Archive for the ‘Lord Harald Nicolas Stazol’ Category

auf der jagd nach saudischen prinzessinnen, aus meinem zweiten roman “die fülle meiner affairen”, to be published

Januar 13th, 2010 | stazol

genf, hotel de la paix. zimmer 101, wie gewohnt. balkon über den platz und zur fontäne, merci madmoiselle. he did what he could, evidemment. unten in der halle um neun fred. ein zwei meter junge, 26, habe ich die götter denn unbewußt doch angefleht, der mit mir erst einmal zum hotel hilton geht, wo ein teil der 500 araber untergebracht ist, der hofstaat von könig fahd. ein chardonnay, akzeptabel, er ein bier hinter dem hotel, pub, die ganze straße voller mercedes, ein gelbes ferrari cabrio, und jede fußgängerzone voller araberinnen und ihrer kinder, ab und zu neugieriger blick eines flaumbärtigen araberchens, dann in die bar, fred schüchtern, was sagst du, wenn er fragt was wir hier wollen, ich: guten abend, einen drink bitte. er offensichtlich beeindruckt. ganz schön ehrgeizig, der junge. sieht schnell ein, dass er mit einem tele hier nicht weit kommen wird, sondern eher eine minox braucht. vorne in der siebzigerjahre verspiegelten pornolobby vom allerfeinsten erst mal zwei prinzessinnen, die auf nichts bestimmtes warten, dann ein haufen prinzen, dann nichts, nur sessel in rot, die aussehen wie rote lippen oder münder. unglaublich gelangweilte dicke männer stehen herum, der champagner kostet 17 franken, sein cocktail 22, wir radebrechen zwischen meinem noch nicht ganz fließenden französisch, er auf stöckelnden englisch. süß, mein zwei meter mann. er schon vorhin, auf die frage, wie ich ihn erkenne, naja, ich bin zwei meter, und ich, oh, i like that. bei mouawad dem leibjuwelier des saudis ein fliehendes pferd aus jade auf rotgoldenem boden, groß wie ein kofferradio, auf ein hindernis aus türkis, jaspis und perlmutt zupringend, von brillantbesetzten bäumen flankiert, daneben eine schale aus bergkristall und eine aus ausgehöltem rosenquarz, groß wie ein kinderkopf, edelsteinbesetzt, und ein spiegel mit goldenem ständer, von rubin blütenranken, saphiren und smaragden besetzt, kleines mitbringsel für die prinzchen daheim, jedes ne million, schnell geschätzt, währung? was sie wollen.
dann mit fred ins rotlichtviertel, wo er ein paar schwere jungs kennt, weil die araber ganz offensichtlich rauhe mengen von dildos, dvds und girls einkaufen. ins sex center, aber keiner der chefs ist da, dafür marodieren tatsächlich einige der flaumbärte und fetten männer von vorhin unschlüssig durch die gassen, vorbei an lackkgewandeten afrikannerinnen und bleistiftdünnen marrokanerinnen (die sind billiger). fred sagt, wir sollen hinterher, ich sehe uns schon in riad ausgepeitscht, da kommen sie heraus und gehen in unseren laden. kurz danach kommt einer der chefs, eine ziemliche schwuchtel, der uns sagt, wir seien tot, wir merken es nur noch nicht. ausgeschlossen, die araber zu fotografieren, unmöglich, vier, fünf corps de garde, leibwachen wörtlich, pro prinzessin, sie riefen immer an, einmal pro woche, und er müsse den ganzen laden dicht machen. jeder, der sich den maschinen auf dem flughafen, den ersten acht des königs, den weiteren sechs eine woche später, und den drei der königinmutter nähere, würde erschossen. als ein mädchen auf der suite nicht spurte, warfen sie sechs leibgarden aus dem fenster, oder einer eine sechs stockwerke tief, das wisse er jetzt nicht so genau, und nein, er würde mir nicht sagen, was sie wollen, das seien seine kunden, und er sei diskret, excusez moi, monsieur. dann geht er, und freddy lacht ein wenig und sagt, merde, ich habe auf dem flughafen gearbeitet und stand fünf meter vom flieger entfernt und lebe ja offensichtlich noch, und ich sage, stimmt, du lebst ja noch, hahaha, und er sagt, er hat mit einem der fahrer seiner majestät geredet, einer mit dem abzeichen des königs im ausweis, und der sagt, es seien gar nicht 20 millionen franken ausgegeben worden, seitdem der könig hier wieder wohnt mit seinem kaputten knie, sondern 40. dann kommt der andere besitzer, Jerome, auch schwul, und er sagt, was denn, die araber, die seien doch alle asexuell, denen genüge die vorstellung sie könnten drei blondinen auf einmal haben, das sei so in der kultur, und woher denn, da kämen keine gruppen in dunklen limos und gäben geld aus für ein stockwerk girls, geld bezahlen für frauen würde sie voll beschämen, das sei reine phantasie bei ihnen, und überhaupt: genf sei ja eh viel zu klein, die nehmen flieger nach london, paris und new york. eric hat aber doch gesagt, die bringen uns um, wenn wir ihnen zu nahe treten, egal, ob wir nen pass haben, und die polizei gucke weg, weil die soviel geld haben. quatsch, meint Jerome, wenn ihr soviel kohle hättet, würdet ihr da in dieses kaff kommen, guckt euch doch um, und dann scheucht er eine der dunklen boyladies von meiner seite, nein, das sind keine kunden, das sind journalisten, und freddy eine vom wirklich beachtlichen schoß, und der ist ganz aufgeregt und sagt, mein gott, die kann mir gefährlich werden, und ich sage ihm, junge, das ist ein junge, und ob er eigentlich sicher sei, dass er hetero sei. the story of my life. er absolument, und ich weiß nicht, ob er auf dem rückweg ins hotel ein wenig stiller geworden ist, als er mir die hand gibt. wir haben ja jetzt zwei genau konträre aussagen, denke ich. Jerome meint, die saudis wollten in europa ganz normale bürger sein, das sei ihr traum und dass sich da seit einer generation unheimlich was getan hätte, und ich denke an al quaeda und dass er wahrscheinlich recht hat damit, dass die einfach nur wirklich weit gereist sind und weltgewandt, und in mir wahrscheinlich den dekadentesten sproß des vernichtungswürdigen westens und glaube die ganze zeit auf dem weg zum hotel, gleich fliegt mein kopf auf die straße, mit dem krummschwert entfernt, aus fahrendem sel, und rollt in den rinnstein mit dem ausdruck leichten entzückens, weil ich noch glaube, es sei freddy, der es sich anders überlegt hat, und morgen kommt in aller frühe ein sauberer schweizer straßenfeger und bringt mich auf den journalisten-friedhof gleich hinter calvin. wenn du hier eine dummheit machst, sagt jerome, weiß es morgen doch die ganze stadt, der könig ist hier nur wegen der guten ärzte, und wenn der könig stirbt, dann ciao, genève.
fünf uhr, die sonne dämmert über dem lac leman und ich kann fast das barschelzimmer sehen im beau rivage gegenüber. muß immerzu an freddy denken, und auch ein wenig an roman, weil sich die beiden so ähnlich sind und sehen, dann an kim, der doch tatsächlich die güte gehabt hat zu mir zu sagen, er sei langsam sauer, dass ich immer soviel rumreise und wir uns überhaupt nicht mehr sähen. ein geige im fernsehen spielt irgendwas von vivaldi, schaff ich auch noch, hoffe ich. nehme ein bad, lasse die balkontür offen, der bewaffnete mann unten wird wohl den eindringling schon erschiessen, solte denn jemand wirklich mich armes kleines engelchen abknallen wollen, alles nur wegen der knie eines welken königs. was ist das faszinosum an einem weitestenteils abgrundhäßlichen volk, das schon in der history of the house of saud von robert lacey sehr ironisch beschrieben wird? fange den neuen fay weldon roman an, die fahnen werden naß, fängt gut an, lenkt mich aber momentan zu sehr ab. breche jetzt also mit meiner privatheit ab und entdecke plötzlich, dass die decke tatsächlich himmelblau mit dem kronleuchter kooperiert. unendlich dämliche mail meiner tante, die sich an meinem verhalten stört, ich schreibe dito, meine aber eigentlich tito, und frage mich, wie es einer einzigen frau gelingen kann, nur über email so unendlich unsympathisch zu sein, dass ich wahrscheinlich nicht mal zu ihrer grablegung kommen werde. muß unbedingt die gruft erweitern lassen. es dämmert draußen unbeeindruckbar weiter. habe endlich aufgehört, mich zu hassen. in dieser woche fast mit drei männern geschlafen. schon wieder terroranschlag in israel, das langweilt. manuskript JETZT schon ein fünftel der erstlings, muß mich ranhalten, dann bin ich in drei wochen fertig. womit? womit? cnn an, warum eigentlich auch. versuche, noch ne mütze schlaf zu bekommen. hände tun weh vom tippen.
noch immer schmilzen mir die auge vom palast des königs fahd, der hellerleuchtet und mit mindestens sechzig limousinen vollgestopfter einfahrt hellerleuchtet vor uns mitten im dunkeln, nachdem gilles dupont und champagner in seinem restaurant, einem der besten der welt, zweifellos, und er uns eben zurückweist mit unseren verdächtigungen, die seien alle ganz normal, die araber. wie sehr, she ich in der rue du rhone, als eine arme prinzessin die dreißig meter von juwelier zu juwelier im mercedes zurücklegen muß und vor dem fenster wirklich eine art negersklavin warten muß auf prinzesschens rückkehr. Kim auch total müde, ruft aber an, wie schön und fragt, ob er stört. nein sage ich, nichts im vergleich zu den sekunden, als freddy die prinzessin im inneren des ladens ablichten wollte, durchs panzerglas, bei piaget, und ich aus lauter panik erst olli in hamburg anrufe und freddy mich an der hüfte in schußposition führt, am geschmeide vorbei, und ich glaube, wir werden gleich von den ghurkas geschlachtet, die königliche hoheit so mit sich führen. drinnen ein baguette-diamant von 42,92 karat, groß wie ein lutschbonbon, kolliers, birnengroß, aber sie kauft uhren, uhren, und sofort wird ihr aufgetan und die bodyguards trennen sie von der straße. ihr mercedes s 500, DN-XX-5534 fährt mindestens zehn mal die rue hinab, immer bereit, immer auf dem sprung. doch der reihe nach:
gehe am frühen morgen, der portier nimmt meinen aufzeichnungen entgegen und sendet sie nach köln, mit dem ansinnen, meinem lektor noch ein stück vorzustellen, ins norga hilton, es ist recht früh, und draußen steht noch immer der mann mit der maschinenpistole. dann zurück, freddy holt mich ab und wir auf dem weg zu jean, dem agenturchef. der weist auf gerüchte, seine majestät wolle dieser tage aufbrechen, eine abreise des trosses könne in wenigen stunden erfolgen. oben im atelier wildes umhertelefonieren und entrag der königlichen residenz im park, telefonat mit dem stern bildpersonal, dass alles in ordnung, und mit den leuten von cartier in paris, mir eine goldene uhr an die rezepition zu liefern, einfach, um nicht so aufzufallen, erinnere mich plötzlich meiner roségoldenen rolex, bin beruhigt. dann los mit freddy. erst zu trocadero, einem kindermodeladen des gehobenen geschmacks, das t-shirt zu 90 franken runtergesetzt, ein badefrosch doch auch noch immer 30 franken, von den kleinen taftkleidchen zu schweigen, die besitzerin, eine art madame sousatzka, will nicht genannt sein, weil es doch in genf verschiedene taschen der gesellschaft gibt, die dem ostentativen orient einiges an calvinismus entgegenhalten, man wolle seinen recihtum nicht so zeigen. zwei einwände, ungeäußert: worin besteht die zurückhaltung, wenn ich an einem vormittag mehr goldene uhren und perlenketten guter qualität an den genfer damen und ihrem europäischen besuch erkenne, als ich zählen kann, und ist es nicht vielmehr so, dass die von wohlstand durch fleiß besessenen genfer einfach tief in ihrem weltbild erschüttert sind, wenn ein volk sich einfach nur durch geografischen umstand, das durchsetzungsvermögen ibn sauds als jungen mannes und des unvermögens der kolonialistischen widersacher seiner natürlichen ressourcen selbst erfreut, im absoluten übermaß? das haus saud verbraucht jährlich nur ein prozent des bruttosozialproduktes. überdies, so madame, habe sich vieles gebessert: vor 25 jahren sei eine prinzessin noch in den laden gekommen und habe einfach alles auf den boden geworfen, was sie haben wolle, wie im bazaar. nun käme ein prinz nun schon zum zweiten mal, und sie würde den höfliche, wohlerzogenen mann mit dem etonabschluß und dem harvarddiplom sanft darauf hinweisen, dass er dieses kleid seiner tochter gestern schon dreimal gekauft habe. die tax deduction, so er, entfiele, man reise ja mit privatjet. sowas sei die rettung der genfer geschäftswelt, jetzt, die russen ausblieben wegen der rührigen schweizer justiz, dem BBBB skandal, dem wegbleiben der südamerikaner nach der argentinienkrise udn der lage im allgemeinen. genf sei viel zu klein, um eine vergleichbare anzahl von luxusboutiquen füllen zu können, 400000 einwohner, ich bitte sie, monsieur. man dankt und nun weiter zur rue du rhône, zu davidoff, weil freddys vater dort chef war. schneller einkauf von gigantischer humidorfüllung unterschiedlichster qualitäten unter kundiger beratung durch den neuen chef, ankauf einer zigarrettenspitze, weil schnell klar ist, dass mindestens dreißig prozent skonto gewährt werden. nein monsieur, die araber rauchen nicht, man müsse jedoch zu les ambassadeur in die ausstellung von graff, wo besagter 40 karäter, gelb, in schwerster bewachung. bettina trifft ein, noch immer schön wie der morgen, lunch, besprechung, gutes entrecôte. dann in delikatesspassage, wo ein libanese bereitwillig den hersteller des könglichen brotes nennt, aber gerne, das schreiben sie jetzt aber nicht, seinen kopf behalten will. die beiden hellen, freddy und betty, hätten bei den garden keine chance, mich würde man wohl für einen levantiner halten, und würde durchgelassen. danke, teint. bei armani, rue du hône, schon beim reikommen arabische musik im lautsprechersystem, dann plötzlich die sklavin auf der straße, dunkel und geduldig, und die prinzessin, schmal und von gefährlicher eleganz. da man sie nur hinter panzerglas sieht leichter eindruck von seltenem zierfisch, der nicht ohne leibwächter und nur hinter glas existieren kann. ein armes, reiches mädchen, eigentlich. fühle mich wie der prinz im märchen, der gegen die bösen garden anreiten muß, um ihr antlitz der welt zuzuführen, vielleicht wird ja ihr leben verändert. freddy entwickelt dank leiser konica hexar eine handgelenkstechnik, die er manchmal durch husten übertönt, genial. betty und ich mutieren zum unendlich ennuyierten milliardärsehepaar mit begabtem zwei-meter-cousin, immer dann wild telefonierend, sobald die prinzessin an die luftschleusen tritt. noch nie so unverfänglich auf den bus gewartet, reiseführer gelesen oder zeitschriften entfaltet. werde übermütig und erkundige mich nach einem schachbtrett aus weißen und schwarzen diamanten, im auftrag eines kunden, werde für eine britischen erzieher gehalten und mit dem kaufpreis von 450000 dollar gelockt. die dollar hat er nach einem blick auf die rolex kurz mal aus dem franken gemacht, ich danke irritiert und wende mich ab, während sich der distinguierte juwelier hinter mir hörbar in den hintern beißt.
nach der gefährlichsten aktion erstmal freddy aspirin gekauft, vorher hat er kurz geglaubt, betty wolle von ihm eine konica-kamikaze-aktion und er solle piaget stürmen. während er unter unseren gogogo-rufen stoisch sein eis weiterisst, kläre ich das mißverständnis auf, dass durch bettys und sein englisch entsteht, finde mich dann aber zum dank selbst gewissermaßen in pearl harbour. danach völlig durchgeschwitzt, 17 uhr, rückzug ins hotel, bad, neuer anzug, neues hemd, blume ins knopfloch, 17.30 uhr treffpunkt rhônebrücken. klingt ein wenig nach preußischem generalstab, n´est-ce pas?
anschließend flanade über beau rivage, lobby, bar, restaurant, zum noga hilton, lobby, bar, restaurant, ins president wilson, wo ich schon gewohnt für die juwelenauktionen, eigentlich das beste haus am platze, grüner marmor am boden und oben die königliche suite, in die seine majestät manchmal verbracht wird, wenn der kavalkaden-konvoi 30 fährt, weil der könig schläft. betty in ihr hotel, frischmachen, ich und freddy an die terrasse am seekai, die jeunesse dorée de genève an den lippen, guter weißwein, man lagert im gras und verabredet sich für samstag zum letzten aufgebot durch die bars, wünscht bonne chasse, betty mit, nicht, ohne mir noch sehr gute karrieretips zu geben. dann zurück ins wilson und die tour retour, um von freddy ins lion d´or chauffiert zu werden, jenseits des sees, in cologny, dem besten restaurant des landes, inmitten atemberaubender villen vor nicht minder atemberaubendem seeblick, etwa so wie thomas augen, und es sich der maître, gilles dupont, nicht nehmen läßt, un coup de champagne zu kredenzen. er kocht für den könig, würde sich aber eher flambieren lassen, als es uns einzugestehen. nein, die araber seine völlig normal, äßen gerne lamm, gut durchgebraten, früher, ja da seien sie anders gewesen, sie konnten nicht lesen und schreiben und hätten mit dem finger geschnippt, weil es bei ihnen so üblich, aber das sei auch ihnen selbst so peinlich gewesen, dass sie sich sofort gebessert hätten. gerade erst hätte er sie beim jazz in montreux gesehn, wirklich ganz normale leute, sorry to have to say that, mit ausgezeichneten manieren, wirklich ausgezeichnet, man bedaure, ob wir denn schon bei den juwelieren…? oui, monsieur, merci, monsieur. blick auf die karte: filet mignon de veau élevage naturel parés de pudre d´amandes et pistaches jus au vinaigre de vin vieux et porto, jardinet et légumes à la sariette, 64 Fr. akzeptabel. auf der fahrt zum palast frage an freddy wie er seine kindheit bei mentaler stabilität verbracht haben kann, hier in genf.
dann, nach langsamer irrfahrt in der dämemrung, weg um weg hinab an hecken entlang, ein zaun, der kein tor, eine mauer, die keine einfriedung mehr findet, ein anwesen, groß, wie ein fürstentum. irgendwo weit hinten lichtschimmern durch das dichte grün. und eine biegung später, schwer, schwer einzusehen, liegt er da, der palast: hunderte meter lang, ein meer von dienstbaren geistern stehen in der nacht, mindestens sechzig wagen, ich erwähnte es, und ein wenig trauer liegt über ihm, weil nun ganz klar ist, dass unendlicher, grandioser krösushafter reichtum den tod nicht besiegen kann, dass der könig von saudi arabien in all seiner pracht letztlich seiner zerbrechlichsten prinzessin gleicht: einem flüchtigen traum unter glas.
hat nicht george bush beim berlinbesuch von der glasglocke gesprochen? haben sich ganze gesellschaftsschichten dahinter zurückgezogen? arme, arme prinzessin, die du nicht an den see darfst, wo die anderen kinder, die gerne deine freunde wären, spielen, die jeunesse dorée genfs, wo dir sicherlich ein mann gefallen würde, wo du einen bankierssohn lieben würdest in seinem gestärkt lässigen hemd, dem schönen gesicht und dem federnd-sportlichen brustkorb, und der dich lieben würde so sehr, dass er dir eine weiße villa schenkte nicht weit vom lion d´or wie aus tausendundeiner nacht. du darfst ihn, du darfst sie nicht haben. weil dein vater, dein großvater, dein urgroßvater, wir wissen es nicht, der könig ist und beherrscher der gläubigen, ibn saud, herrscher über riad, gepriesen sei sein name.
zu bett. Kim rief an. müde, unendlich müde. glücklich, so frei zu sein.
Der bodyguard :
Ich arbeite seit drei monaten für den könig oder für den kronprinzen, also den bruder des königs, meine ausbildung habe ich vor jahren gemancht, manchmal bin ich auch für politiker zuständig. Das einzige, was ich mit ihnen spreche ist, Ist ihnen kalt oder ist ihnen warm. Mehr nicht. Wir werden vom saudischen staat bezahlt, sind eine privatfirma. Es leben etwa 20 personen im palast, keine frauen, keine kinder, die kinder komen nur zu besuch. Am abend macht der kranke könig vor dem zubettgehen gerne eine ausfahrt durch den park, der aussieht wie versailles, es gibt dort wasserspiele, in seiner limousine, er wird dann von einem enkel, einem sohn oder einem besucher begleitet. Dann geht er zu bett. Wenn ich nachtschicht habe, steht mir ein apartment zur verfügung, zu essen gibt es für uns immer reis, und natürlich die reste der bankette, meistens mouton, huhn und andres fleisch, zubereitet von seinen leibköchen. die patisserien werden geliefert. Eine schicht dauert höchstenfalls 12 stunden, weil wir ja in form sein müssen. Wir sind pro palast, es gibt zwei, je 14 wächter. Wir sind aber nur in den küchen zugelassen. Ich habe noch nie eines der zimmer betreten – die sind off limits. In der tiefgarage des palastes stehen etwa 20 ferraris und nochmal soviele lamborghini diabolo, die nie berührt werden. Nur zweimal im jahr werden sie zur inspektion gefahren. ein hobby des königs. Ich spreche nur französisch, der könig englisch und saudi-arabisch. Wir erfahren, ob eine person erwünscht ist von einem saudischen colonel, den wir anrufen müssen, ansonsten achten wir darauf, dass es keine bittsteller, aggressoren oder angreifer in seiner nähe gibt. Natürlich müssen wir die schweizer gesetze achten und haben keine lizenz zu töten. Ich verdiene zwischen 1000 und 2000 franken am tag, das hängt von der länge des dienstes, den betreuten personen, ihrer anzahl und dem risiko ab. Wir sind mit pistolen und gas-pistolen ausgestattet. Normalerweise kommen auf einen prinzen etwa 14 personen begleitung. Vier sind immer bei ihm, immer. Es gibt zwei gepanzerte fahrzeuge, mit denen die höchststehenden personen unterwegs sind, die familie bewegt sich andauernd um den see. Es gibt keine tiere im palast. Wann es losgeht, erfahren wir erst im letzten moment, und dann legen wir die route fest. Sie treffen sich mit politikern, gehen shopping, am liebsten zu cartier, viel zu rolex und armani. Nach jedem auftrag bekommen wir geschenke, geld oder uhren, das gilt als normal. manchmal warten wir den ganzen tag und nichts passiert, dann ist der job langweilig, sonst sind die araber sehr angenehm im umgang. Da sie sehr religiös sind, werden die prinzen zum freitagsgebet nach genf in die moschee gefahren.
Moschee du grand saconnex, 13 Uhr: etwa 3200 gläubige freitags, fünf prinzen, der minister für agrikultur, der ehemalige informationsminister, eine unendliche autokolonne auf dem linksabbieger. Die moschee ist aus weissem marmor, ein springbrunnen steht davor, alles ist voller schuhe. Ein kleines mädchen, etwa fünf jahre alt, isst chips, während ihr vater betet, er lässt keine hand von ihr, sie trägt ein weisses kleid mit rotem apfelmuster. Vorne betet der imam von genf, der vor allem für seine traumdeutung berühmt ist. Gerade spricht er von der verantwortung, die den medien zukommt, alle blicke richten sich auf mich, weil natürlich jeder weiss, dass der stern eingeladen ist. Nein, eigentlich nur, dass ich da bin. Während des gottesdienstes rufen viele leibwächter den chef der moschee an, um sich zu vergewissern, dass alles in ordnung ist. Man kann davon ausgehen, dass die saudische familie von unserem hiersein unterrichtet ist, später wird sich der saudische general-konsul vorstellen, auf der strasse, und auch der landwirtschaftsminister. Nun aber gehen sie erst mal alle zu boden, jeder murmelt seine koransuren. Ab und zu herrscht totale stille. Dann sind die prinzen, die minister und die bettler, so sagt es M. Woirdiry, der chef der moschee, vor Allah alle gleich. Der Imam spricht von der toleranz, dass es notwendig ist für Gläubige und ungläubige, in frieden nebeneinander zu leben (war ich nicht im hotel de la paix?) , und dass es an allen menschen ist, gutes zu tun. Nach dem gottesdienst werden vor der moschee mahlzeiten verteilt, für alle, gespendet vom saudischen thronfolger, für alle, reich und arm, und ein junge reicht kalte, frische datteln auf der strasse, und jeder der will, greift zu. Einen moment lang blockiert die limousine des ministers die ganze strasse, man muss sich noch verabschieden, und jemand ruft, mein gott, er blockiert doch alles, da wollen genfer durch, die kommen nicht weiter. Eine gruppe junge männer lacht, haben sie das gehört, sowas würde in england nicht passieren, die armen schweizer.
die polizei kommt jedesmal und ticketiert die parkenden autos, warum machen die das, fragt der chef der moschee, monsieur woirdiry, wir sind hier, um ihnen was zu geben, und alles was wir wollen ist ein lächeln, warum kassieren die genfer uns hier so ab. 57 nationalitäten sind hier versammelt. Sind die neidisch, weil wir so cool sind? Er lädt uns zu getränken ein und später zum essen, von den spenden des prinzen, die mahlzeiten wurden bei dem besten türken der stadt bestellt. Er sagt, er gehe in dem palast aus und ein. Der könig sei ganz normal, und nur die europäer fänden etwas besonderes an ihm. Warum die frauen denn so verschleiert sein müssen, frage ich ihn. Und er sagt, dass manche schönheit zum schutz vor der schwachheit mancher menschen geschützt werden muss. Er bewundert meinen ring, einen hellblauen aquamarin, kirschkerngross, und sagt, er sei ausdruck meiner seele – deswegen lieben araber juwelen: es geht uns doch hier nicht ums ostentative, es geht darum, andere teilhaben zu lassen am glück, das man selbst hatte. Er selbst trägt eine weissgoldene rolex. Und einen diamanten am finger.
Es gibt einen kleinen laden mit ferngesteuerten autos und miniatureisenbahnen am ende der rhônebrücke, den die araber komplett leergekauft haben. Lingerie steht hoch im kurs bei den damen.
Beschluss, erst die spätmaschine zu nehmen, einfach, weil es netter, eleganter und wärmer, ausserdem mail, dass ranga ausfällt. Badehose umsonst angezogen, offenbar, wird aber vielleicht noch im genfer see zum einsatz kommen. Versuche vanessa zu erreichen, die schöne genferin, ereicht, und sie sagt, wenn etwas passiert, wird sie es mich wissen lassen. Jo erzählt, er hätte so etwas wie mein neues diktiergerät noch nie in händen gehabt, habe wohl schnäppchen.
Robert nortik, filmemacher, fährt eine saudische familie, gegenwärtig in paris, eine flotte von 15 mercedes und mehreren prinzen. Ich habe sie kennengelernt und habe ein vertrauensverhältnis mit ihnen, subventioniere meine kunst. 2 monate im sommer jedes jahr habe ich einen fulltime job, warten, fahren, warten, das ist sehr langweilig. Es gibt in genf ein problem, weil es nicht genügend fahrer gibt mit lizenz und führerschein, sodass häufig irgendwelche brüder und verwandte aus ägypten eingeflogen werden, leute, die keinen führerschein haben, und es drückt die preise. Ich bin zum beispiel nicht zufrieden mit den 200-500 franken am tag, manchmal gibt es bessere gigs, manchmal schlechtere. die fahrer werden richtig ausgebeutet. Sie haben überhaupt kein kulturelles interesse, und ich habe mich schon lange gefragt, wie man ihnen eine freude machen kann, aber sie haben keine freude. Es interessiert sie nicht, am ende. Nichts interessiert sie. Nur rumfahren, shopping, sich den anderen zeigen. Man kann sie vielleicht einmal für etwas begeistern kurz, aber nur einmal. Sie sind auch nicht sehr educée, weil man sich für ein studium ja anstrengen müsste – warum ? warum sollten sie sich anstrengen ? ? ? sie sind einfach zu reich. Und es gibt eigentlich nur leute, die das um sie herum ausnützen. Manchmal tun sie mir richtig leid. Doch, sie haben freunde. Wie jeder star sind sie von einer equipe umgeben, und da gibt es dann freunde der familie, die alles für sie machen, sie sind immer zusammen. Wenn es jemanden anderen gibt, der besser gefällt, nehmen sie sich den. Ich nenne das frere du lait, (ammengeschwister, etwa milchbruder, das kind eines dieners wächst neben dir auf, gleichalt, sehr feudal, anm d. verf.) es gibt einen unheimlichen run auf genf, und sogar die allerreichsten saudis können manchmal nicht mithalten um nach genf zu kommen, weil einfach kein platz mehr da ist. Dabei ist es für sie eine frage der ehre, in der nähe des königs zu sein.
Bei einer normalen shopping tour trägt dieser freund dann alles, bezahlt wird cash oder credit, man sieht allerdings nie, was sie mitnehmen, immer ein mittelsmann, intermediere, un voleur de vol, (der diebs des diebes). Nichts interessiert sie wirklich.
Da gleichen die araber doch tatsächlich der mtv generation, wahrscheinlich sogar sind sie deren direkte entsprechung, und man wird sich fragen dürfen, welche konsequenzen der volle wohlstand für eine gesellschaft haben dürfte. Deren einziges ziel offensichtlich die fortführung des wohlstandes ist.

berlin revisited

Dezember 16th, 2009 | stazol

auf dem booklaunch von esther haases buch rock´n´old im department store quartier 206, sybilla pavenstedt trägt grün, kaufe rotes smythson notizbuch mit dem wort top secret auf dem roten ledereinband, die nur dort noch zu haben sind, schon queen victoria benutzte sie, ungeahnt viele blaue seiten aus banknotenpapier mit wasserzeichen, liniert. man kann das buch rollen und falten seit 1890, es ist handgebunden und der einband wird besser mit der zeit. zum cheltenham-rennen keine zeit, dann in die modelsuite, sehr schön, auguststrasse 48, hotel amano, mon favourit, in dem mein favori logiert, schöne bar. die menschen sonst auf der strasse entsetzlich gekleidet und die u2 in inakzeptabel enger sitzanordnung, empfehle taxi und das alhambra nahe der eberswalder strasse, wasserpfeife auf divan und lammkoteletts libanesisch, gutes publikum. f.c. gundlach im gropiusbau verpasst, dafür nofretete im neuen museum besucht, nochmal dank an david chipperfield. übrigens: die österreicher ziehen ins norwegerviertel, bauen schlafkojen in grosse ateliers und tragen schiebermützen (!). sie besuchen jazzkonzerte und sind selten ohne holzbrett und bohrmaschine anzutreffen. doch die hauptstadt irgendwie, scheint´s. fulminant, bzw.: donnerwetter!

dunhill and the george

November 23rd, 2009 | stazol

Na, das war doch mal wirklich ein gepflegter sonntagnachmittag, finde ich: ein paar freunde am besten tisch, ein “schön, dass du da bist” vom veranstalter, 18 teesorten, ein glühender samowar, wundervolle cigs (mein favorit, die schwarzen fine cut) – und ein anlass, mein schottisches nightwatch-sakko (der name des karos, nomen est omen) herauszuholen. viel tweed, eine bomberjacke (o tempora, o mores!), schicke kleider, nette männer, hübsche holde, gute gespräche und die auffrischung des ein oder anderen kontakts – fehlte eigentlich nur noch der britische premier, aber man kann ja nicht alles haben…

Lord Darlington Strikes A Pose, Laura Honse, Hamburg 2009

August 16th, 2009 | stazol

… in the series MEN, vernissage 15/10/2009 in atomic salon

Christian On Harald´s Bed, Laura Honse, Hamburg 2009

August 7th, 2009 | stazol

photographer: laura honse via seen.by.spiegel.de/laura-anne-theresa-honse

model: christian gerstl

hair&makeup: steve vayne

production: harald nicolas stazol

Geschützt: 10001000

April 26th, 2009 | stazol

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aus gegebenem Anlass: Shakespeares Sonnett 126

April 8th, 2009 | stazol

O thou, my lovely boy, who in thy pow’r
Dost hold time’s fickly glass, his sickle hour,
Who hast by waning grown, and therein show’st
Thy lovers withering, as they sweet self grow’st -
If nature, sovereign mistress over wrack,
As thou goest onwards still will pluck thee back,
She keeps thee to this purpose: that her skill
May time disgrace, and wretched minute kill.
Yet fear her, O thou minion of her pleasure;
She may detain, but not still keep, her treasure.
Her audit, though delayed, answered muxt be,
And her quietus is to render thee.

Mens´Perfume revisited – or why Reflection from Amouage is a must have, amongst others

März 31st, 2009 | stazol

It is with a certain necessity that I now will review some of the best mens´ perfumes on the market right now – the appearence of Reflection de Amouage, a scent so spectacularly overwhelming in the best olfactory sense, well, what can one say? A note of sweet spice, supple, but not one of these HERE-I-AM eau de toilettes, and with the price of 170 euro a bottle certainly an investment. And where does it come from? Well let us see, what the brand writes about itself, though it is not my custom to just reprint PR-texts, but I shall make an exception here, if you forgive me: “Amouage was founded 25 years ago by His Highness Sayyid Hamad bin Hamoud al bu Said on the request of His Majesty Sultan Qaboos bin Said, the ruler of the Sultanate of Oman, to reflect the wonderful traditions of his country for creating the finest perfumes and giving them as gifts to honoured guests.”

Well, isn´t that a “wow” in itself?

Surely it is a better choice than the latest designer products like the new Dolce&Gabbana – don´t get me wrong, the latter might be a nice arome, so to speak, but there are worlds between a flashy bottle (who lately made the one in the shape in a gold bar, called Millionaire? Jean-Paul Gaultier, I believe…, no it´s million and it´s from paco rabanne, sorry) and a lasting classic, and Reflection has the chance to be named among Givenchy Gentleman, Guerlain`s Habit Rouge and the famous Knize Ten, that one of my dear friends can´t leave his hands (or wrists) of, so appealing is this “gentleman´s toilet water”, on the  market, I believe, since the turn of the century – a visit at Knize´s fabulously wood-panelled boutique in Vienna is worthwile, but who indeed under the tailor-savy does not know this? Every time I take a droplet of this “Wässerchen” as we Germans say, I am reminded of one of the most wonderful times I ever had, and perhaps it is the time now to greet my dear friends Christian Bretter and Sebastian Tschugmell, who made my last visit really unique. But I will not bore you with details of my private life – let us instead find a scent that is surely on a par with the best available on the market: Surely Marc Jacobs has to be mentioned, a note so rare that you can only get it at one of Marc´s  boutiques, for a stunning price, of which I am ignorant, since I got mine as a present some time ago, a fresh though a bit harsh note, the right thing for an evening at a night club. For an afternoon tea in your Club though I shall rather advise you to wear Michael from Michael Kors, my modern favourite by far for its sweet and citrus tones, with a strong heart note of moschus, a smooth and elegant choice, I should say. Narciso Rodriguez new creation of the same name is a youthful alternative, though rather light and something to respray on your wrist in the Underground, if that´s not too tacky for a gent (I say, it isn´t). The powdery after shave from Léonard surely deserves mentioning for its near-too discreet character, not for the Sarkozy´s of our time, but for the Giscard-d´Estaings, perhaps. And then, my noble friends, there is always Bowling Green by the late Geoffrey Beene, my ultimate choice. It is so, well, green that you imagine yourself to be somewhere in the country, in spring, when the grass has been cut – just as Calvin Klein scents always remind me of my first visit in Manhattan.

But unbeaten is the ultimate bouquet: Bel Ami d´Hermès. I was lucky enough today to attain one 100ml bottle for 30 euro, since the perfume shop didn´t have another one – it was sold out. For years, obviously, but you can still get it at your nearest Hermès boutique. It is Paris in the bottle, trust me. And if you can construe happy memories with a little (or slightly bigger) flacon, well, isn`t that just note-worthy?

Geschützt: un coup de foudre or: a guy I met – in my series

März 15th, 2009 | stazol

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oscar wilde aphorismen

März 8th, 2009 | stazol

1.
Alle Kunst ist ganz und gar nutzlos.

Alle Kunst ist zugleich Oberfläche und Symbol.

Wer unter die Oberfläche dringt, tut es auf eigene Gefahr.

Wer das Symbol deutet, tut es auf eigene Gefahr.

Kunst offenbaren und den Künstler verheimlichen ist das Ziel der Kunst.

Die Kunst ist kein Spiegel, sondern ein Kristall. Sie schafft ihre eigenen Gestalten und Formen.

Die Kunst ist das einzig Ernsthafte auf der Welt. Und der Künstler ist der einzige Mensch, der nie ernsthaft ist.

Es gibt keine Stimmung oder Leidenschaft, die uns die Kunst nicht geben kann, und wer ihr Geheimnis ergründet hat, vermag im voraus zu sagen, welcher Art unsere Erfahrungen sein werden.

Ziel der Kunst ist es einfach, eine Stimmung zu erzeugen.

Die Kunst ist dann gesund, wenn sie die Schönheit unserer Zeit zum Ausdruck bringt, und sie ist krank, sobald sie ihre Themen aus früheren, romantischen Zeitaltern heraufholen muß.

Die entscheidende Entdeckung ist, daß das Lügen, das Erzählen von schönen, unwahren Dingen, das eigentliche Ziel der Kunst ist.

»Und die Kunst?«
»Ist eine Krankheit.«

In Wirklichkeit spiegelt die Kunst den Beschauer, nicht das Leben.

Wir können einem Menschen verzeihen, daß er etwas Nützliches schafft, solange er es nicht bewundert. Die einzige Entschuldigung dafür, etwas Nutzloses zu schaffen, besteht darin, daß man es über jedes Maß bewundert.

Und dennoch können die Wahrheiten der Kunst nicht gelehrt werden: sie offenbaren sich – und zwar nur denjenigen, die dem Schönen sich aufgetan haben in ihrem Studium und ihrer Verehrung aller schönen Dinge.

Ich bewahre mir Kunst als Leben.

Es gibt nichts, was Kunst nicht ausdrücken kann.

Der Zweck der Kunst ist, den göttlichsten, entlegensten der Akkorde anzuschlagen, die in unserer Seele Musik machen; und Farbe ist an sich eine mystische Gegenwart auf der Oberfläche der Dinge und der Ton eine Art Schildwache.

Das Abnorme im Leben steht in normalem Verhältnis zur Kunst. Es ist das einzige im Leben, was in normalem Verhältnis zur Kunst steht.

»Müssen wir uns also in allem an die Kunst halten?«

»In allem. Denn die Kunst verletzt uns nicht.«

Die höchste Kunst dient dem Menschen, so wie die großartigste Natur sich selbst dient.

Die Kunst ist das mathematische Resultat des emotionellen Strebens nach Schönheit. Wenn ein Kunstwerk nicht durchdacht ist, ist es nichts.

Die Wahrheit in der Kunst ist die Identität eines Dinges mit sich selbst: das Äußere, das zum Ausdruck des Innern geworden: die fleischgewordene Seele: der vergeistigte Leib.

Nur ein Temperament, das durch seine Phantasie, in einem Zustand vertiefter Einbildungskraft, neue und schöne Eindrücke zu empfangen vermag, wird imstande sein, ein Kunstwerk zu würdigen.

Das Kunstwerk soll den Zuschauer beherrschen: nicht der Zuschauer das Kunstwerk. Der Zuschauer soll empfänglich sein. Er soll die Violine sein, die der Meister spielt. Und je vollständiger er seine eigenen dummen Ansichten, seine eigenen törichten Vorurteile, seine eigenen absurden Ideen über das, was Kunst sein und was sie nicht sein sollte, unterdrückt, desto wahrscheinlicher wird er das Kunstwerk verstehen und zu würdigen wissen.

Die große Wahrheit, daß sich die Kunst zunächst weder an den Intellekt noch an das Gefühl wendet, sondern ganz allein an das künstlerische Temperament.

Jede Kunst ist amoralisch. Denn Gefühlserregung um der Gefühlserregung willen ist das Ziel der Kunst, und jede Gefühlserregung um des Handelns willen ist das Ziel des Lebens.

Das moralische Leben des Menschen gehört zum wesentlichen Gegenstand des Künstlers, die Moral der Kunst besteht jedoch in der vollkommenen Anwendung eines unvollkommenen Ausdrucksmittels.

Alle Künste sind amoralisch – außer jenen niedrigeren Formen der sinnlichen oder belehrenden Kunst, die, im Bösen oder Guten, zum Handeln anzustacheln sucht. Denn Handeln jeder Art gehört in den Bereich der Ethik. Ziel der Kunst ist es einfach, eine Stimmung zu erzeugen.

Wenn die Betrachtung eines Kunstwerks Aktivität irgendeiner Art auslöst, so ist das Werk entweder von recht zweitrangiger Qualität, oder dem Betrachter ist die Tiefe der künstlerischen Impression verschlossen geblieben. Ein Kunstwerk ist nutzlos, wie eine Blume nutzlos ist. Eine Blume blüht sich selber zur Freude. Ihre Betrachtung verschafft uns einen Augenblick der Freude. Mehr ist über unser Verhältnis zu Blumen nicht zu sagen.

Der Kunst erwächst keinerlei Schaden, wenn sie sich fernhält von den sozialen Problemen des Tages. Vielmehr gelingt es ihr auf solche Weise, noch vollständiger uns vor Augen zu führen, was wir im Innersten begehren.

Das Leben verdirbt durch seinen Realismus immer die Thematik der Kunst. Das erhabenste Vergnügen an der Literatur ist, das Nicht-Existente existent zu machen.

Die Abneigung des neunzehnten Jahrhunderts gegen den Realismus ist die Wut Calibans, der sein Gesicht im Spiegel sieht.

Die Abneigung des neunzehnten Jahrhunderts gegen die Romantik ist die Wut Calibans, der sein Gesicht nicht im Spiegel sieht.

Ein Künstler sollte schöne Dinge schaffen, aber nichts aus seinem eigenen Leben hineintun. Wir leben in einer Zeit, in der die Menschen mit der Kunst umgehen, als sei sie eine Art Autobiographie. Wir haben das abstrakte Gefühl für Schönheit verloren.

Je mehr wir die Kunst studieren, desto weniger kümmert uns die Natur.

Zweifellos hat die Natur gute Absichten, aber, wie Aristoteles einmal sagte, sie kann sie nicht ausführen. Wenn ich eine Landschaft betrachte, sehe ich auch gleich alle ihre Mängel. Zu unserem Glück jedoch ist die Natur so unvollkommen, sonst wäre nie die Kunst entstanden. Die Kunst ist unser geistvoller Protest, unser kühner Versuch, der Natur ihren eigentlichen Platz zuzuweisen.

Der allgemeine Ruf unserer Zeit lautet: »Laßt uns zum Leben und zur Natur zurückkehren, sie werden uns die Kunst neu erschaffen und ihren Pulsschlag wiederbeleben, sie werden ihren Schritt beflügeln und ihrer Hand Kraft verleihen.« Aber leider! unsere freundlichen und wohlmeinenden Bestrebungen gehen irre. Die Natur ist immer hinter der Zeit zurück. Und das Leben – es ist das Zersetzungsmittel, das die Kunst schwächt, der Feind, der das Haus verwüstet.

Obwohl es paradox erscheinen mag – und Paradoxien sind immer gefährliche Dinge –, ist es darum nicht weniger wahr, daß das Leben die Kunst weit mehr nachahmt als die Kunst das Leben.

Ein großer Künstler erfindet eine Idealfigur, und das Leben versucht sie nachzubilden, in einer leichtverständlichen Form zu reproduzieren.

Das Leben ist der Kunst bester, der Kunst einziger Schüler.

Schopenhauer hat den Pessimismus analysiert, der das moderne Denken bestimmt, aber Hamlet hat ihn erfunden. Die Menschen sind schwermütig geworden, weil eine Theaterfigur einmal an Melancholie krankte. Der Nihilist, dieser wunderliche Märtyrer ohne Glauben, der ohne Inbrunst an den Pfahl geht und für etwas stirbt, woran er nicht glaubt, ist ein reines Produkt der Literatur. Er ist von Turgenjew erfunden und von Dostojewski vollendet worden.

Die Literatur greift immer dem Leben vor. Sie ahmt das Leben nicht nach, sondern formt es nach ihrer Absicht. Das neunzehnte Jahrhundert, wie wir es kennen, ist zum großen Teil eine Erfindung Balzacs.

Woher, wenn nicht von den Impressionisten, stammen jene wundervollen braunen Nebel, die durch unsere Straßen ziehen, die Gaslampen verschleiern und die Häuser in ungeheuerliche Schatten verwandeln? Wem verdanken wir die köstlichen Silbernebel, die über unserem Fluß brauen und die geschwungene Brücke, die schwankende Barke in die zarten Linien vergänglicher Anmut hüllen, wenn nicht ihnen und ihrem Meister? Der ungewöhnliche Umschwung, der während der letzten zehn Jahre in den klimatischen Verhältnissen Londons stattfand, ist einzig und allein einer besonderen Kunstrichtung zuzuschreiben.

Die Natur ist keineswegs die große Urmutter, die uns gebar. Sie ist unsere Schöpfung. Es ist unsere Einbildungskraft, die sie beseelt. Die Dinge sind, weil wir sie sehen, und was wir sehen und wie wir sehen, hängt von den Künsten ab, die uns beeinflußt haben. Es ist ein großer Unterschied, ob man ein Ding ansieht oder ob man es sieht. Man sieht nichts, solange man nicht seine Schönheit sieht. Dann, und erst dann, wird es lebendig. Jetzt sehen die Leute die Nebel, nicht weil es Nebel gibt, sondern weil die Dichter und Maler ihnen die geheimnisvolle Schönheit solcher Erscheinungen offenbaren. Es hat vielleicht schon seit Jahrhunderten in London Nebel gegeben. Das glaube ich sogar ganz sicher. Aber niemand hat sie gesehen, und deshalb wissen wir nichts darüber. Sie waren nicht vorhanden, bis die Kunst sie erfunden hat.

Die Kunst entfaltet sich lediglich in der ihr eigenen Bahn. Sie ist nie ein Symbol des Zeitalters, die Zeitalter sind ihre Symbole.

Ein Gegenstand in der Natur wird viel anziehender, wenn er uns an einen Gegenstand in der Kunst erinnert, ein Gegenstand in der Kunst dagegen gewinnt keine wahre Schönheit, weil er uns etwa an einen Gegenstand in der Natur erinnert. Der primäre ästhetische Eindruck von einem Kunstwerk entsteht nicht durch Vergleich oder Suche nach Ähnlichkeit.

Eine wirklich gelungene Knopflochblume ist das einzige Bindeglied zwischen Kunst und Natur.

Jede schlechte Kunst entsteht durch die Rückkehr zum Leben und zur Natur, und indem man sie zu Idealen erhebt. Das Leben und die Natur mögen der Kunst zuweilen als rohes Material dienen, doch ehe sie der Kunst von wirklichem Nutzen sein können, müssen sie in künstlerische Übereinstimmung gebracht werden. Sobald die Kunst auf ihr schöpferisches Ausdrucksmittel verzichtet, gibt sie alles auf.

Als Methode ist der Realismus ein völliger Irrtum, und die beiden Dinge, die jeder Künstler vermeiden sollte, sind Modernität der Form und Modernität des Inhalts.

Die einzigen wirklichen schönen Dinge sind die Dinge, die uns nicht betreffen.

Die Vergangenheit ist ohne Bedeutung. Die Gegenwart ist ohne Gewicht. Mit der Zukunft allein haben wir uns auseinanderzusetzen. Denn die Vergangenheit ist, was der Mensch nicht hätte sein dürfen. Die Gegenwart ist, was der Mensch nicht sein sollte. Die Zukunft ist, was die Künstler sind.

Der Künstler ist der Schöpfer schöner Dinge.

Kein Künstler wünscht etwas zu beweisen. Selbst Wahres kann bewiesen werden.

Kein Künstler hat ethische Neigungen. Ethische Neigung ist bei einem Künstler eine unverzeihliche Manieriertheit des Stils.

Niemals ist ein Künstler morbid. Der Künstler kann alles ausdrücken.

Gedanke und Sprache sind für den Künstler Werkzeuge einer Kunst.

Laster und Tugend sind für den Künstler Stoffe einer Kunst.

Vollkommenheit ist des Künstlers Ziel.

Die Freude, die ein Mensch bei der Schaffung eines Kunstwerks empfindet, ist eine ganz persönliche Freude, und um dieser Freude willen allein schafft er. Der Künstler sieht bei der Arbeit nur seinen Gegenstand. Nichts anderes interessiert ihn. Der Gedanke, was die Leute dazu sagen mögen, kommt ihm gar nicht. Er ist von seinem Gegenstand völlig fasziniert. Gegen andere ist er gleichgültig.

Das Leben des Künstlers ist einfach Entwicklung des Ich. Demut heißt beim Künstler, daß er jede Erfahrung offen bejaht, so wie Liebe beim Künstler einfach jener Schönheitssinn ist, der der Welt ihren Leib und ihre Seele enthüllt.

Nichts fürwahr ist dem jungen Künstler so gefährlich wie irgendeine Auffassung von idealer Schönheit; sie verführt ihn beständig zu schwächlicher Niedlichkeit oder lebloser Abstraktion. Wollen Sie jedoch das Ideal erreichen, so dürfen Sie es nicht seines lebendigen Wesens entkleiden. Sie müssen es im Leben finden und in der Kunst neu schaffen.

Kein großer Künstler sieht die Dinge, wie sie wirklich sind. Täte er es, so wäre er kein Künstler mehr.

Durch die Kunst, die Kunst allein, erreichen wir unsere Vollendung.

Ein Kunstwerk ist das unverwechselbare Ergebnis eines unverwechselbaren Temperaments. Seine Schönheit beruht auf der Tatsache, daß der Schöpfer ist, was er ist.

Die Kunst ist die intensivste Form des Individualismus, die die Welt kennt.

Ein wirklicher Künstler glaubt an sich, weil er ganz und gar er selbst ist.

Nur die Mittelmäßigkeit macht Fortschritte. Ein Künstler bewegt sich in einem Kreis von Meisterwerken, von denen das erste nicht weniger vollkommen ist als das letzte.

Die einzigen persönlich erfreulichen Künstler, die ich jemals kennenlernte, sind schlechte Künstler. Gute Künstler leben nur in dem, was sie schaffen, und sind infolgedessen völlig uninteressant an dem, was sie sind. Ein großer Dichter, ein wirklich großer Dichter, ist das unpoetischste aller Geschöpfe. Geringere Dichter dagegen sind absolut faszinierend. Je schlechter ihre Gedichte sind, um so malerischer sehen sie aus. Die bloße Tatsache, ein Buch mit zweitklassigen Sonetten veröffentlicht zu haben, macht einen Mann ganz unwiderstehlich. Er lebt die Poesie, die er nicht schreiben kann. Die anderen schreiben die Poesie, die sie nicht zu verwirklichen wagen.

Sich durch Poesie ruiniert zu haben ist eine Ehre.

Manchmal denke ich, das Leben des Künstlers sei ein langer und süßer Selbstmord, und ich bedauere es nicht.

Das Publikum ist durch und durch krankhaft, denn das Publikum findet für nichts einen Ausdruck. Der Künstler ist niemals krankhaft. Er drückt alles aus. Er steht außerhalb seines Gegenstandes und bringt durch ihn unvergleichliche und künstlerische Wirkungen hervor. Einen Künstler morbide zu nennen, weil er sich die Krankhaftigkeit zum Thema nimmt, ist so albern, wie wenn man Shakespeare wahnsinnig nennen würde, weil er den König Lear geschrieben hat.

Es sei vielleicht erwähnt, daß der sehr begrenzte Wortschatz, der dem Publikum im Bereich der Kunstschmähungen zur Verfügung steht, in den letzten Jahren um zwei neue Adjektive bereichert wurde. Das eine Wort ist »ungesund«, das andere »exotisch«. Das zweite Wort drückt nichts als die Wut des kurzlebigen Pilzes gegen die unsterbliche, zauberhafte, unvergleichlich schöne Orchidee aus. Es ist eine Achtungsbezeugung, aber eine Achtungsbezeugung ohne Bedeutung. Das Wort »ungesund« jedoch läßt eine Analyse zu. Es ist ein ziemlich aufschlußreiches Wort. Es ist wirklich so aufschlußreich, daß die Leute, die es gebrauchen, seinen Sinn nicht verstehen.

Für den Künstler gibt es nur eine passende Regierungsform, nämlich gar keine Regierung. Es ist lächerlich, über ihn und seine Kunst Autorität auszuüben.

Der einzige Maßstab für die Schönheit, den der Künstler anerkennt, ist sein eigenes Temperament.

Ein Künstler braucht für die Entfaltung seiner Kunst den Umgang mit Ideen und eine geistige Atmosphäre und Ruhe, Frieden und Einsamkeit.

Er fühlte, daß man die Geheimnisse der Kunst am besten im geheimen lernt und daß Schönheit, wie Weisheit, die einsamen Anbeter liebt.

Es scheint mir, daß die Phantasie Einsamkeit um sich verbreitet oder verbreiten sollte, sie schafft am besten in der Stille und Abgeschiedenheit.

Sicherlich liegt der Anfang aller ästhetischen Kritik darin, seine eigenen Eindrücke darzustellen.

In den besten Zeiten der Kunst gab es keine Kunstkritiker.

Für den Kritiker ist das Kunstwerk einfach eine Anregung zu einem neuen eigenen Werk, das nicht unbedingt eine augenscheinliche Ähnlichkeit mit dem kritisierten Gegenstand zeigen muß.

Wenn die Kritiker uneins sind, ist der Künstler mit sich einig.

Kritiker ist, wer seinen Eindruck von schönen Dingen in einen anderen Stil oder einen neuen Stoff zu übertragen vermag.

Die höchste wie die niedrigste Form der Kritik ist eine Art Autobiographie.

Wer in schönen Dingen häßliche Absichten entdeckt, ist verdorben, ohne reizvoll zu sein. Das ist ein Fehler.

Wer in schönen Dingen schöne Absichten entdeckt, ist kultiviert. Für ihn besteht Hoffnung.

Die Auserwählten sind die, für die schöne Dinge einzig -und allein Schönheit bedeuten.

So etwas wie moralische oder unmoralische Bücher gibt es nicht. Bücher sind gut oder schlecht geschrieben. Weiter nichts.

Wenn man ein Buch nicht immer und immer wieder zu seiner Freude lesen kann, hat es keinen Wert, es überhaupt zu lesen.

Von einem Buch vergiftet werden, so etwas gibt es nicht. Kunst hat keinen Einfluß auf das Handeln. Sie hebt das Verlangen zu handeln auf. Sie ist im höchsten Grade unfruchtbar. Die Bücher, die von der Welt unmoralisch genannt werden, sind Bücher, die der Welt ihre eigene Schande zeigen.

Romane, die glücklich enden, mag ich nicht. Sie deprimieren mich so sehr.

Früher wurden Bücher von Literaten geschrieben und vom Publikum gelesen. Heute werden sie vom Publikum geschrieben und von niemandem gelesen.

Jedermann kann einen dreibändigen Roman schreiben. Dazu bedarf es nur völliger Unkenntnis des Lebens und der Literatur.

Es ist die Literatur, die uns den Körper in seiner Behendigkeit und die Seele in ihrer Unrast zeigt.

Die Aufgabe der Literatur ist, aus dem rohen Material des wirklichen Lebens eine neue Welt zu erschaffen, die herrlicher, dauernder und wahrhaftiger sein wird als die Welt, auf die das gewöhnliche Auge blickt und durch welche die gewöhnlichen Naturen ihre Vollendung zu verwirklichen trachten.

»Die beiden höchsten und edelsten Künste?«

»Leben und Literatur. Das Leben und der vollendete Ausdruck des Lebens.«

Den Leuten zu sagen, was sie lesen wollen, ist in der Regel entweder nutzlos oder gar schädlich; denn das Verständnis für Literatur ist Sache des Temperaments, nicht der Unterweisung.

Von der Literatur verlangen wir Würde, Bezauberung, Schönheit und Phantasie. Wir wollen nicht belästigt und angeekelt sein durch die Schilderung von Begebenheiten, die sich in den untern Volksschichten abspielen.

Die alten Geschichtsschreiber hinterließen uns wundervolle Dichtungen in der Form von Tatsachen; der moderne Romanschriftsteller langweilt uns mit Tatsachen, die er als Dichtung ausgibt.

Wenn man über eine Sache nicht redet, ist sie nicht geschehen. Nur wenn wir sie in Worte kleiden, geben wir den Dingen Wirklichkeit.

Die Dichtung anzuregen ist mehr wert als eine Tatsache.

Kein Dichter singt, weil er singen muß, wenigstens tut es kein großer Dichter; ein großer Dichter singt, weil er wünscht zu singen.

Wer noch durch Dichtung auf uns wirken will, muß entweder vollkommen neue Hintergründe zeigen, oder er muß uns die Seele des Menschen in ihren innersten Regungen offenbaren.

Bücher fallen so oft in dumme und ungebildete Hände, und mir läge an einer wirklichen Kritik: dümmliches Lob und dümmlicher Tadel sind die größte Beleidigung.

Die Musik schafft uns eine Vergangenheit, von der wir nichts wußten, und erfüllt uns mit dem Gefühl von Leiden, die unseren Tränen verborgen geblieben waren. Ich kann mir einen Menschen vorstellen, der ein völlig alltägliches Leben führt und zufällig eine ganz seltsame Musik vernimmt; plötzlich wird er gewahr, daß seine Seele, ohne daß es ihm bewußt wurde, schreckliche Erfahrungen gemacht und ein schauerliches Entzücken erlebt hat, wilde abenteuerliche Lieben, große Entsagungen.

Es ist etwas Seltsames um die Übertragbarkeit des Gefühls. Wir erkranken an den gleichen Leiden wie die Dichter, und der Sänger leiht uns seinen Schmerz. Tote Lippen haben uns eine Botschaft zu künden, und Herzen, die längst zu Staub zerfallen sind, teilen uns ihre Freude mit.

Musik verursacht einem so romantische Gefühle – zumindest geht sie einem immer auf die Nerven.

Ich liebe Wagners Musik mehr als jede andere. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß die anderen Leute hören, was man sagt.

Wenn man gute Musik spielt, hören die Leute nicht zu, und spielt man schlechte Musik, dann reden sie nicht.

Musiker sind so absurd unvernünftig. Immer wollen sie einen gerade in dem Augenblick völlig stumm haben, wenn man sich danach sehnt, völlig taub zu sein.

Vom Gesichtspunkt der Form her ist das Urbild aller Kunst die des Musikers. Vom Gesichtspunkt des Gefühls aus ist die Kunstfertigkeit des Schauspielers das Urbild.

Die Bühne scheint mir der Treffpunkt von Kunst und Leben zu sein.

Das einzige Bindeglied zwischen Literatur und Theater, das wir heute in England noch haben, ist das Programmheft.

Ein Gegenstand, der vollkommen schön ist, regt den Künstler nicht an. Es fehlt ihm das Unvollkommene.

Kein Erzeugnis ist zu trivial, zu gering, als daß es durch die Kunst nicht veredelt werden könnte, denn ihr Genius kann dem Stein, dem Metall und auch dem Holze besonderen Glanz verleihen schon durch die Art und Weise, in der er diese schlichten Werkstoffe formt und gestaltet.

Das Gute empfangen wir von der Kunst nicht auf direktem Wege, sondern auf dem Umweg über die Gewöhnung an jene Anmut und Schönheit, mit der sie uns umgibt. Und noch mehr wird die Kunst bewirken, als unser Leben nur freudvoll und schön zu gestalten: sie wird Teil sein einer neuen Weltgeschichte und einer neuen Brüderlichkeit unter den Menschen.

Es gibt in der Weltgeschichte nur zwei Perioden von einiger Bedeutung. Die erste ist das Auftreten eines neuen künstlerischen Ausdrucksmittels und die zweite das Auftreten einer neuen Persönlichkeit, ebenfalls für die Kunst.

Die romantische Kunst beginnt mit ihrem Gipfel.

Es gibt wenige unter uns, die nicht mitunter vor dem Morgengrauen erwacht sind, entweder nach einer von jenen traumlosen Nächten, die uns in den Tod verliebt machen, oder nach einer von jenen Nächten des Grausens und der entstellten Lust, wenn durch die Kammern des Gehirns Phantome geistern, die schrecklicher sind als die Wirklichkeit selbst und erfüllt von jenem kräftigen Leben, das in allem Grotesken läuft und das der gotischen Kunst ihre dauernde Lebensfähigkeit gibt, da diese Kunst, so möchte man meinen, vor allem die Kunst jener ist, deren Geist getrübt ist von der Krankheit des Träumens.

In einem sehr häßlichen und empfänglichen Zeitalter borgen die Künste nicht vom Leben, sondern untereinander.

Gerade durch ihre Unvollständigkeit gelangt die Kunst zur vollendeten Schönheit und wendet sich darum nicht an die Fähigkeit des Wiedererkennens oder des Verstandes, sondern allein an den ästhetischen Sinn, für den der Verstand und das Wiedererkennen nur Grade der Wahrnehmung sind, die er jedoch beide dem reinen synthetischen Eindruck des Kunstwerkes als Ganzes unterordnet, und der die Komplexität der fremdartigsten Gefühlselemente, die ein Werk besitzen mag, gerade dazu benutzt, um dem letzten Eindruck des Kunstwerkes eine reichere Einheit hinzuzufügen.

Für die ästhetische Empfindung ist das Unbestimmte immer abstoßend. Die Griechen waren ein Volk von Künstlern, weil sie vom Gefühl der Unendlichkeit verschont blieben.

Nichts als das Konkrete kann uns befriedigen.

Meinungsverschiedenheit über ein Kunstwerk zeigt an, daß das Werk neu, kompliziert und wesentlich ist.

In der Tat benutzen die Leute die Klassiker eines Landes als Mittel, um die Entwicklung der Kunst aufzuhalten.

Sie benutzen sie als Knüppel, um den freien Ausdruck der Schönheit in neuen Formen zu verhindern. Sie fragen den Schriftsteller immer, warum er nicht schreibt wie irgendein anderer, oder den Maler, warum er nicht wie ein anderer malt, wobei sie vergessen, daß jeder von ihnen, wenn er etwas Derartiges versuchte, aufhören würde, Künstler zu sein. Eine neue Art der Schönheit ist ihnen absolut verhaßt, und sooft sie ihr begegnen, geraten sie in solche Wut und Verwirrung, daß sie stets zwei törichte Ausdrücke bereit haben – den einen, daß das Kunstwerk ganz und gar unverständlich, den anderen, daß das Kunstwerk ganz und gar amoralisch sei. Sie scheinen damit folgendes ausdrücken zu wollen. Wenn sie sagen, ein Werk sei völlig unverständlich, so meinen sie damit, der Künstler habe etwas Schönes geschaffen, das neu ist; wenn sie ein Werk als ganz und gar amoralisch bezeichnen, so meinen sie damit, der Künstler hat etwas Schönes gesagt oder geschaffen, das wahr ist. Die erste Bezeichnung gilt dem Stil; die zweite dem Stoff.

Jedes Publikum verabscheut das Neue, weil es sich davor fürchtet. Das Publikum sieht darin eine Form des Individualismus, eine Betonung von seiten des Künstlers, daß er sich seinen eigenen Stoff wählt und ihn nach seiner Vorstellung behandelt. Das Publikum hat ganz recht mit seiner Haltung.

Kunst ist Individualismus, und Individualismus ist eine aufrührerische, desintegrierende Macht. Darin liegt sein unschätzbarer Wert. Denn was der Individualismus aufzustören versucht, das ist die Eintönigkeit des Typischen, die Sklaverei des Hergebrachten, die Tyrannis der Gewohnheit, die Herabsetzung des Menschen auf das Niveau einer Maschine.

In der Kunst läßt das Publikum das Vergangene gelten, weil es nicht mehr zu ändern ist, und keinesfalls weil man es schätzt. Es verschluckt seine Klassiker im ganzen, ohne jemals auf den Geschmack zu kommen. Es läßt sie als etwas Unvermeidliches über sich ergehen, und da es sie nicht verderben kann, schwätzt es über sie.

Je abstrakter und ideeller eine Kunst ist, um so mehr offenbart sie uns den Charakter ihrer Zeit. Wenn wir ein Volk durch seine Kunst begreifen wollen, müssen wir seine Architektur und seine Musik betrachten.

Die Kunst drückt nichts als sich selbst aus. Das ist der Hauptsatz meiner neuen Ästhetik.

Kunst und Ethik:

Wenn man sie vermischt, kehrt das Chaos zurück.

Die Kunst steht außerhalb der Ethik, denn sie richtet ihr Augenmerk auf das Schöne, das Unsterbliche und ewig Wechselvolle. Zur Ethik gehören die niedrigeren und weniger intellektuellen Bereiche.

Es ist eine traurige Wahrheit, daß wir die Fähigkeit verloren haben, Dingen hübsche Namen zu geben. Namen sind alles. Ich streite nie um Handlungen. Mein Streit geht nur um Worte. Das ist der Grund, warum ich vulgären Realismus in der Literatur hasse. Der Mann, der einen Spaten Spaten nennen konnte, sollte gezwungen werden, einen zu benutzen. Das ist das einzige, wozu er taugt.

Die einzig glaubwürdigen Portraits sind Bilder, in denen sehr wenig von dem Modell und sehr viel vom Künstler enthalten ist.

Der Stil allein macht uns die Dinge glaubhaft – und nur der Stil. Die meisten unserer modernen Portraitmaler sind zur absoluten Vergessenheit verdammt. Sie malen nie, was sie sehen. Sie malen, was das Publikum sieht, und das Publikum sieht nie etwas.

Jedes Portrait, das mit Gefühl gemalt wurde, ist ein Portrait des Künstlers, nicht dessen, der ihm dafür gesessen hat. Dieser ist nur Zufall, nur die Gelegenheit. Nicht er wird durch den Maler offenbar, vielmehr ist es der Maler selbst, der sich auf der farbigen Leinwand offenbart.

Was ist die Wahrheit? In Fragen der Religion ist es einfach die Anschauungsweise, die überlebt hat. In Fragen der Wissenschaft die neueste Entdeckung. In Fragen der Kunst ist es die letzte Stimmung.

Der Weg der Paradoxe ist der Weg der Wahrheit. Um die Wahrheit zu prüfen, müssen wir sie seiltanzen sehen. Wenn die Wahrheiten Akrobaten werden, können wir sie beurteilen.

Die Wahrheit ist selten rein und niemals einfach. Unser heutiges Leben wäre sonst sehr langweilig und unsere moderne Literatur schlechterdings eine Unmöglichkeit!

So wird jenen, die die Wahrheit mehr lieben als die Schönheit, das letzte Geheimnis der Kunst immer verborgen bleiben.

Wenn man die Wahrheit sagt, kann man sicher sein, früher oder später ertappt zu werden.

Eine Wahrheit hört auf, wahr zu sein, wenn sie von mehr als einer Person geglaubt wird.

Nichts von dem, das sich tatsächlich ereignet, ist von irgendwelcher Bedeutung.

Es ist eine schreckliche Sache für einen Mann, wenn er plötzlich entdeckt, daß er sein Leben lang nichts als die Wahrheit gesagt hat.

Er würde der beste Kerl sein, wenn er nur nicht immer die Wahrheit sagen wollte.

Die Wahrheit ist etwas, wovon ich mich so bald wie möglich befreie!

Nicht so große Worte. Sie besagen so wenig.

Ich könnte es nicht anwenden. Es ist allzu wahr.

Die Engländer entwerten immer Wahrheiten zu Fakten. Wenn eine Wahrheit zum Faktum wird, verliert sie jeden intellektuellen Wert.