem ist der Mann
sehr klagefreudig…), um aus billigem Fusel jahrhundertealte
Qualitätsweine zu fingieren, was Hélène de Rothschild bis auf den
heutigen Tag entsetzt – man schätzt, dass der Gute sich so etwa 90
Millionen Euro erschwindelte. Doch vielleicht gelingt es uns, am Fall
Bernie Madoff, einige der typischen Charakteristika herauszuarbeiten.
Dies ist keine einfache Aufgabe, und vielleicht gelingt es auch nicht
immer sofort, die roten Fäden zu einer Typologie zusammenzuweben, aber
das Erkennen eines Hochstaplers ist ja schließlich auch für
Außenstehende ein durchaus schwieriges Unterfangen.
Beginnen wir unsere Suche also beim Finanzier: Wie bloß hat Madoff sich
in seine so gewinnbringende Position gebracht? Nun, etwa so: 1. Man
sucht sich als Amerikaner jüdischen Glaubens – und schon hier sei vor
Antisemitismus gewarnt, im Madoff-Fall sind die Rollen klar geteilt,
oder eben vereint, doch weiter – man sucht sich Vertraute in seiner
Glaubensgemeinschaft, Geldgeber, die nach dem Motto »Oh, Bernie ist so
bescheiden, so still, so nett und außerdem gehört er zu unserer
Mischpoke« handeln. Eines seiner Opfer wird später sagen, ob all des
vernichteten Privatvermögens aus jüdischer Hand: »Was Hitler nicht
geschafft hat, hat Madoff geschafft!« 2. Man mache sich rar: Wer zu
Bernie vorgelassen wird, in sein Allerheiligstes, das »immaculate
office«, ein weißes Refugium im 18. Stock des Lipstick Building in
Manhattan, natürlich an bester Adresse, der hat es geschafft, der
gehört zum erlauchten Kreise. Dort, wo der Magier 16 bis 18 Prozent
Rendite verspricht. Selten unter 100 000 Dollar Einlage, so wie es
Carmen del`Orifcie, immer noch eine der schönsten Frauen der Welt,
geschah. Das Geld hatte sie von ihrem Freund geschenkt bekommen, Carmens
gesamtes Vermögen ist, als sie am 11. Dezember 2008 den Fernseher
einschaltet, auf einen Schlag dahin. Und sie ist nicht allein. Mit der
Ausnahme allerdings, einem für sie denn doch glücklichen Umstand:
Viele andere Opfer mussten mit 10 Millionen einsteigen, Madoff hatte
etwa im Palm Beach Golfclub eine Art, seine Investoren auf ihr Vermögen
einzuschätzen. »Es war tough«, sagt einer von ihnen, der nicht
genannt werden will, »aber wir wollten da rein.« Auch er verlor alles.
»That ganef, that thief, that nasty son of a bitch.«, flucht eine der
Witwen von Palm Beach, sie hat den Mund eines Truckdrivers, aber sie hat
wenigstens noch ein Dach über dem Kopf. Viele andere Witwen haben
selbst das verloren, alte Frauen, denen ihre sterbenden Gatten auf dem
Totenbett noch das Versprechen abnahmen, mit ihrem Geld immer bei
»Bernie« zu bleiben. »Wir reden von einer Ära, in der die Männer
sagten, ‘Don’t worry, my little darling, I’ll always take care of
you.’«, sagt Muriel Siebert, die erste Frau an der New York Stock
Exchange. Alle hat Madoff betrogen. 3. Man schütte hohe Dividenden aus.
Irwin Salbe hatte einen Account über vier Generationen mit Madoff. Die
Gewinne kommen ja. Bis auf einmal der ganze Schwindel implodiert.
Andernorts haben drei Generationen von Frauen in einem Haus drei
Generationen von Schmuck auf den Tisch gelegt. Sie müssen ihn
verkaufen. 4. Man schmiere Politiker. Madoff hatte sehr vielen
Senatoren Parteispenden zukommen lassen. Überdies, und das wird die
Ermittler später noch sagen lassen, wie clever der kleine Bernie schon
in den 60ern war, arbeitet er damals bereits mit den
Börsenregulationsbehörden zusammen: »Und natürlich vertrauten die
ihm irgendwann«, wie jemand aus informierten Kreisen feststellt, »man
kann davon ausgehen, dass er dank dieses Vertrauensverhältnisses von
früher einer genaueren Untersuchung nie unterzogen wurde.« 5. Man
lasse sich nicht in die Karten gucken. Einige Broker konfrontieren
Madoff mit seinen seltsamen »Puts und Calls«, und er herrscht sie an,
er wisse, was er tue. Sie investieren dennoch bei ihm. 6. Man vertraue
auf die Dummheit einer Herde Vieh: Als der erste kritische Artikel über
Madoff erscheint und vor dem Financier warnt, erntet die Autorin nur
Spott. Sie sei neidisch auf ihn und Antisemitin. »Ich antisemitisch?
Ich bin nicht nur Jüdin, ich lebe in Israel!« sagt die Journalistin.
Sie weist Madoff im persönlichen Gespräch Unregelmäßigkeiten in
seinem Finanzgebahren nach und er wechselt sofort das Thema. Er betont,
wie viel Glück sie damit hätte, dass er ihr Geld verwalten würde. 7.
Man suche sich einen Frontmann, gerne in Form eines Ziehvaters: Für
Madoff ist das Carl J. Shapiro, ein Mann, der mit Textilien reich
geworden ist und nun zu den Superreichen gehört, weil Madoff schon seit
1969 für ihn arbeitet. Jedenfalls wispert man sich das im Country Club
zu. Shapiro wird das Opfer mit den größten persönlichen Verlusten
sein, er verliert eine halbe Milliarde Dollar. »Es war wie bei Fiddler
on the Roof«, sagt etwa Richard Rampell, ein accountant. »Die Reichen
glauben, sie wissen alles und nichts kann ihnen etwas anhaben.« Robert
Jaffe, Shapiro´s Schwiegersohn, wird zu so etwas wie einem Zugpferd
für Madoff, das perfekte Aushängeschild, ein Gentleman-Millionär samt
Roadster und zurückgegeeltem Haar, eine makellose Projektionsfläche,
der personifizierte Erfolgstyp, natürlich dank Bernie Madoff. Er wird
Madoff die Kunden zuschanzen, während der sich weiterhin reserviert
zeigen kann, schließlich ist nicht jeder seiner feinen Methoden
würdig. So was wirkt, das Schneeballsystem gewinnt an Dynamik. 8. Man
täusche sich selbst, damit wird man noch glaubwürdiger: Zwei Tage vor
der Festnahme prostet er noch Untergebenen zu, man werde ein wunderbares
Jahr haben, da ist ihm schon der letzte große Fonds in Höhe von 500
Millionen, von fünf besonders exklusiven »Freunden« finanziert,
zusammengebrochen. »Er muss einen psychopathischen Charakter haben«
sagt Julia Fenwick, die dem Umtrunk beiwohnt. In seinem Buch
»Self-Deception« schreibt der Neuropsychologe Herbert Fingarette
(Humanities Press, New York 1969): »For example, it is quite natural
for the selfdeceiver as one who doesn´t perceive his own fakery« (Dem
Selbstbetrüger ist es ganz natürlich, seine eigene Fälschung nicht zu
erkennen) – was die These nahelegt, dass der Hochstapler irgendwann
ein Niveau erreicht, bei dem er den Überblick über echt oder falsch
verliert. Doch zu Fingarette und seinen Studien später mehr. Weiter in
unserer Analyse. Gregg O. McCrary, ein ehemaliger F.B.I. Agent, der
Täterprofile zusammenstellt, sagt: »Einige der Charakteristika, die
Psychopathen haben, sind Lügen, Manipulation, die Fähigkeit zu
Täuschen, Gefühle von Grandiosität und Kaltblütigkeit ihren Opfern
gegenüber.« Der Profiler, der, wie er einschränkend bemerkt, Madoff
allerdings nie getroffen hat, konstatiert, dass jener offenbar viele der
für Psychopathen typischen destruktiven Eigenschaften hat, die für die
meisten seiner Opfer heute unerklärlich sind: »Menschen wie er
gleichen Chamäleons. Sie sind sehr gut im Management ihrer
Außenwirkung. Sie managen den Eindruck, den man von ihnen hat. Sie
wissen, was die Leute wollen, und genau das geben sie ihnen.« – eine
Einschätzung, die offenbar für alle Hochstapler gilt. Aber ist es denn
alleine seine Schuld, dass ihm so viele Klienten scheinbar blind
vertraut haben? Hat sie nicht auch die Gier überwältigt, obwohl sie
wussten, dass Traumrenditen von 20 Prozent eigentlich einfach zu gut
waren, um wahr zu sein? Bernie wird es uns nicht erzählen. Er sitzt in
seinem 7,4 Millionen Duplex-Penthouse, East 64th Street Ecke Lexington,
und wartet einfach ab. Und denkt vielleicht an seine Brüder im Geiste.
Wie etwa den Schönen: Den Held aus Thomas Manns letztem Schelmenroman,
ohne den ein Traktat über diese Berufsgruppe einfach unvollständig
wäre: Schon im Kinderwagen stellt sich der kleine Felix vor, er sei der
erlauchte Hohenzollern-Kaiser und vergießt, von seinem Wahlonkel
Schimmelpreester ermutigt, schon dicke Tränen. Zu großer körperlicher
Schönheit herangewachsen – sie ist die vielleicht leichteste
Verführung zum Hochstapeln, man denke nur an die Kate Mosses und Naomi
Campbells, an Claudia Cardinale, aber auch Alain Delon und Warren Beatty
(der dem Vernehmen nach in Hollywood einen schwierigen Stand als
Schauspieler hatte, weil er einfach zu gut aussah, ja, auch das gibt es)
– in voller jugendlicher Blüte jedenfalls, verführt Felix erst sein
Kindermädchen, dann eine Industriellengattin, die während des Aktes
von seinen »Hermesbeinen« schwärmt: »O Engel du der Liebe, Ausgeburt
der Lust! Ah, ah du junger Teufel, glatter Knabe, wie du das kannst…«
Undsoweiterundsoweiter… Er darf sie um ihren Schmuck erleichtern, gibt
sich später mit Billigung seines Gönners als Marquis aus, alles
scheint ihm zu gelingen, zuzufliegen gewissermaßen, auch dies wohl ein
Charakteristikum des Hochstapelns: Es scheint ja alles so einfach, die
Welt will betrogen sein, Lüge häuft sich auf Lüge, rasch nur, rasch,
Erfolg nun haben und sein Glück machen, solange die Mitmenschen sich
blenden lassen… dass der Schönling seine Memoiren im Gefängnis
schreibt, wird nur sehr aufmerksamen Lesern klar, denn auch der Leser
will lieber getäuscht sich sehen und an ein Wunder glauben, so einfach
arbeitet das Hirn. Ein Zeitgenosse der Romanfigur war der sehr reale
Starits Rasputin, für manche ein Heiliger, für manche die Ausgeburt
der Bosheit schlechthin, der für einen Grossteil der Anfänge der
Oktoberrevolution verantwortlich sein dürfte, die seine Gönner, unter
anderem die etwas einfältig-religiöse Zarin hinweggefegt hat. Zu
seiner besten Zeit nutzte er die Leuchtkraft seiner Augen, und
Photographien aus jener Zeit zeigen einen wirklich bemerkenswerten
Blick, um die Menschen zu beeinflussen – auch dies eine Konstante im
Wirken der Betrüger, fast immer ist da ein gewisser körperlicher
Aspekt, der hervorsticht, bei Bernie Madoff scheint es allerdings eher
seine absolute Unauffälligkeit gewesen zu sein. Rasputin jedenfalls hat
wohl auch sehr empathische Wirkung und kann, nun hypnotisch fast, seine
Opfer Dinge glauben machen, die sie wohl bei klarem Verstand (da ist er
wieder, der Stolperstein Common Sense, der sich bei Hochstaplern fast
immer automatisch auszuschalten scheint) nie auch nur erwogen hätten.
Oder wie Fürst Jusupow selbst berichtet: »Mehr als einmal habe ich
Angst gehabt, besiegt zu werden. Die grausamen Augen Rasputins waren
Blutegel, geduckt in der Höhlung grundloser Löcher. Ein Fluidum rann
daraus, so dicht und so roh, dass es mir mit den Händen greifbar
schien. Die besessene Kraft drang durch alle Poren in mich ein und ließ
alle Energie schwinden. Ich fühlte, dass ich am Rande eines Abgrunds
walte. Schon fühlte ich unkörperliche Nadeln mir die Haut
durchstechen.« Dass es sich hierbei um die Aufzeichnungen eines etwas
hypersensiblen jungen Prinzen handelt, der schon seit Kindesbeinen einer
der reichsten Männer des ganzen russischen Reiches ist, sei nur
nebenbei bemerkt. Irgendwann jedenfalls besetzt Rasputin hohe
Regierungsämter mit Analphabeten, stellt Empfehlungsbriefe für
Schauspielerinnen, ihm sind Frauen oft zu willen, am Theater aus und
wird schließlich vom Prinzen Jusupow und zwei Komplizen zu den Klängen
des Yankee Doodles ermordet. Der Aristokrat ruft noch »Lang lebe
Russland, lang lebe der Zar!« ins Dunkel der Petersburger Nacht –
Rasputin ist inzwischen erschossen, erschlagen und mit mehr Arsen
vergiftet, als es für eine Kompanie gebraucht hätte, immer wieder ist
da noch Leben in dem Starits, zum Entsetzen seiner Killer – doch da
ist es für den russischen Adel schon zu spät. Es bleibt festzuhalten,
in ihrer unbedingten Bereitschaft, sich soviel Sand in die Augen
träufeln zu lassen bis sie erblinden, unterscheiden sich Investoren
allgemein, verprellte Geliebte und russische Großfürstinnen im
besonderen nur marginal. Dass auch Kleider Leute machen, ist vielleicht
am schönsten im »Hauptmann von Köpenick« zu sehen, der in einer
Reihe von Hochstaplern natürlich nicht fehlen darf – bei ihm ist es
ein alter Armeemantel mit Messingknöpfen, der auf den
verzückt-bourgoisen Obrigkeitsgehorsam des späten Kaiserreiches
trifft, was uns zu einem wichtigen Punkt bringt, der im Falle Madoffs
schon angedeutet wurde: Der Hochstapler muss ein Medium vorfinden, dass
ihm seine Trickserei ermöglicht, eben das Gegenüber, das glauben WILL,
oft wider besseres Wissen. Oben genannte Madame Diane Philibert, WILL
mit Hermes ins Bett. Die Zarin WILL an die Wundertätigkeit des Starits
glauben, weil er ihre einzige Hoffnung gegen die Hämophilie des
Kronprinzen ist. Madoffs Investoren WOLLEN glauben, dass der leichte
Reichtum nur einen Schmetterlingsflügelschlag weit entfernt ist. Und
Thomas Ripleys Opfer, jenes Gentlemans unter den Mördern, eine der
vielleicht charmantesten Erfindungen Patricia Highsmiths? Sie WOLLEN
ermordet werden… Nun ja, das führt vielleicht ewas zu weit.
Wie fängt eigentlich Thomas Ripleys Ära als Gentlemanverbrecher an? Er
leiht sich eine Collegejacke für ein Konzert, und das Wappen von
Princeton lässt ein reiches Ehepaar, die Reeder Greenleaf, in dem
Glauben, er sei ein Kommilitone ihres Sohnes Dickie. Ripley wird
gewissermaßen zufällig zum Hochstapler, und erst, nachdem er merkt,
wie einfach ihm das Betrügen fällt, beginnt seine eigentliche
Laufbahn, und er ist nicht mehr zu bremsen. Das erste seiner Opfer
jedenfalls, und das ist signifikant, ist eigentlich ein Objekt seiner
Begierde, oder, wenn wir etwas gnädiger in unserer Einschätzung sind,
seiner Liebe: Der Millionenerbe einer Reederei eben, Dickie Greenleaf,
der alles hat, was Ripley eben nicht hat. Attraktivität, Geld, eine
schöne Freundin, ein hübsches Feriendomizil und eine Yacht. Ripley
reagiert darauf wie eine Motte auf Licht – er will da hin und noch
viel mehr. Dass die Geschichte, auch die einer homosexuellen Beziehung
ist, die leider unerwidert bleibt, wird dabei selten beachtet. Sie soll
uns allerdings ein wenig weiter beschäftigen, weil darin eine für den
Hochstapler typische Eigenschaft sich ausbildet: Die der Isoliertheit
von der Welt. Die Geschichte spielt schließlich in den Fünfziger
Jahren, in denen die gleichgeschlechtliche Liebe noch unter der
kritischen Sanktion der Gesellschaft steht, wenn man es einmal
zurückhaltend ausdrücken möchte. Ripley ist also, und dies mag zu dem
eingangs erwähnten psychopathischen Zug des Hochstaplers gehören,
isoliert von der Welt. Er sieht sich als Einzelkämpfer, und will sich
recht eigentlich am Universum rächen: Es ist interessant,
festzustellen, dass der Typus des »Impostors« (engl. Hochstapler, lat.
Betrüger), eigentlich nur Rechte einfordert, die andere, die ihn
Umgeben, gleichsam als Geschenk des Himmels – und darin liegt die
Ungerechtigkeit des Ganzen – schon haben: Reichtum, gesellschaftliche
Stellung, Erfolg, Liebe, Schönheit – der Hochstapler sieht sich als
Opfer, und er kann nichts daran finden, andere eben dazu zu machen, es
ist gleichsam nur eine Wiederherstellung der göttlichen Balance, der
Gerechtigkeit an sich, ein allumfassendes »ich will auch, was ihr
habt«. (Thomas Ripley geht eben soweit, dass er die Rolle seines Opfers
Dickie SELBST übernimmt, er trägt seine Ringe, und muss diese, weil
sie Verdacht erregen würden, mit Dickies Verlobter in der Oper
überraschend konfrontiert, hinter seinem Rücken überstürzt
abziehen). Man erlöst sich gewissermaßen selbst, und hier kommt der
Betrüger dem Gott am nächsten – nicht umsonst ist Hermes, der
Götterbote, auch der Gott der Diebe (und der Wissenschaft). Dies
Prinzip gilt.
Kommen wir nun zu den womöglich mächtigsten aller Hochstapler, den
Politikern. Ein Hochstapler par excellence, vielleicht einer der ersten
dokumentierten Fälle der Geschichte überhaupt, dürfte der Pharao
Echnaton gewesen sein. Einer plötzlichen Eingebung folgend, in der ihm
ohne weitere Umstände der einzige und alleinige Gott Aton erscheint,
die Sonne selbst, veranlasst ihn nicht nur die allmächtige
Priesterkaste des Reichsgottes Amun in die politische
Bedeutungslosigkeit zu verdammen – er verlegt sogar die Reichshauptstadt
von Luxor nach Amarna, eine Stadt, die er aus dem Boden stampfen lässt.
Dass ihm wahrscheinlich der Monotheismus zu verdanken ist, gilt
inzwischen als wissenschaftliche Tatsache. Ein etwas späterer
Hochstapler auf dem ägyptischen Thron ist Ramses II. Seinen Krieg gegen
die Hethiter, gipfelnd in seinem Feldzug gegen Quadesh – eine vollendete
militärische Niederlage eigentlich, durch klassischen Hochmut,
katastrophale Führung seiner Infanterie und Unfähigkeit in seinem
taktischen Führungsstil à la »Ich bin der Pharao, jetzt kommst du«.
In Wahrheit verliert er die Schlacht und deutet sie in
propagandistischer Höchstleistung zu einem Sieg ohne Parallele um. Von
der Nilmündung bis nach Assuan lässt er sich als Herrscher in den
geduldigen Sandstein hauen, der in der einen Hand zahllose Feinde hält,
in der anderen eine tödliche Keule schwingt. Seinem Geltungsdrang
werden die königlichen Steinmetze nicht nur durch beispiellose
Kolossalstatuen gerecht, sondern auch durch einen plötzlichen
Stilwechsel in den steinern-schriftlichen Hieroglyphen: In seiner
Amtszeit geht der Stelenschreiber vom Hochrelief ins Basrelief über -
so kann man die Namenskartuschen der Vorgänger mal eben in »Ramses
II« ummeißeln. Einen alle sieben Jahre stattfindenden Ritus, bei dem
der Pharao vor der versammelten Priesterschaft seine
Regierungsfähigkeit durch einen Tanz zu demonstrieren hat, meistert er
noch achtzigjährig bravourös: »Er warf die Beine über den Kopf, wie
ein Gott«, durch einen Spazierstock gestützt, vermerken die Chronisten
der damaligen Zeit atemlos auf ihren Papyrii. Alkibiades, ein Geliebter
des Sokrates, nutzt seine ebenfalls gottgleiche Schönheit und seinen
persönlichen Charme auch vermittels eines lang im Sand schleifenden
Purpurmantels und »goldener Sandalen« – ein früher Publicity-Gag -
derart geschickt, dass man ihn irgendwann zum Oberbefehlshaber der
griechischen Flotte kürt, was natürlich in einer nautischen
Katastrophe endet. Alexander der Grosse wird seinen Status als Herrscher
der Welt ein wenig später dadurch manifestieren, dass er sich in der
ägyptischen Oase Shiwa von den dortigen Priestern des Amuns (der musste
für so einiges herhalten) als dessen Sohn zu dessen Stellvertreter auf
Erden erklären lässt. Ein Vorgang, den er erst billigend zur Kenntnis
nimmt, um ihn, wie seine Biographin Mary Renault später schreiben wird,
»irgendwann selbst zu glauben« – der Hochstapler überzeugt sich kraft
seiner eigenen Hybris. Sich auf Gott selbst berufen, wir kennen es auch
schon von Rasputin, und wir bemerken mit Erschrecken, dass das nach
landläufiger, jedoch zur Debatte stehender, Meinung schöne Geschlecht
unter den Hochstaplern aus untersuchenswerten Gründen bislang kaum
repräsentiert ist. Nun, das lässt sich schnell ändern: Johanna von
Orléans oder auch Jeanne d´Arc folgt in ihrem Kreuzzug gegen die
bösen Engländer angeblich auch einer direkten Gotteserscheinung, an
die bis auf den heutigen Tag je nach Zugehörigkeit zur katholischen
Kirche oder skeptischer Philosophie noch heute geglaubt wird, oder auch
nicht. Im Film Yentl, mit der göttlichen Barbra Streisand verfilmt,
will eine junge Polin jüdischen Glaubens einfach nur ihren Anspruch auf
Bildung erfüllt sehen, was ihr als Frau in einer jüdisch-orthodoxen
Gesellschaft nur möglich ist, indem sie sich als Mann ausgibt. Für die
damalige Zeit, man schreibt etwa die Mitte des 19. Jahrhunderts,
unerhört, aus der heutigen Perspektive und natürlich der der
westlichen Zivilisation, eine lässliche Sünde, auch wenn der Wunsch,
das Geschlecht zu wechseln, schon seit Theiresias belegt ist: Der
Philosoph darf, von den Göttern erwählt, sieben Jahre lang als Frau
verbringen, um zu wissen, was diese fühlen. Der Seher erkauft sich die
himmlische Gunst allerdings im Gegenzug für immerwährende Blindheit.
Auch der Fall der einzigen Päbstin, muss in dieser Reihe genannt
werden. Noch heute ist der Geschlechterwechsel allerdings, selbst wenn
die Genetik dafür spricht, wie diverse Beispiele aus der neueren
deutschen Sportlergeschichte belegen, noch mit einem Haut Gout behaftet.
»The sex-changing impostor« ist also womöglich ein Sonderfall. Bis in
die Siebziger Jahre behauptet eine gewisse Anna Andersen, die einzige
überlebende Tochter des Zaren, Großfürstin Anastasia zu sein – ein
Anspruch, der inzwischen durch eine überzeugende DNA-Analyse der
sterblichen Überreste der Zarenfamilie als widerlegt gelten darf, wie
der englische Autor Robert Massie in seinem Buch »Die Romanows«
erschöpfend beschreibt. (Es ist ein interessanter Umstand, dass sich
die Hochstapler verschiedenster Couleur um den letzten Herrscher aller
Reussen gleichsam sammeln…)

Ach ja, und wieso kommen wir erst jetzt drauf: Schönheitsoperationen
etwa, jene Glücksverheissung der Ärzte, ewige Jugend versprechend,
nicht länger nur den Frauen Amerikas anzudichten, längst
übergeschwappt auf unseren Kontinent, ein letztes Aufbäumen Psyches,
um Amors Lust noch einmal zu erheischen, aufzustocken auf jenes
unverständlich unveräusserliche Kapital in unserer so sexbesessenen
und oberflächlichen Kultur, fast religiös verehrt (Abildungsfluten von
Models stellen die Anzahl von Madonnenbildern weltweit wohl schon
längst in den Schatten)! Eine Freundin berichtete unlängst von einem
ersten Date, zu dem der angetretene Herr schon in der Einleitung des
Rendez-vous verlauten liess, er wolle eigentlich eine “blonde,
schlankere Frau…” Und dann, die grösste Lüge von allen,
einträglich sosehr, dass die reichste Frau Frankreichs, die Eignerin
des L`Oreal-Konzerns, Liliane Bettencourt, ihr schier unermessliches
Vermögen jener Sucht nach Schönheit verdankt: Die Kosmetikindustrie.
All die Wässerchen; Tinkturen, Haarkuren, Lippenstifte, Eyeliner,
Puderdosen, Liftingprodukte, Anti-Age-Cremes – “ein Riesenbetrug”, wie
mich einst die Modechefin der grössten deutschen Illustrierten wissen
liess, “jede wissenschaftliche Studie dazu verschwand bei uns im
Giftschrank, um die Anzeigenkunden zu halten.” Da ist sie aber, die
Sehnsucht der holden Weiblichkeit, erschafft dank gigantischer Umsätze
Wolkenkratzer (der Revlonturm an der Fifth Avenue), finanziert mal so
eben 85 Millionen Dollar für einen Beckmann (die Lauder Sammlung),
wiegt Millionen von zarten Seelen im Wahn unendlich dauernder
Sirenenkräfte – ist dies nicht eine grossangelegte, weltumspannende
Verführung zur Hochstapelei schlechthin? Einer eigentlich privaten,
dennoch auf Öffentlichkeit hin ausgerichteten Glücksverheissung ewig
Zukurzgekommener? Die Modeindustrie (und man möge dieses Apercu einem
Spezialisten auf diesem Gebiet verzeihen) – all die Chanels, Versaces,
Guccis, Yves Saint Laurents, die Vehikel der Eitelkeit, der
Geltungssucht, die Fashion Shows Hochmessen schäumender Begierden nach
Manifestation von Status, von Begehrtsein, von ästhetischer Allmacht -
sie ist der ewige Tanz um das goldene Kalb, ein, so schreibt es Elena
Esposito in ihrer Abhandlung “Die Psyche der Mode”, immerwährendes
“Balzen um Anerkennung, sozial akzeptiert.” Verzweifelter Auswuchs
einer vermeintlichen Individualisierung durch Konsumgüter? Unvergessen
die Horden von Japanerinnen, die den Louis Vuitton Shop in der Faubourg
umlagerten, als gäbe es kein Morgen, signifikant (im Sinne des Wortes)
die in den Achtzigern um sich greifende Labelisierung trivialster
Produkte, der Designwahn bis hin zur Zuckerdose, die Anbetung eben jener
einzig verbliebenen Insignien des Status. Es ist eine Demokratisierung
des Hochstapelns, wie sie ein Künstler dieser Disziplin à la Krull
wohl nie verziehen hätte.

Ihr Fundament? “The pursuit of happiness” jener unablässig
hochgejazzte Artikel der amerikanischen Verfassung, ein verbrieftes
Recht also, gipfelt demnach in einem sozial sanktionierten “Ich will
mehr, als ich habe und bin” – die treibende Kraft des gerade in die
Knie gezwungenen Turbokapitalismus, ein “Mehr scheinen als sein”
geradezu vorwegnehmend. Nicht selten ist Hochstapelei, hier in einer
ihrer präsenzbestimmenden, realitätsheischenden, lebensnichtenden
Facette der Moderne, schlicht ein Aufschrei der Geschundenen, vom
ungerechten Dasein Entrechteten (der Vergleich zum Ablasshandel der
Zeiten Luthers drängt sich auf), und womöglich sogar – will man sich
freudianisch versteigen? – ein Ausdruck der Sehnsucht nach Liebe.

Liebe mich! schreit der Hochstapler, für etwas, das ich nicht bin, ohne,
und das ist das Tragische daran, zu sehen, was er IST. “Es gibt kein
wahres Leben im Falschen” sagt Adorno und sein Mahnruf verhallt
ungehört ohnehin in der Desorientierung des Homo Consumens – der
Hochstapler an sich ist dafür regelrecht taub.

Kommen wir nun zur alles entscheidenden und schon oben aufflimmernden
Frage: Ist die moderne Gesellschaft, von Geldgier und Geltungssucht
getrieben, ein in der Geschichte vielleicht einmaliger Nährboden für
Hochstapler? Was ist mit den Champagnerflaschen zu 5000 Pfund, die sich
Investmentbanker bis vor Kurzem noch in London nach gelungenen
Abschlüssen spendierten? Wer will da wem was vorspielen? Überhaupt die
Solvenz: Die Anzahl überteuerter Sportwagen auf windigen und letztlich
unbezahlbaren Leasingraten geborgt, cui bono? Dem leidigen Nachbarn? Der
zur Schau gestellte Ferrarischlüssel auf dem Tisch des Italieners, ein
Lockmittel mithin für etwaige weibliche Sexualpartner, das technisierte
Pfauenrad eines unattraktiven Russen ohne Tischmanieren, zuletzt gesehen
im “Espresso” am Grindel in Hamburg, sicherlich auch anderswo
aufzufinden in der Republik, in Europa, ja weltweit? Hat man denn nicht
mit der hypothekenbelasteten Villa schon genügend Welle verbreitet? Was
wurde aus den Triple A-Ratings der Lehmann Brothers, und – hier
schliesst sich der Kreis zum kleinen Bernie Madoff, dem schwachen
Männlein aus Queens, einem vielleicht schuldig Unschuldigen: Ist jener
nicht einfach nur die äusserste, letzte, kanülenhaft feinste
personifizierte Ausprägung eines Allgemeintrends unserer Zeit?

Geheimer, finaler Verdacht: Ist das Hochstapeln letzlich wohl – gehen wir
zu weit? – ein Negieren der Sterblichkeit?

HARALD NICOLAS STAZOL

Heath Ledger – an Obituary, somewhat too late

Februar 10th, 2008 | stazol

It is with great grief that I learned of the demise of Heath Ledger, an accomplished actor and one of my personal heartthrobs, if one daresay so. De mortuis nihil nisi bene -

Heath Ledger - an Obituary

and far is it from me to criticize him in any way – it would be an utter impossibility anyhow. How he excelled in “The Patriot”, how he amazed and deeply touched in “Brokeback Mountain” and what a career lay in his future! Heath had the potential of being a a legend forever! Alas, it was not to be. Whom the gods love to much, they summon to their presence early – as it was with James Dean, a comparison perhaps to early and easily and by too many already drawn, but valid still, and, in my opinion, very much to the point.

A golden youth, it seems, and his appearance, his broad shoulders, his athletic countenance (As a knight, for example) and yes, his beauty! A heavy burden indeed. No one is as stressed as the truly beautiful, for the world expects so much of them. And Hollywood is, I deem, a cruel scene. Perhaps too cruel for someone so young, for young he was, even younger he seemed, and perhaps his fate is a consequence of this unspoiled youthfulness. Certain sneers have been circulated about a possible drug addiction from sources not too well-wishing in general, brutes of the manhattan rat pack of society columnists, not hours after his sudden death. I have another theory entirely, and I hope I do not accumulate insincerely or uninformed legends about him, whom I really and utterly loved, and whose loss I shall never overcome (that being not an aside…): I believe that he was a manic-depressive of bipolar disorder. Being manic depressive myself, I am well informed about the symptoms, and several have been mentioned in the news coverage – his being irritated in interviews, his sleeplessness (two hours only, sometimes), and last but not least: His very intensiveness in his performance, of the high-strung quality that touches the inner sanctum of the viewers hearts. It is likely, and again I talk from bitter experience, that in his desperation and grief he tried everything to feel better, and the pharmaceuticals having beeen found and analysed speak a bleak language. I went to seven doctors and medical examinations befor diagnosed correctly, and it is a common phenomenon that the outside world reacts with disdain and uncomprehending to the manic states, and even more to the downs – the social surroundings cannot deal with it, are scared or simply uninterested: Did Heath not have everything a young beau could desire? Did he complain? Could his exwife live with and up to his phases of utter despair? It is not uncommon that spouses react with irritation and, in the end, leave. It was so with me. A manic depressive shocks his friends and family into separation (my own relationship, after seven years crumbled into a void, a loss I have not come over yet, and severly deplore to this day – this illness destroys everything…). And it is disastrous to any career, especially if you are known and booked as a sunnyboy, a boy from next door, a teen-idol, a male superstar. Isolation ensues, and phases in which you wish for death (no exaggeration) and death only. Many Bipolars commit suicide if not properly treated and in time and it is a sad fact that doctors are not able to diagnose the disease correctly. In one of my manic states I found myself in a luxury hotel, the Schweizerhof in Lucerne, spending vast amounts of money and in the end photographing a minor (he was fifteeen, turning shortly sixteeen,but, alas, in a month), which cost me my career at Stern Magazine and the Financial Times, for tolerance of the illness, especially in Germany and its Nazi-Tradition of intolerance towards Psychological defects, in the extreme up to killing the patients, a social trait that continues to this date (one tries to hide it, even in the realms of the families), is unheard of to this day. People react scared, and one should not mention his defect in public, lest one is ignored in the workfield, as I have beeen as a journalist for years, an admittance I have not mentioned on this site for some time, but of which my friends have concurred in asking to publish it (well, it is done now!). How much more these reactions toward this tragic illness will have occured in the movie business – I shudder at this thought and have, forgive me Heath! – pity on you.

Heath Ledger Obituary

Capucine, one of the most beautiful women of her day, died of being bipolar, throwing herself of her balcony on the eight floor at the age of 62 in 1990, having begun her career with 15 as a mannequin for Dior. She suffered, she died, one of the many victims of this vicious illness. Many a genius had it, and many of them died by their own hands.

Heath Ledger, a male beauty. Was it a suicide? Who will ever know. I would have understood him. And, had I ever met him, tried to help. I love him still. As I shall do forever. There is no more to say. Reqiescat in pacem.

Der Hype im gegenwärtigen Kunstmarkt

November 30th, 2007 | stazol

Der Kunstmarkt ist zur Zeit voll gehypt, wie Calvin Tomkins im New Yorker festgestellt hat: Eine neue Gruppe amerikanischer und europäischer Sammler, viele von ihnen junge Hedge-Fonds Profiteure, haben Auktionspreise zu bislang nie erreichten, fast unvorstellbaren Höhen gebracht: Picassos “Junge mit der Flöte” brachte 104 Millionen Dollar bei Sotheby´s im Jahre 2004, und der Willem de Kooning, den der Milliardär Steven A. Cohen gekauft hat, soll letztes Jahr für 143,5 Millionen den Besitzer gewechselt haben. Russische Oligarchen, mysteriöse Sammler aus Dubai, Hongkong, Singapur, Indien und Südkorea haben die Preise immer höher getrieben und bestätigt, dass der sich immer weiter ausdehnende Kunstmarkt eine globale Unternehmung geworden ist. Ein Grossteil des Geldes zentriert sich dabei auf zeitgenössische Kunst – einfach, weil Impressionisten, Post-Impressionisten und moderne Kunst immer seltener auf den Kunstmarkt kommen: Damien Hurst, Jeff Koons, Richard Prince, Takashi Murakami und andere gehören dabei zu den begehrtesten Künstlern. Allein Hirsts Leinwände konzentrischer Kreise, von denen der Künstler etwa 1000 produziert hat, bringen etwa 1,5 Millionen Dollar, und der Käufer kann damit rechnen, das selbe Werk einen Monat später für das doppelte zu verkaufen. Einer der Kenner dieser Entwicklung ist der private Kunsthändler Jeffrey Deitch, 55, aus New York: “Vor dieser Auktion hätten wir Basqiat mit fünf Millionen Dollar bewertet. Was ist passiert? Das Timing stimmt. Einige Leute im Hochpreisbereich suchen nach solchen Trophäen. Man denkt immer, es sei ein abstrakter Markt, aber tatsächlich geht es um individuelle Käufer.” Der Kunstmarkt schlägt den Dow Jones – und macht viel mehr Spass. “Die Hedgefonds-Manager sind brilliant. Sie holen sich sehr professionelle Beratung, informieren sich über Wert, Herkunft, Zustand, meist über das Internet. Es stimmt, dass es einige Leute nur als Investment sehen, viele aber sind neugierig und halten Kunsterwerb für eine Teil des zivilisierten Lebens.” Neil MacGregor, der Direktor des British Museum: “Wissen Sie, zum ersten Mal seit zweihundert Jahren hat der Westen keinen Einfluss mehr über die Zukunft des Kunstmarktes.” Am 15. Mai diesen Jahres sah Deitch die Auktion bei Sothebys als wichtigen Wendepunkt an: “Viele dieser Zeitgenossen werden mehr bringen als irgendein Impressionist jemals”, sagte er, und er behielt Recht. Ein Rothko aus dem Besitz David Rockefellers brachte 72,8 Millionen Dollar. Ein Francis Bacon ging für 52,6 Millionen unter den Hammer, an einen Sammler aus dem Mittleren Osten, und verdoppelte den bisherigen Bacon-Record. Ein Basquiat brachte 14,6 Millionen, das Dreifache seines letzten Wertes, an einen Telefonbieter. Insgesamt erzielte Sothebys einen Auktionsgewinn von 344,6 Millionen, eine höhere Summe als die Impressionisten, die “nur” auf 337,2 Millionen kamen. Christie´s erhöhte seinen Umsatz auf 477,8 Millionen, mit Werken von Warhol, Jasper Johns, Gerhard Richter und Damien Hirst: Der Star der Auktion war Warhols “Car Crash (Green Burning Car I)”, der für 71,7 Millionen Dollar nach Asien ging. Deitch: “Es ist faszinierend, dass der Warhol den selben Preis wie der Rothko erzielte und nun nach Asien geht.” Tobias Meyer, der Sotheby´s-Experte für zeitgenössische Kunst kommentierte die Abwesenheit amerikanischer Bieter im Top-Level: “Wir haben den Kunstmarkt dieser Dekade nie richtig analysiert”, sagt er, “Russland, China, Teile des Mittleren Ostens sind inzwischen dabei.”

Sotheby´s begann den Markt für Zeitgenossen erstmals in den Siebzigern zu erkunden, bis dahin waren sie so gut wie nie verauktioniert worden. David Nash, damals Chef des Modern Art Department, sagt: “Bis dahin kaufte man bei den Galerien und wenn man das Werk wieder verkaufen wollte, erhielt man die Hälfte des geplanten Preises,” In den Achtzigern wurden die Preise vom japanischen Markt bestimmt, nach einer längeren Phase der Stagnation: “Viel von dem ausgegebenen Geld war geliehen, die Japaner kauften wegen jedem möglich Grund, nur nicht, um es sich an die Wand zu hängen. Sie kauften, um die Bilder Politikern zu schenken, und Apartments mit einem Werk an der Wand konnte jeden Preis erzielen.” Deitch: “Die Kunstwelt war damals viel kleiner…” Als dann allerdings der japanische Immobilienmarkrt 1991 zusammenbrach, erwischte es auch die Preise der Julian Schnabels oder David Salles: Viele mussten unter Wert den Besitzer wechseln. Pollocks “Number 8, 1950″ konnte Deitch für 10 Millionen für seinen Kunden, die Hollywoodgrösse David Geffen erwerben. Geffen verkaufte das Werk vor kurzem für 52 Millionen an Steven Cohen: “Ich kenne einige Sammler die die Auktionskataloge als Definitionsgrundlage für zeitgenössische Kunst nehmen. Die Museen artikulieren sich da nicht richtig. Der Markt zeigt die Struktur auf and wenn man nach den führenden Künstlern fragt, heisst es ´wie hoch ist ihr Preis´?” Der Manager Steven Cohen hat seit 2000 etwa für eine Milliarde Dollar Kunst gekauft – und sein Kollege Daniel Loeb besitzt unter anderem Arbeiten von Martin Kippenberger, Cecily Brown, Richard Prince, Peter Doig Mike Kelley, Kai Althoff. Deitch: “Loebs Verbindung mit seiner Kunst ist beispielhaft.”

Die Kunstwelt, so Deitch, habe sich von einer Community zu einer Industrie gewandelt: “Wir leben in einer zunehmend kultur-basierten Wirtschaftswelt, und der Wert der Kunst läuft mit anderen Investmentwerten wie Immobilien synchron. Und das weitestgehend unkonrolliert, wenn die Menschen zu jeder Investition bereit sind.” Die Russen etwa kaufen momentan soviel, dass die Gebote in Dollar, dem englischen Pfund, Euro und Rubel über die Auktionspults projeziert werden. In Basel verkaufte Deitch von hundert mitgebrachten Arbeiten die Hälfte in den ersten drei Stunden nach Eröffnung der Schau.

Ein Höhepunkt dieser Entwicklung zum Hype dürfte der menschliche Schädel sein, den der Künstler Damien Hirst mit 8601 Diamanten besetzen liess – zu haben für fünfzig Millionen Pfund, laut Deitch ein “Phantastischer Publicity-Stunt.” Nach vier Monaten, in denen der Schädel keinen Käufer fand, fand sich ein Syndikat, das bereit war, den Kopf zu kaufen. Hirst: “Wir werden den Brilliantschädel zwei Jahre lang durch Museen touren lassen und ihn dann um ein Vielfaches veräussern.”

Zum Vergleich: Eine Nackte von Gustave Courbet von 1865-66, die vielleicht die einzige in privater Hand, wird voraussichtlich drei bis fünf Millionen Dollar erzielen. Deitch: “Nun gut, es gibt Unbalanciertheiten im Markt. Macht ein Warhol für über 70 Millionen Sinn? Absolut. Kein anderer hat die zeitgenössische Kunst so beeinflusst wie er. Der Courbet ist ein wundervolles Bild. Vielleicht erwerbe ich es zu einem späteren Zeitpunkt” Und: “Es gibt keinen Markt, der sich nicht irgendwann nach unten korrigiert.” Zwei Dinge könnten passieren: Der Kunstmarkt bricht unter seinem eigenen Gewicht zusammen – wenn Werke zu hoch bewertet werden und keine Käufer finden, wird das zu Erschütterungen führen. Oder einige Hedgefonds kollabieren, was wahrscheinlicher ist. Und natürlich, wenn zuviele Käufer mit geliehenem Geld kaufen. Der Hype auf dem Kunstmarkt? Man darf gespannt bleiben…

HfbK – warum eigentlich Studiengebühren? – in Kürze

Juli 18th, 2007 | webmaster

Es sind einige der Kernfragen dieses Sommers: Warum soll ein Maschinenbaustudent seine Studiengebühren in Hamburg bezahlen, ein Kunststudent aber nicht? Und ist, im gesamtgesellschaftlichen Konsens, ein Künstler, mithin ein zukünftiger, nicht auch ein schützenswertes Kulturgut? In einem ohnehin von einschneidenden Kürzungen betroffenen Bereich? Es geht um 500 Euro pro Semester, es geht um das kreative Potential einer Stadt, die eigentlich reicher nicht sein könnte (nicht zuletzt in einer Konkurrenzrolle zu Berlin), es geht um junge, hoffnungsfrohe Menschen, die ein Wagnis auf sich nehmen, das der gemeine Maschinenbauer eben nicht eingeht: Das einer unsicheren Zukunft. Einer Zukunft, auf die sich im Turbokapitalismus immer weniger Studenten einlassen wollen, nicht zuletzt der Sorgen der Eltern wegen, die mit Unsicherheiten Karrieren betreffend oft nicht umgehen können. Junge Menschen, die sich für den harten Weg der Kunst entscheiden, müssen schon im Vorwege Widerstände überwinden, die sich so allen anderen nicht stellen, sie müssen ihr Talent unter beweis stellen, um an den renommierten Kunsthochschulen, zu denen die HfbK seit ihrer Gründung durch die patriotische Gesellschaft Mitte des neunzehnten Jahrhunderts unzweifelhaft gehört, überhaupt angenommen zu werden. Sie flüchten sich, umtost vom gesellschaftlich-wirtschaftlichen Konkurrenzkampf, in die Häfen der kulturellen Bildung, um dort ihren Begabungen freien Lauf lassen zu können – und einer dieser Häfen, ein Hort des kreativen Lebens, ein Anlaufpunkt der leichten Träume, verschliesst seit 16.7.2007, dem Poststempel der nun zugeschickten Exmatrikulationen an knapp 250 der die Gebühren Boykottierenden seine Pforten.

Es ist dies der Höhepunkt einer Auseinandersetzung zwischen letztlich dem Wirtschaftssenator, dem Bildungssenator der Stadt Hamburg und den Studierenden, wobei schon bemerkt werden darf, dass sich die Politisierung Letzterer aus der Sorge um finanzielle Belange speist – aber warum soll sich nicht die Woge der Notwendigkeit am realen, Unmittelbaren brechen?

Jörg Dräger, Bildungssenator Hamburgs, der selbst einige Eliteanstalten in seiner studentischen Laufbahn besuchen durfte, rief noch vor kurzem die Talentstadt Hamburg aus. Bleibt die Frage, ob diese Talente in der Lage sein werden, ihren Beitrag zu einer lebendigen, vielleicht sogar vorbildlichen und nacheiferungswürdigen Stadt zu leisten, wenn ihnen schon in den Startlöchern finanzielle Hürden in den Weg gelegt werden. Fraglich ist auch, ob der Beruf des Künstlers nicht schon allein durch die Kosten von Material und Medium (Ölfarben, teure Kameras, Filmmaterial etc.) ohnehin schon am Anfang der Karriere mehr in der finanziellen Pflicht steht als der eingangs erwähnte Maschinenbaustudent?

Ist es nicht hanseatische Tradition, gerade den weniger Bemittelten Chancen zu ermöglichen, profitiert die Hansestadt à la longue nicht auch gerade von ihrem Ruf der Unabhängigkeit gegenüber anderen Bundesländern, ist es denn wirklich so grosser Luxus, sich eine Institution wie die HfbK zu leisten, schon allein um möglichst selbst vom projektierten Talentschub zu profitieren?

Das Hamburger Abendblatt kommentierte, es sei von der Studentenschaft unklug taktiert, den Senat bis auf Äusserste mit einem Gebührenboykott zu konfrontieren – der sei nun zur Härte gezwungen. Bleibt zu hoffen, dass einer der Kombattanten bis zum Ablauf der letzten Zahlungsfrist am 31. September einem Kompromiss zustimmt – womöglich sogar auf Anraten eines Schlichters: Der ehemalige Kulturstaatsminister und jetzige SPD-Spitzenkandidat Michael Naumann böte sich dazu fast logisch, ja, zwingend an.

TOD IN MONACO

Januar 8th, 2002 | stazol

Die lustige Witwe

und wie Edmond Safra
vorzeitig ums Leben kam

Einen Milliardär heiraten? Unwahrscheinlich. Ihn überleben und sein
Vermögen erben, weil er Selbstmord begeht? Sehr unwahrscheinlich. Mit dem Geld zur Bank gehen, und den Bankier, einen Billiardär heiraten? Ziemlich
unwahrscheinlich. Auch den überleben, weil er zu Tode kommt, und flugs
Billionärin sein? Eine Chance, eins zu einer Milliarde. Und dennoch: Lily
Safra ist es geschehen. Und vielleicht sogar, man wird es wohl nie
erfahren, hat sie es auch ein wenig geschehen lassen. Schreiben darf man das nicht.
Ihre Anwälte sind gnadenlos. Aber man kann die Umstände aufzeichnen. Die
Szenen. Die Ungereimtheiten. Und dann selber urteilen. Wie sehr der Zufall
waltet. Im Leben von Lily Safra.
Die Schönen und Reichen von New York sind anders — Leben und Tod folgen in
jenen Kreisen anderen Gesetzen. Oder keinen. Sie sind oft gewaltsam. Und
wenn ein Reicher mordet oder ermordet wird, ein Amerikaner dazu, hat es
oft den Anschein, als gelten sie nicht, Recht und Gesetz. Ein reicher Mörder kommt leicht davon. Aber wenn ein Reicher so ermordet wird, wenn einer von ihnen so stirbt, wie Edmond Safra, dann will man wohl nie so reich sein wie er. Truman Capote, der große amerikanische Spötter, schrieb einmal alles auf, was er über die Schönen und Reichen seiner Zeit wußte: „Sie haben die Macht, die Polizei-Gehirne zu waschen, Gedanken neu zu verweben, Leichen von Duschkabinen zu Fluren zu bewegen und Untersuchungen zu kontrollieren.”
Als er es getan hatte, wendete die feine Gesellschaft sich von ihm ab. Denn er hatte bewiesen, was sie waren. Was sie befürchtet hatten. Und was in einer Demokratie niemand so gerne ausspricht: Dass sie anders waren. Irgendwie besser. Dass ihr Leben von allen anderen unterschieden ist. Dass sie tun und lassen, was sie wollen. Und dass sie sich manchmal eben gegenseitig
umbringen. Im kleinen Kreis. In der Familie. In der Ehe. Vor allem wegen
Geld.

Dominick Dunne, amerikanischer Star-Reporter, weiß, wie Capote sich
gefühlt hat: „Ich habe soviele Schwierigkeiten bekommen, seitdem ich mich zum Safra-Fall äußere, dass ich nichts mehr sagen will.” Vor kurzem wurde ein Urteil vor monegassischem Gericht gesprochen, ein rechtskräftiges Verdikt gefällt. Ein Mensch muß für zehn Jahre ins Gefängnis. Also eigentlich alles geklärt, denkt man. Es ist aber nicht so. Es gibt einige Fakten, die sich seltsam ausnehmen, so seltsam, dass sie nachdenklich machen. Über ein Rechtssystem, das unendliche Untersuchungshaft erlaubt. Amnesty International schreibt, die monegassische U-Haftkönne „theoretisch ohne Angaben von Gründen auf ewig verlängert werden”, wie 1994 aus einem
Bericht Monacos an das Anti-Folter-Komitee der UN hervorgeht. Mitten in Europa herrscht feudalistische Jurisdiktion.

Es geht um das Schicksal eines einzigen Mannes, der möglicherweise
unschuldig im Gefängnis sitzt, für eine Tat, die er nicht begangen hat:
Mord an seinem Patienten. Die Bühne ist fertig, die Akteure sind versammelt. Die Fakten sind bekannt. Und sogar eine TV-Verfilmung gibt es schon in Amerika, angelehnt an den Fall Safra, die ein Schlaglicht wirft auf die Begebenheiten eines Wintertages im Jahr 1999. Vielleicht hilft ja das Drehbuch vorab, wenn gleich danach die Fakten erzählt sind, die Umstände und Ungereimtheiten, um die Dinge am Ende klarer zu sehen.
Das Drehbuch:
Eine amerikanische Bankiersfrau hat mit dem Pfleger ihres Mannes eine
Affaire. Der vermutet etwas, läßt das Bettlaken aus dem Schlafzimmer einem
DNA-Test unterziehen und findet nicht nur Samenflüssigkeit eines anderen
Mannes. Er findet Spermaspuren seines eigenen Sohnes. Kurz darauf bricht
ein Brand aus im Fifth-Avenue-Apartment, der Bankier verbrennt darin. Der
Pfleger wird von der Polizei als Hauptverdächtiger verhaftet. Wegen
Mordes. Die Bankiersfrau schwer belastet.
Diese Geschichte wird in den USA zur Prime Time ausgestrahlt, auf dem
Nachrichtensender Law & Order. Es ist ein Beziehungsdrama, das sich auf
einen wirklichen Fall bezieht. Einige Salons mit Blick auf den Central
Park wissen, was da gespielt wird. Was wirklich geschehen ist. Und vor allem weiß es wohl eine Frau. Sie ist das Vorbild, die Hauptperson, der Dreh- und Angelpunkt dieser Geschichte. Sie hat auch ihren zweiten Mann überlebt, ist dadurch nun unermeßlich reich. Und ihre Aussagen, vielmehr ihre Anwälte, haben den Pfleger vor Gericht gerade hinter Gitter gebracht: Lily Safra dagegen, nun eine wohltätige Witwe, wohnt dagegen immernoch wo sie will. Und einige Unstimmigekeiten in dem Unglück, das sie zur Witwe machte, sind es wert, betrachtet zu werden.

Die Fakten:

Am 3. Dezember des Jahres 1999 stirbt der Multimillionär Edmond J. Safra
an Erstickung im bunkerhaften Badezimmer seines Privat-Palastes, dem nun in
Flammen stehenden Penthouse, Belle Epoque 17, Avenue d´Ostende, Monaco.
Die Residenz von einer Dachwohnung befindet sich über den Räumen einer seiner Banken, der Republic National Bank of New York. Wenige Tage zuvor hat Safra sie für 9,9 Milliarden Dollar verkauft.
Erste Nachrichten sprechen davon, dass zwei Kapuzen tragende Eindringlinge
sich Zugang zur wie ein Hochsicherheitstrakt gesicherten Wohnung
verschafft haben und einen Krankenpfleger verletzen. Monaco gilt als eine der sichersten Städte der Welt, 300 Polizisten tun für ihre 30000 Einwohner
Dienst. Kein Schritt in Monaco, der nicht von Sicherheitskameras überwacht
würde: In den Straßen, den Unterführungen, vor Hauseingängen, in Fluren,
in Hotelhallen und natürlich im Casino. Drei Tage nach Safras Tod erklärt der Oberstaatsanwalt des Prinzentums Monaco, Daniel Serdet, dass Ted Maher,
Krankenpfleger im Dienst Edmond Safras, aus Stormville, New York, ein
volles Geständnis abgelegt habe: Er habe das Feuer gelegt, das seinen Chef
tötete, um bei dessen Rettung seine Gunst zurückzugewinnen. Er habe das Feuer in einem Papierkorb angezündet, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. „Er wollte ein Held sein.” Die Verletzungen in der Bauchgegend habe der Tatverdächtige sich selbst beigebracht. Zur Tatzeit sei der Verdächtigte „psychologisch fragil und unter Medikamenteneinfluß gewesen.” Man könne von diesem Moment an jede internationale Verschwörung mit Sicherheit ausschließen.

Das Opfer:

Edmond Safra ist einer der reichsten Männer der Welt und nach Aussage
einiger Bankiers der „brillianteste Financier seiner Zeit”. Seine
Spezialität ist das Private Banking für wohlhabende Kunden, er weiß „alle
Geheimnisse des Finanzplaneten” und hat viele Feinde. Skandale pflastern
seinen Weg: Er soll in Geldwäschegeschäfte für den panamaische General
Noriega und kolumbianisches Kartellgeld verwickelt gewesen sein. Im
Iran-Contra Skandal sollen seine Bank sowie sein Privatflugzeug Menschen
und Geld bewegt haben. Allein dieses Gerücht in die Welt zu setzen kostet
American Express eine Rufschädigungsstrafe von 8 Millionen Dollar. Einer
seiner New Yorker Freunde sagt, „er war kein Chorjunge”.
Safra, 67, parkinsonkrank und manchmal paranoid, ist ein
Sicherheitsfanatiker. Ein Gesundheitsteam von acht männlichen und
weiblichen Schwestern sowie vier Ärzten sorgen rund um die Uhr für ihn. Er hat 50 Millionen Dolar für die Erforschung von Parkinson gespendet. Noch bevor er von 1998 bis 99 mit dem F.B.I. zusammenarbeitet, um russische
internationale Geldwäschegeschäfte aufzudecken, gibt er jährlich Millionen für die Sicherheit seiner Familie aus, für seine Frau, ihre Kinder und ihre Enkel.
Jede seiner Residenzen ist mit einer kleinen Privatarmee ausgestattet. Im
monegassischen Penthouse beschäftigt er 11 Leibwächter, viele von ihnen
Ex-Mossad-Agenten. Eine der Hauptfragen des Prozesses am 21. November 2002
ist, warum sich diese Wachleute im 20 Minuten weit entfernten
Meerblick-Palast „La Leopolda” aufhalten. Und warum sich Safra nicht in
ihrer Mitte befindet, in einem wesentlich besser zu verteidigenden Bauwerk
mit Hubschrauberlandeplatz auf dem Dach.

Der Tatverdächtige:

Theodore Maher, genannt Ted, ehemaliger Green Beret Soldat, ist
Krankenpfleger am Columbia Presbyterian Hospital. Als er eines Tages die
teure Kamera eines Patienten findet, den darin befindlichen Film
entwickeln läßt und beide dem so erkannten rechtmäßigen Besitzer zurückgibt, ist jener so beeindruckt, dass er ihn an seinen Schwiegervater Edmond Safra weiterempfiehlt. Maher hat schulden, 60000 Dollar Anwaltskosten, weil er das Sorgerecht für seinen Sohn aus erster Ehe eingeklagt hat: Die 600 Dollar am Tag, die ihm das Safra-Medizin-Team bietet, kann er nicht ausschlagen.
Einziger Nachteil: Er muß seinem Patienten nach Monaco folgen, obwohl er
Frau Heidi und seine drei Kinder zurücklassen muß. Ein Versuch, seine Frau
ebenfalls als Krankenschwester bei Safra unterzubringen, scheitert an den
drei Kindern. Maher fährt allein nach Monaco. Er arbeitet ein halbes Jahr
für Edmond Safra.

Die Witwe:

Lily Safra, geborene Watkins, ist in dritter Ehe mit Edmond Safra
verheiratet. Ihr Vater war Bahnarbeiter und emigrierte nach Brasilien, wo
sie geboren ist. Mit 19 Jahren heiratet sie einen brasilianischen
Nylon-Strumpf-Millionär, mit dem sie drei Kinder hat. Nach der Scheidung
heiratet sie Alfredo Greenberg, einen superreichen
Elektroladen-Ketten-König, der sich bald darauf Monteverde nennt. Nach
dessem überraschenden Selbstmord Lily steht kurzfristig unter
Mordverdacht:
Freddy Monteverde, stirbt um drei Uhr Nachmittags am XX,YY,1969. Die
Polizei kommt an diesem Abend erst um 9.45 Uhr. Lilys Sprecher, Howard Rubenstein, bestätigt, dass Monteverdes Brust zwei Einschußlöcher aufwies. Er soll „suizidär” gewesen sein.
Zweimal untersucht die Polizei den Todesfall, läßt die Witwe dann aber
außer Betracht. Sie erbt 230 Millionen Dollar und legt sie in die Hand Edmond Safras, zu dieser Zeit Direktor der Banco Safra in Brasilien.

Die Bank:

Die drei Gebrüder Safra entstammen einer Familie syrischer Juden, die das
Vermögen der osmanischen Sultane verwalteten: Safra Frères war eine
ottomanische Institution. Der Wahlspruch des Vorfahren Jacob Safra lautet
„Wenn Du dich entschließt, in die See des Bankiersgeschäfts zu stechen,
baue deine Bank so, wie du ein Schiff bauen würdest. Stark genug für jeden
Sturm”. Das Familienmotto ist der Traum von einer Bank, die „tausend Jahre
überdauert”. Als unter deutschem Einfluß in Europa die Geschäfte
schwieriger werden, verlegt die Familie ihren Sitz nach Südamerika. Die drei Brüder Edmond, Joseph und Moise sind erfolgreich. Der Geschäftsbericht 2001 der Safra National Bank New York, auf dessen letzter Seite Edmonds Portrait und die Worte „in memoriam” prangen, gibt das Geschäftsvolumen mit 3300 Milliarden Dollar zum 31. Dezember 2001 an. Die Gruppe umfasst die Banque
Safra Luxembourg S.A., Banque Safra France S.A., Banco Safra (Cayman
Islands) Limited, Safra International Bank and Trust Ltd., I.F.E. (Uruguay
S.A.) etc., etc.

Die Ehe:

Dass Lily zu alt ist um Kinder zu kriegen und die Tatsache, dass sie
eigene in die Ehe mitbringt, gefällt Edmonds Brüdern nicht. Moshe und Joseph versuchen, ihn von der Heirat abzubringen. Dies ist der Keim der
Feindschaft zwischen Safras Familie und Lily. Edmond gefällt, dass sie eigenes Geld mitbringt. In einer Phase der Unentschlossenheit geht er nach New York und Lily heiratet zwischenzeitlich einen 35jährigen englischen Geschäftsmann mit
marokkanischem Pass. Sie läßt sich auf Flehen Edmonds allerdings wieder
scheiden. Die beiden heiraten 1976. Der Ehevertrag umfasst sechshundert
Seiten.

Das Geld:

Die Dekoration von Lilys Schlafzimmer in La Leopolda, einem Palast, den
derKönig von Belgien mit dem Geld aus Belgisch-Kongo für eine Mätresse bauen liess, kostet 2 Millionen Dollar. Das Ehepaar bewohnt ein riesiges
Apartment in der Fifth Avenue, eine Suite im Hotel Pierre (sie wird auch für Gäste in New York genutzt), das Penthouse in Monaco, Avenue d´Ostende, zu schweigen von einem Haus in London, Grosvenor Square, Belgravia, in Paris und Genf.
Für Lilys Sammlung von Möbeln des 18.Jahrhunderts wird ein Lagerhaus
angemietet – ihre Kollektion von Empire-Inteurieurs gilt als die bedeutendsde der Welt (sie wurde im September 2006 bei Sotheby´s New York unter den Hammer).
Zum Debut im internationalen Jet Set geben die Safras 1988 einen
Ball auf La Leopolda. Die Gästeliste, auszugsweise: Prinz Rainier und
Prinzessin Caroline von Monaco, Prinzessin Firyal von Jordanien, Christina
Onassis, einige Rothschilds.

Der Feuerbericht vom 3. Dezember 1999:

PRINCIPALITY OF MONACO
MONACO COURT OF
PREMIERE INSTANCE
(Monaco District Court)
File JI N R 68/69
PG N R 2261/99

Ablauf der Ereignisse
04:49 Die Sicherheitsfirma der Safras wird von einem telefonischen
Transmitter davon informiert, dass im Apartment gegeben wurde.
04:53 Der Concierge des Gebäudes notiert: “Geiselnahme; ein Mann
angeschossen und verwundet”.
04:54 Die Feuerwehr wird wegen eines „Messerangriffs” verständigt
05:00 Erster Anruf von Mrs. Vivian Torrente”.
05:20 Ankunft des Butlers, Mr. Manjate, mit den Schlüsseln zum Apartement
05:20 Ankunft des Sicherheitmanagers, S. Cohen.
05:23 „Rauchentwicklung von der Spitze des Gebäudes”
05:34 Ankunft der ersten Notfallkräfte
05:38 Die Polizei nimmt die Anwesenheit der beiden Safras und eines
„housekeepers” auf
05:45 Dünner weißer Rauch wird gemeldet.
05:56 Der “Head of Security” wird gerufen
06:00 Schnelle Brandentwicklung an der Fassade. Mrs. Safra ist in der
Halle.
06:15 Erster Versuch, das Feuer unter Kontrolle zu bringen.
06:29 Die Beteiligten erreichen den 5. Stock.
06:30 Letzter Kontakt mit Vivian Torrente. Mr. Edmond Safra und
Vivian Torrente verlieren offenbar kurz danach das Bewußtsein.
06:45 Kein Rauch mehr.
07:00 Die Feuerwehr betritt das Schlafzimmer.
07:45 Die Opfer werden entdeckt: Mr. Edmond Safra, Mrs. Vivian Torrente.
Die Ungereimtheiten:

Als der Sicherheitsmanager S. Cohen am Ort des Geschehens eintrifft,
erhält er von Lily Safra den Schlüssel zum Hochsicherheitsbadezimmer. Kurz darauf wird er von der monegassischen Polizei in Handschellen gelegt. Er ist der einzige, der Edmond Safra helfen könnte.
Der 3. Dezember 1999 ist der Tag, an dem Edmond Safra monegassischer
Staatsbürger geworden ist. Zwei Tage zuvor hat er es so eilig, seine Bank
zu verkaufen, dass er im Preis um 450 Millionen Dollar nachläßt, etwas, was
er noch nie getan hat.
Prince Rainier läßt seine Thronfolger Albert in derselben Nacht in
Sicherheit bringen, in der Überzeugung, es handle sich um einen
terroristischen Anschlag.
Ein europäischer Diplomat erzählt, man lache über die offizielle Version
des Falles. „Übersehen Sie nicht die russische Mafia. Zwischen Monaco und
Moskau fehlen 4,8 Milliarden Dollar.”
Es persisitieren Gerüchte unter den reichen Monegassen, in Safras Leiche
seien zwei Kugeln gewesen. An New Yorker Society-Tischen kursiert die
Geschichte, es habe in jener Nacht zwei Feuer gegeben. Dominick Dunne, der
Rechercheur für die amerikanische Zeitschrift Vanity Fair, der den Fall
seit Jahren verfolgt, sagt bei einem Treffen in London: „Ich verstehe nicht, warum die Brüder die Leiche nicht exhumieren lassen, um zumindest jenes Gerücht aus der Welt zu schaffen.”

Sue Kelly, New Yorker Abgeordnete des U.S. Repräsentantenhaus in einem
Brief anSeine Hoheit, Prince Rainier III:
…Wir glauben, dass das internationale Menschenrecht sowie sie
Bürgerrechte eines amerikanischen Staatsbürgers und seiner Familie deutlich verletzt wurden. Nachdem Ted Maher an Händen und Füßen gefesselten mit Katheder versehen, isoliert, verhört und für drei Tage wach gehalten wurde, wurde er gezwungen ein Geständnis zu unterschreiben, das ohne englische Übersetzung auf französisch abgefasst war. Auch seine Frau Heidi wurde mehrere Tage lang verhört und unter polizeiliche Beobachtung gestellt. Sie wurde von der Straße aufgegriffen, von drei schwarzgekleideten Unbekannten, in ein Auto gezerrt, in ihr Hotel gebracht, wo man ihr Gepäck durchsuchte und ihr den Pass abnahm. Diesen zeigte man Ted Maher während des Verhörs und drohte ihm
damit, dass seine Frau nicht mehr zu ihren drei Kindern zurückgelassen
würde, wenn er das Geständnis nicht unterschriebe…

Das Urteil:

Trotz internationaler Proteste auch durch Amnesty International, stärkster
Kritik aus amerikanischen Medien und des Engagements eines Top-Anwalts
wird Theodore Maher am 2. Dezember 2002 zu zehn Jahren Haft ohne Bewährung
verurteilt. Vor allem die Dauer seiner Untersuchungshaft hat für Entsetzen
über das monegassische Strafrecht gesorgt. Theoretisch hätte man Maher den
Rest seines Lebens in U-Haft verbringen lassen können. Maher gibt vor
Gericht zu, schon sechs Wochen nach seinem Arbeitsbeginn mit dem Gedanken
gespielt zu haben, Feuer zu legen, um seinen Gönner Safra in einem
heroischen Akt retten zu können. Sandrine Setton, die Anwältin der
Verteidigung, plädiert auf fahrlässige Tötung und eine Strafe von sechs
Jahren Gefängnis: „Verurteilen Sie Maher für seine Lügen, verurteilen Sie
ihn für seinen moralischen Vertrauensbruch, verurteilen Sie ihn für seine
Fehler” sagt sie, „aber verurteilen Sie ihn nicht für etwas, das er nicht
getan hat.” Mit den Worten „Dummheit ist kein Verbrechen” beendet sie ihr
Plädoyer. Die Staatsanwaltschaft unter Daniel Serdet plädiert auf 12 Jahre
bis lebenslang und argumentiert, Mahers Geschichte von den zwei
Eindringlingen habe die Rettungsarbeiten unnötig in die Länge gezogen.

Epilog:

Inzwischen wurde gegen Lily Safra und andere ihrer Familienmitglieder aus
eheren Ehen von Edmonds Blutsverwandten Klage erhoben: „Wir, die Ninaca
S.A., verlangen 17 351 838,45 Dollar zzgl. Zinsen, Kosten und
Gerichtskosten.” Es heißt, die Brüder und Schwestern von Edmond Safra
verklagen Lily in jedem Land, in dem er Konten hatte. Ein Testament, dass
die Kinder von Edmonds Schwester begünstigt hätte, wurde kurz vor Edmonds
Tod geändert. ´Drei Autoren haben sich mit dem Fall in Buchform befasst – nicht ohne einige Schwierigkeiten: Lily Safra liess entweder ganze Auflagen aufkaufen oder verhinderte die Drucklegung per Gerichtsbeschluss. Dominick Dunne darf sich zum Fall Safra nicht mehr äußern
und hat nach vier investigativen Artikeln in der Februar-Ausgabe der Vanity
Fair widerrufen. In einer E-mail schreibt er: „Ich habe bereits drei andere
Klagen am Hals. Dies ist die schlimmste Zeit meines Lebens.”