Archive for the ‘DAS TAGEBUCH DES LETZTEN DANDYS’ Category

Die Heidi-Klum-Kurve

März 16th, 2010 | stazol

Ein Piercing wird zum Pièce de Resistance, zum Stein des Anstosses, Heidi Klum nimmt Anstoß daran, und als das Möchtegern-Model-Mädchen sagt, sie, Heidi, selbst hätte doch auch ein Tattoo, sagt Heidi jenen Satz. Einen Satz, den man kaum glauben kann. Sie redet vom Ende ihrer Karriere, das nun erreicht sei, und eine Nation hält den Atem an. Gerade hat sich noch der Boulevard auf sie eingeschossen, immer nur zerrt die Presse am Image – Deutschland liebt seine Heidi nicht mehr. Die neueste Staffel von „Germany´s Next Topmodel“ – es könnte Heidi´s letzte sein. In Deutschland. In ihrer Wahlheimat USA ist die Karriere noch lange nicht beendet, man hört von einigen, sicher gewinnbringenden Projekten, man hat keinen Zweifel daran, Heidi wird weitermachen, und wenn sie 2015 eine Home Interior Linie aufmacht. Man muss sich um sie keine Sorgen machen. Sie hat bereits einen Plan, soviel ist sicher. Und vielleicht war´s ja auch nur ein PR-Gag, um wieder in die Schlagzeilen zu geraten. Aber Deutschland macht sich gerne Sorgen.
Wäre sie ein Container, die Deutschen würden sie lieben: Heidi Klum, Exportweltmeisterin ihres unbestrittenen Talents, sich ungestüm selbst zu vermarkten, Heidi Klum, die über Schönheit gebietende Halbgöttin, Heidi, die Mutter von vier Kindern, glücklich verheiratet und sogar auf den Oscars verehrt, in den USA der deutsche Schlager – nun, daheim gilt sie nichts, das Model, das so recht wohl nie eins war.
Eigentlich hat sie doch niemand was getan. Gut, da ist ihre Stimme, die selbst einem Thomas Gottschalk die Schweissperlen ins Gesicht treibt, und ja, da ist „Germany´s next Topmodel“, ein Fernsehtraum, der trotz Echo-Preisverleihung bei den Öffentlich-Rechtlichen den Privaten noch 19 Prozent Einschaltquote bringt – wen stört es, dass das Format ein gut erzähltes Märchen ist, vom Mädchen, das auszog, das Modeln zu lernen. Und von dem dabei Dinge verlangt werden, die auf keinem Laufsteg der Welt üblich sind, doch woher soll Heidi das wissen, auf den Wichtigen war sie nie, „ich kenne Sie nicht, sie war nie in meiner Schau“, ätzt Karl Lagerfeld, „Claudia kennt die auch nicht, die war nie in Paris“ – warum auch? Sounds like a personal problem, Karl! „Wer ist eigentlich Karl? Karl Who?“ war ihre Antwort. Touché! Seit wann ist es eine Sünde, nicht für Chanel gelaufen zu sein? Und trotzdem hämt die Republik.
Es ist ein Seltsames an den Deutschen, dass sie die, die sie verehren, plötzlich fallenlassen und auf sie einhauen, als würden sie sich selbst nicht verzeihen, einmal so begehrt zu haben. „Yet each man kills the thing he loves“ bemerkte Oscar Wilde einst, und genauso ist es, zumindest in Deutschland. Da ist Herr Joop – wer ist eigentlich Wolfgang Joop, in Amerika reüssierte er nie und ein Weltstar ist er auch nicht, auch wenn sein „Wunderkind“ als einziges deutsches Label in Paris zugelassen ist auf den Schauen – der unaufgefordert „ich weiss nicht, was an Heidi echt ist“ zu Protokoll gibt – aber wer hat denn je verlangt, im Blitzlichtgewitter echt zu sein?
Heidi Klum, eine Mischung aus „Yes we can!“ und „Du bist Deutschland“? Möglich ist es.
Dass sie zu ihren Fältchen steht, „die habe ich eines Morgens entdeckt, und gleich eine neue Kosmetiklinie aufgelegt“ – wer könnte das schon, aus dem Stand, und gehen Lagerfeld oder Wolle Joop – eigentlich nicht im gleichen Atemzug zu nennen – so offen mit ihrem Alter um?
Sie hat vier Kinder, sie hat eine, so scheint es, glückliche Ehe, sie kriegt noch ne eigene Karriere hin – was sagt eigentlich Frau von der Leyen zu so einer selbstbewussten jungen Frau, die ihr Leben und ihre Laufbahn so gut im Griff hat und auch noch ein tolles, schönes Familienleben hinkriegt? Wer einmal gesehen hat, wie Heidi ihre drei Monate alte Lou im Arm trägt und ihr Gesicht vor den Paparazzi schützt, der kann an dieser Harmonie nicht ernsthaft zweifeln. Klar, hier, in den USA, da wird Karriere gemacht wie selten, da wartet eine Lizenz für Umstandskleidung, da wartet Victoria´s Secret, denen es egal ist, ob Heidi ein paar Pfunde mehr drauf hat, da wartet dieser diamantbesetzte BH für mehrere Millionen einer Währung Ihrer Wahl.
Sind die Deutschen nicht fähig zur Abstraktion? Ist da etwa kollektive Verbitterung? Weltschmerz gar? Was bitte macht denn ein Mädchen, die entdeckt wird und dem plötzlich alle Türen offen stehen, einfach, weil sie schön ist? Welche andere Frauenrolle kann denn ähnlich schnell besetzt werden? Heidi als Bundeskanzlerin? In den USA liebt man solche Geschichten, es ist ein Abklatsch der Gesellschaftsblätter, Erfolg macht sexy, jeder New Yorker Taxifahrer freut sich mit dem Fahrgast, wenn der ein gutes Geschäft abgeschlossen hat, Neid kennt die US-amerikanische Gesellschaft so nicht.
Und sie selbst? Sie scheint das alles eher gelassen zu sehen, und sie weiss, dass ihr Volk jede Sekretärin ausspäht, ob die etwa schon wieder neue Schuhe hat. Wenn, dann ist es ein stilles Leid, dass Heidi hat oder eins, über das sie längst hinweg ist. Die Kleingeister, die Kleinbürger, die Kleinmütigen, die ja so gern auch mal ein Star wären und ihr jeden Atemzug neiden. Und GNTM ist da das Ventil, für die Mädchen, die etwas gerade gewachsen sind und glauben, die nächste Auermann zu sein.
Dass Heidi Klums Atemzüge einem den Atem stocken lassen, wenn sie auf dem roten Teppich wieder einmal einherschwebt, dass sie bislang in der Wahl ihrer Garderobe guten Geschmack gezeigt hat – man denke nur an die Oscarnacht, ihr Kleid aus schwarzem Seidenmoirée und die Rivière aus Diamanten? In echt war es nur aufgestickter Strass – aber wir sprechen von einer Mutter und Ehefrau im Stress. Wir sprechen von einer vierfachen Mutter.
Dass sie mit einem rotlogo-verzierten Blatt nicht spricht, nicht sprechen will, weil sie sich auf dieses Niveau nicht herablassen will, wer wollte ihr das verdenken? Wo steht denn geschrieben, dass man sich erst hochschreiben lassen muss, um bald darauf wieder niedergeschrieben zu werden? Verehren, Fallenlassen, Draufhaun. Made in Germany.
Und damit das nicht passiert, gibt es ihren Vater Günther, der so ziemlich alles regelt und schon mal nen Hartz-IV-Empfänger verklagt, der Heidis Lippen (!) abfotografiert hat (!!), um eine Collage zum persönlichen Gebrauch zu machen (!!!). Der Zweck Heidi Klum heiligt die Mittel, die Gesichter der Kinder müssen in deutschen Blättern immer gepixelt werden – in den USA gilt dieses Reglement natürlich nicht. Sie hat es auf das Titelblatt des Wirtschaftsmagazins Forbes gebracht, ihre Einnahmen wurden 2006 schon auf 7,5 Millionen pro Jahr geschätzt, in einer Währung Ihrer Wahl.
Natürlich macht sich so eine Frau Feinde, ihren Ex-Kollegen, Amin Peymann etwa, den sie offenbar kalt abserviert hat: „Als ihr Modelagent machte ich sie in Deutschland bekannt und verschaffte ihr 1999 den ersten Auftritt bei ‘Wetten, dass…?’”, erzählte Amin der “BamS”. “Da war Heidi zwar in den USA ein Star, aber in Deutschland nicht interessant. Diese gemeinsame Zeit mit einem Satz in einer E-Mail zu beenden, ist nicht sehr freundschaftlich.” Im Chat schreibt er etwas verbitterter „Ich amüsiere mich köstlich :) “ – Hauptsache in den Medien, Hauptsache noch beim Gefeuertwerden bemitleidet – und Heidis Ruhm auch noch mitbenutzt. Wer sagt, dass man solche Leute nicht als Feinde will?
Im Jahr 2002 bringt der Inselstaat Grenada eine Heidi-Klum-Briefmarke heraus, eine Ehre, die ihr wohl so schnell niemand nachmacht. Sie ist eine Deutsche, sie ist eine von uns. Kann man da nicht einfach mal applaudieren?
Heidi Klum vereint die so selten gewordene Air mit Anstand, und schon in ihrer Botschafterfunktion in den USA ist sie der Inbegriff einer deutschen Frau, die für ihre Leistung respektiert wird. Eine ähnliche Einstellung ist von deutschem Publikum selten zu erwarten. Wir leben in einer schnelllebigen Medienwelt, da muss Skandal und Rachsucht her. GNTP ist ja Teil einer Dramaturgie, und auch die Klum ist ein Teil von ihr – Shows in diesem Format laufen so.
„Meine Karriere ist am Ende“? Das, liebe Frau Klum, wollen wir doch nicht hoffen. Deutschland braucht sie. Und die Welt. Und es kostet Sie nur ein Lächeln.
HARALD NICOLAS STAZOL

Weil´s so schön war: der Butler von Lady Diana

Februar 5th, 2010 | stazol

Vermutlich amüsiert
Wenn Königinnen vergesslich werden rollen im Volk die Köpfe: Elisabeth Windsors Erinnerungsvermögen, so scheint es, kann Menschen ins Gefängnis bringen. Oder auch nicht. Je nachdem. Wird den Steuerzahler Anderthalb Millionen Pfund kosten. Prozesskosten. England tobt. Der Guardian, lange schon Gegner der Monarchie, schäumt: „Sollte die Königin tatsächlich einen Augenblick blendender, plötzlicher Wahrnehmung gehabt haben, im Fond der königlichen Limousine, dann keine Sekunde zu spät.” Sieben Jahre wären es gewesen, im Höchstfall, für den Butler Paul Burrell. Er ist jetzt 44, wäre mit 51 rausgekommen, aus einem der überfüllten viktorianischen Gefängisse Englands. Majestät haben ja auch wirklich viel zu tun. Da kann man leicht vergesslich werden. Vor allem, wenn es nur um einen Butler geht: „Man weiß nie, woran man bei ihnen ist”, schreibt etwa Brian Hoey, ein ehemaliger königlicher Page, „Am besten bleibt man so formell wie möglich. Ihre Freundlichkeit währt, solange du nützlich bist. Aber sie lassen dich nie vergessen, dass du nur dienst.”
Der Gärtner ist ja immer der Mörder, aber dass Dianas Butler kein Dieb war, es ist nun entschieden. Jedenfalls vor Gericht. Viel schneller, als erwartet. Der Prozess? Eine königliche Farce. Ein ganzes Land macht sich lächerlich. Es gibt Parlamentsanfragen. Na ja, den Versuch. Sie werden niedergeschlagen, sofort, weil man den Souverän nicht in Frage stellen darf. Europa, im November 2002.
Paul Burrell, will schon immer dienen. Als er acht Jahre alt ist und die Changin of the Guards zuschaut, ist er begeistert: „Ich werde hier arbeiten” sagt er seinen Eltern, eine Lastwagenfahrer für Kohlen aus Derbyshires Minen und einer Putzfrau. Zum Prozess trägt der Vater weiße Schuhe. Paul studiert Hotel-Management, bekommt Angebote vom Royal Household und von der Reederei Cunard. Den Brief von Cunard bekommt er nie zu sehen. Seine Mutter verbrennt ihn. Er arbeitet sich nach oben. „Footman Number Five” ist die unterste Charge des Palastes, der Schuhputzer. „Page of the Presence” kommt dann, „Page of the Chamber”, dann, höchste Weihe, der „Page der Hintertreppe”, der Mann, der der Königin dient.
Als Diana sich trennt, macht sie eine Liste der Dinge, die sie behalten will. Burrell ist ganz oben auf der Liste. Als sie stirbt, fürchtet man um seine geistige Gesundheit. Er fliegt zur Leiche, identifiziert sie, weiß, dass sie es ist, „an den roten Fußnägeln”. Kleidet sie für die Beerdigung. Verbrennt die blutigen Kleider in seinem Garten. Irgendwann in dieser Zeit muss er die Audienz haben. Der Königin sagen, dass er Dinge behält. Aus Sicherheitsgründen. Sie ist die Hauptzeugin. Wenn sie sich erinnert, gibt es keinen Fall. Elisabeth Windsor, Verteidigerin des Glaubens, erinnert sich nicht. Zwei Jahre lang. Nach dem letzten Job als Fundraiser für Dianas Minenprojekt ist Schluß für Burrell. Noch 3000 Pfund, dann byebye. Er schreibt ein Buch mit Tipps über´s Bananenessen mit Messer und Gabel, hat einen Blumenladen und 160 000 Pfund Steuerschulden. Nun kriegt er wohl 400 000 Pfund für seine Story. Vom Daily Mirror und vom Fernsehen. Wird nichts sagen über die Königen. Diana. Oder die Familie. Aus lauter, lauterer Loyalität.
Old Bailey, Court Nr. 1. Hier wurde Oscar Wilde verurteilt. Christine Keeler angeklagt. Es ist ein wenig wie bei Freissler: Ein veritabler Schauprozess. Denn hier geht es um mehr. Dass die Regenbogenblätter brüllen, jeden Tag an jedem Kiosk, ist gewöhnlich. Dass die Abendnachrichten erste Meldungen bringen, schon weniger. Amerikanische Zeitungen üben sich in Vorverurteilung: „Warum hat er es getan?”, fragen Kollegen von über´m Teich. „Deswegen gibt es hier eine Verhandlung” antworten entsetzt die Europäer. Hoffen, nie in die Fänge des amerikanischen Rechtssystems zu geraten. Oder des britischen.
Mit normalen Maßstäben ist Diana längst nicht mehr zu messen. Glaubt man den Schlagzeilen, steht das Volk kurz vor der Lynchjustiz. „Butler stahl Dianas Schätze” brüllen die — es war wohl alles rechter Schrott. Nur weil der Prinzessinnen-Mythos so groß ist und ihre Fans so verrückt, wird in den Augen des Staatsanwalts jede CD-Hülle zum Landesverrat.
Hier wird etwas anderes verhandelt. Es geht, wie immer in England, um die Demokratie. Um Adel gegen Volk, wenn man so will.
Deswegen wird einer der brilliantesten Verteidiger des Königreichs, aufgeboten: Lord Alex Carlile. Graue Schläfen, hoher Wuchs, scharfer Blick, drängt er sich durch die Reporter: „Entschuldigung, wie Sie sehen habe ich eine Perücke auf, ich darf das. Oder ist das bei ihnen auch ein Perücke?” Er ist ein Mann des Volkes, ehemaliger Labour-Abgeordneter aus einer Familie von Parlaments-Reformern, spät geadelt. Ein Redner vor dem Herrn. Ein Superhirn, da sind sich alle einig, hinten, auf der Zuschauerbank. Sowas braucht er, der Butler. Denn er ist keins. Das kann man wohl so sagen. Bei allem Respekt.
Und deswegen verteidigt er, der Verteidiger. Gewitterartig blitzen die Argumente, immer pfeilschnell ahnen Mylord Gefahr, rasend hetzen die Sätze. Dafür ist Carlile berühmt. Ganz zu Anfang, kurz, nachdem man die Jury auswählt, arme Untertanen, die eigentlich mit insgesamt fünf Wochen mindestens rechnen müssen. Ganz unschuldig sind, sitzen müssen, auf der Jury-Bank, links, jeden Tag. „Denken Sie Gürtel und Hosenträger”, sagt Judge Rafferty, „gehen Sie ganz sicher, dass sie die nötige Zeit haben.” Wobei, so sagen die Kollegen von der BBC, jeder Yuppie einen Skiurlaub anführen kann, der nicht zupass kommt, und er darf gehen. Königs kommen nie.
Lord Carlile schickt sie raus. Immer. Alle zwölf. Wenn er zum Beispiel sicher gehen will, dass die Nacktfotos der Prinzen, die hatte er nämlich, der Butler, als Negativfilm, nicht zu seltsamen Zwecken gehortet wurden. „Wollen mein edler und gelehrter Freund”, so nennt man den Staatsanwalt besser und verbeugt sich, „wollen er zur Kenntnis nehmen, dass dies nicht aus niederen, sexuellen Motiven gar, geschah.” Und als die Jury wieder reinkommt (erheben, verbeugen, setzen), wird sie folglich in Kenntnis gesetzt, dass Paul Burrell womöglich alles war, aber wohl kein Päderast.
Lord Carlile verteidigt einen Chancenlosen. Solange Elisabeth schweigt, auf verlorenem Posten. Einen Mann, der seine Manieren zu Geld macht. Seine Hingabe an ein verwöhntes, weitestenteils kindisches Oberschicht-Girl zum Beruf. Und seine Unterwürfigkeit vermutlich zu Liebe.
Wer hat in Schröders Deutschland denn noch Kammerdiener? Wer ahnt denn in England noch etwas vom Vertrauen der Herrschaft in die rechte Hand, die Perle? Jeder Ehemann weiß, wie frischgebrühter Kaffee sorgsam bereitet Wunder wirkt. Wer wollte es ihm, dem Butler, verdenken? „The rock, meinen Felsen”, hat Diana ihn zwar wohl nie genannt. Auch so eine Erfindung der Klatschspalten. Ihre Mutter nannte sie manchmal „My rock and star”. Aber mit der hat sie die letzten vier Monate ihres Lebens auch nicht mehr geredet.
Dass eine ganze gesellschaftliche Klasse von der Anbetung der Massen lebt wie eine Popstar-Riege und über den Tod hinaus zum Geschäft werden kann — das wird hier verhandelt. Es geht um Marktwert. Weil eine staubige CD-Hülle bei Sotheby´s Millionen wert ist, wenn Diana auch nur einen Filzstiftkringel draufgemacht hat. Der Butler, eine schwache Dienstbotenseele, wie sie jedes Vereinsheim kennt, jede Hausfrau mit Putzfrau, jedes Fünf-Sterne-Hotel, ist wahrscheinlich schlicht überfordert. Paul Burrell, gerade hat er sich in der Gerichtskantine im zweiten Stock vor der Thermoskanne mit Kaffee schon wieder verbeugt, ist wahrscheinlich der höflichste Mensch der Welt. Aber eben überfordert.
Nicht von der Versuchung. Vom Ramsch.
Das erste Corpus Delicti, mit ihm kommt der Stein ins Rollen. Eine Unsäglichkeit von einem goldenen Adler, geschenkt von einem arabischen Scheich. Taucht in einem Antik-Laden auf. Staatsgeschenk? Kitsch? Wollte sie es loswerden? Eine Frau, die beim Anblick der Flugzeugeinrichtung ihres letzten Verehrers, Dodi Al Fayeds, so berichtet ihre beste Freundin Rosa Monckton, einen Lachanfall bekam? Wegen dem ganzen Protz?
Ihre Kleider. Unendlich viele. Geschenkt von Designern, maßgefertigt von Versace, etc, etc. Allein den Überblick zu wahren. Klar, dass sie´s irgendwann verkauft hat. Unter der Hand. Und klar, dass der Butler damit betraut war. Wer auch sonst? Und wie denn bitte zurückkommen, mit so einer Unsäglichkeit, die womöglich im Second-Hand-Laden hängt wie Blei, weil ja das Namensschildchen fehlt. „Sorry, Mylady, das wollte keiner?” Einer ohnehin überlasteten Frau noch weitere Sorgen machen? Unmöglich! Also wegverstauen. Und wer will entscheiden, ob der leibliche Bruder, Earl Spencer, mehr Recht darauf hat, ein hübsches Sümmchen daraus zu schlagen, im profitablen Diana-Museum? Mehr Recht als der Butler? Der jeden Tag, in guten, wie in schlechten Zeiten, mit ihr zusammen war?
Zwei Familien streiten um England. die Spencers, die Windsors. Die einen haben endlich einen Thronerben, ganz wie bei Shakespeare: Dianas Sohn William, 21. Wie fühlt er sich, wenn die Liebesbriefe seiner Mutter verlesen werden, öffentlich? „My Darling Wombat” — geliebtes (australisches) Kuscheltier?
Wer Hitchcockfilme kennt, „Zeugin der Anklage”, der weiß, wo Marlene Dietrich stand. Wo sie zitterte. Hier wurden Todesurteile gefällt. Zuletzt 1956. Der weiß jetzt, wo Dianas Mutter sitzt. Lady Shand Kydd. Eine Dame, die weiß, was sich gehört. Ihre Ladyschaft braucht fünf Minuten am Gehstock um allein in den Zeugenstand zu kommen. Den Holzvertäfelten. Gleich neben den fünf hohen Lehnstühlen. In jenem hohen Raum, vor dem höchsten Gericht des Vereinigten Königreichs.
Der mittlere Stuhl bleibt immer leer, hier sitzt im Geiste der Lord Mayor of London, und eigentlich die Krone, in diesem Fall Elisabeth Regina, Verteidigerin des Glaubens. Aber da es im Fall Regina vs. Burrell um Familienangelegenheiten geht, Familie gegen Butler, ist sie natürlich nicht da. Die Königin. In ihrem eigenen Gericht erscheinen. Wäre ja noch schöner. Auch die Prinzen, Charles, William, Harry, müssen nicht kommen. Obwohl sie doch Opfer sind, des diebischen Butlers. Jedenfalls für die Dauer der Verhandlung. Königs, vor Gericht. Wäre ja noch schöner.
Gedroht hat Lord Carlile. Mit „einigen interessanten Vernehmungen”. Er hätte wahrscheinlich die Prinzen in den Zeugenstand geholt. Wenn man ihn gelassen hätte. Drei Tage lang geht er in den Pausen mit Burrell durch die St. Pauls Cathedral, vom Gericht links um die Ecke. Der zittert aus Loyalität. Will nicht auspacken. Mylord werden das „nie vergessen”. Burell stellt sein Wohl hinter das seine Königin. „Die Königin und Prince Charles hatten nicht unbedingt das Wohl von Burrell im Auge”, schreibt Stephen Bates im Guardian, „Es gibt wichtigere Dinge zu schützen.”
Hochkompliziert, das englische Der Staatsanwalt, der ehrenwerte William Boyce, QC, lugt unter seiner Perücke hervor und erhebt Anklage im Namen des Staates. Im Namen der Königin. Aber eben nicht im Namen der Person Elisabeth.
Das Schwert über dem Kopf von Richterin Rafferty — sie leitet strengsten Vorsitz, ganz in rot – stammt aus dem Jahr 1516, wird bei Gelegenheit tatsächlich vor ihr hergetragen. Schlug einmal Köpfe ab. Der Mann in lila Samt und schulterlanger Perücke, der manchmal von rechts kommt wie aus einer überkandidelten Wetterstation, ist der Sheriff von London. Der Mann hat das Hausrecht hier. Er wohnt oben, irgendwo unter dem riesigen Dom des Gerichtshofs, in einem chicen Apartment aus dem 18. Jahrhundert, und isst täglich mit seinen Richtern dort Mittag. Bedient, so ist zu hoffen, von weniger diebischen Butlern.
Doch dazu eben die Verhandlung. Fair, dafür sorgt Judge Rafferty. Einmal, als sie aufsteht, und die Reporter und das Publikum oben, rechts unter Decke, wie eine Schulklasse flüstern, dreht sie sich um. Bleibt wie angewurzelt stehen. Mit gerunzelter Braue, leicht vorgebeugt. Als könnte sie einfach nicht fassen, was grade passiert. Sofort kehrt Ruhe ein. Sie geht, nein, schreitet ab. Elisabeth die Erste mag so gegangen sein, an William Shakespeare vorbei.
Dianas Mutter, Frances Shand Kydd, 66, hat nächtelang Dokumente geschreddert. Im Kensington Palast. „Er hat sie dabei mit Erfrischungen unterstützt”, sagt Lord Carlile, „mit einer Flasche Wein, und einem Glas.” Ihre Ladyschaft antwortet: „Mag sein. Ich erinnere mich nicht.” Natürlich, Hoheit. Wer bemerkt denn schon einen Butler? Und wer, Majestät, mit Verlaub, erinnert sich schon an ein Gespräch mit einem Dienstboten? Und vor allem: Wann? Immer erst dann, wenn der Tower droht?
HARALD STAZOL

Es ist ein Trauerspiel…

Februar 5th, 2010 | stazol

.. wie sehr das Schweizer Bankgeheimnis erodiert wird: Aber mein Konto finden die nie!

Dem neuen Roman von John Grisham “The Associate”, wenn ich nicht irre…

Februar 4th, 2010 | stazol

…entnehme ich, dass die Amerikaner Pläne für einen Stratosphärenbomber haben, der innerhalb der Atmosphäre beschleunigt, um dann ausserhalb der Stratosphäre die Atmosphäre als Sprungkissen zu benutzen. Der Flieger ist nicht zu orten oder abzuschiessen, in dieser Höhe, unmöglich. Innerhalb von 24 Stunden kann er überall auf der Welt zuschlagen und zurückfliegen, ohne aufzutanken. Im Buch kostet die Anschaffung 800 Milliarden.

Die Handlung des Romans ist wieder – wie bei Grisham nicht anders – alas! Hèlas! – zu erwarten – in der Welt der Anwaltskanzleien angesiedelt, ein junger Mann, Kyle, wird erpresst, zum Spion zu werden. Grisham packt von der ersten Seite an und man lernt eine Menge über die Perfidie der US-amerikanischen Gesellschaft, komplett mit süchtigem Millionärssöhnchen. So gut muss einer erstmal stricken können!

auf der jagd nach saudischen prinzessinnen, aus meinem zweiten roman “die fülle meiner affairen”, to be published

Januar 13th, 2010 | stazol

genf, hotel de la paix. zimmer 101, wie gewohnt. balkon über den platz und zur fontäne, merci madmoiselle. he did what he could, evidemment. unten in der halle um neun fred. ein zwei meter junge, 26, habe ich die götter denn unbewußt doch angefleht, der mit mir erst einmal zum hotel hilton geht, wo ein teil der 500 araber untergebracht ist, der hofstaat von könig fahd. ein chardonnay, akzeptabel, er ein bier hinter dem hotel, pub, die ganze straße voller mercedes, ein gelbes ferrari cabrio, und jede fußgängerzone voller araberinnen und ihrer kinder, ab und zu neugieriger blick eines flaumbärtigen araberchens, dann in die bar, fred schüchtern, was sagst du, wenn er fragt was wir hier wollen, ich: guten abend, einen drink bitte. er offensichtlich beeindruckt. ganz schön ehrgeizig, der junge. sieht schnell ein, dass er mit einem tele hier nicht weit kommen wird, sondern eher eine minox braucht. vorne in der siebzigerjahre verspiegelten pornolobby vom allerfeinsten erst mal zwei prinzessinnen, die auf nichts bestimmtes warten, dann ein haufen prinzen, dann nichts, nur sessel in rot, die aussehen wie rote lippen oder münder. unglaublich gelangweilte dicke männer stehen herum, der champagner kostet 17 franken, sein cocktail 22, wir radebrechen zwischen meinem noch nicht ganz fließenden französisch, er auf stöckelnden englisch. süß, mein zwei meter mann. er schon vorhin, auf die frage, wie ich ihn erkenne, naja, ich bin zwei meter, und ich, oh, i like that. bei mouawad dem leibjuwelier des saudis ein fliehendes pferd aus jade auf rotgoldenem boden, groß wie ein kofferradio, auf ein hindernis aus türkis, jaspis und perlmutt zupringend, von brillantbesetzten bäumen flankiert, daneben eine schale aus bergkristall und eine aus ausgehöltem rosenquarz, groß wie ein kinderkopf, edelsteinbesetzt, und ein spiegel mit goldenem ständer, von rubin blütenranken, saphiren und smaragden besetzt, kleines mitbringsel für die prinzchen daheim, jedes ne million, schnell geschätzt, währung? was sie wollen.
dann mit fred ins rotlichtviertel, wo er ein paar schwere jungs kennt, weil die araber ganz offensichtlich rauhe mengen von dildos, dvds und girls einkaufen. ins sex center, aber keiner der chefs ist da, dafür marodieren tatsächlich einige der flaumbärte und fetten männer von vorhin unschlüssig durch die gassen, vorbei an lackkgewandeten afrikannerinnen und bleistiftdünnen marrokanerinnen (die sind billiger). fred sagt, wir sollen hinterher, ich sehe uns schon in riad ausgepeitscht, da kommen sie heraus und gehen in unseren laden. kurz danach kommt einer der chefs, eine ziemliche schwuchtel, der uns sagt, wir seien tot, wir merken es nur noch nicht. ausgeschlossen, die araber zu fotografieren, unmöglich, vier, fünf corps de garde, leibwachen wörtlich, pro prinzessin, sie riefen immer an, einmal pro woche, und er müsse den ganzen laden dicht machen. jeder, der sich den maschinen auf dem flughafen, den ersten acht des königs, den weiteren sechs eine woche später, und den drei der königinmutter nähere, würde erschossen. als ein mädchen auf der suite nicht spurte, warfen sie sechs leibgarden aus dem fenster, oder einer eine sechs stockwerke tief, das wisse er jetzt nicht so genau, und nein, er würde mir nicht sagen, was sie wollen, das seien seine kunden, und er sei diskret, excusez moi, monsieur. dann geht er, und freddy lacht ein wenig und sagt, merde, ich habe auf dem flughafen gearbeitet und stand fünf meter vom flieger entfernt und lebe ja offensichtlich noch, und ich sage, stimmt, du lebst ja noch, hahaha, und er sagt, er hat mit einem der fahrer seiner majestät geredet, einer mit dem abzeichen des königs im ausweis, und der sagt, es seien gar nicht 20 millionen franken ausgegeben worden, seitdem der könig hier wieder wohnt mit seinem kaputten knie, sondern 40. dann kommt der andere besitzer, Jerome, auch schwul, und er sagt, was denn, die araber, die seien doch alle asexuell, denen genüge die vorstellung sie könnten drei blondinen auf einmal haben, das sei so in der kultur, und woher denn, da kämen keine gruppen in dunklen limos und gäben geld aus für ein stockwerk girls, geld bezahlen für frauen würde sie voll beschämen, das sei reine phantasie bei ihnen, und überhaupt: genf sei ja eh viel zu klein, die nehmen flieger nach london, paris und new york. eric hat aber doch gesagt, die bringen uns um, wenn wir ihnen zu nahe treten, egal, ob wir nen pass haben, und die polizei gucke weg, weil die soviel geld haben. quatsch, meint Jerome, wenn ihr soviel kohle hättet, würdet ihr da in dieses kaff kommen, guckt euch doch um, und dann scheucht er eine der dunklen boyladies von meiner seite, nein, das sind keine kunden, das sind journalisten, und freddy eine vom wirklich beachtlichen schoß, und der ist ganz aufgeregt und sagt, mein gott, die kann mir gefährlich werden, und ich sage ihm, junge, das ist ein junge, und ob er eigentlich sicher sei, dass er hetero sei. the story of my life. er absolument, und ich weiß nicht, ob er auf dem rückweg ins hotel ein wenig stiller geworden ist, als er mir die hand gibt. wir haben ja jetzt zwei genau konträre aussagen, denke ich. Jerome meint, die saudis wollten in europa ganz normale bürger sein, das sei ihr traum und dass sich da seit einer generation unheimlich was getan hätte, und ich denke an al quaeda und dass er wahrscheinlich recht hat damit, dass die einfach nur wirklich weit gereist sind und weltgewandt, und in mir wahrscheinlich den dekadentesten sproß des vernichtungswürdigen westens und glaube die ganze zeit auf dem weg zum hotel, gleich fliegt mein kopf auf die straße, mit dem krummschwert entfernt, aus fahrendem sel, und rollt in den rinnstein mit dem ausdruck leichten entzückens, weil ich noch glaube, es sei freddy, der es sich anders überlegt hat, und morgen kommt in aller frühe ein sauberer schweizer straßenfeger und bringt mich auf den journalisten-friedhof gleich hinter calvin. wenn du hier eine dummheit machst, sagt jerome, weiß es morgen doch die ganze stadt, der könig ist hier nur wegen der guten ärzte, und wenn der könig stirbt, dann ciao, genève.
fünf uhr, die sonne dämmert über dem lac leman und ich kann fast das barschelzimmer sehen im beau rivage gegenüber. muß immerzu an freddy denken, und auch ein wenig an roman, weil sich die beiden so ähnlich sind und sehen, dann an kim, der doch tatsächlich die güte gehabt hat zu mir zu sagen, er sei langsam sauer, dass ich immer soviel rumreise und wir uns überhaupt nicht mehr sähen. ein geige im fernsehen spielt irgendwas von vivaldi, schaff ich auch noch, hoffe ich. nehme ein bad, lasse die balkontür offen, der bewaffnete mann unten wird wohl den eindringling schon erschiessen, solte denn jemand wirklich mich armes kleines engelchen abknallen wollen, alles nur wegen der knie eines welken königs. was ist das faszinosum an einem weitestenteils abgrundhäßlichen volk, das schon in der history of the house of saud von robert lacey sehr ironisch beschrieben wird? fange den neuen fay weldon roman an, die fahnen werden naß, fängt gut an, lenkt mich aber momentan zu sehr ab. breche jetzt also mit meiner privatheit ab und entdecke plötzlich, dass die decke tatsächlich himmelblau mit dem kronleuchter kooperiert. unendlich dämliche mail meiner tante, die sich an meinem verhalten stört, ich schreibe dito, meine aber eigentlich tito, und frage mich, wie es einer einzigen frau gelingen kann, nur über email so unendlich unsympathisch zu sein, dass ich wahrscheinlich nicht mal zu ihrer grablegung kommen werde. muß unbedingt die gruft erweitern lassen. es dämmert draußen unbeeindruckbar weiter. habe endlich aufgehört, mich zu hassen. in dieser woche fast mit drei männern geschlafen. schon wieder terroranschlag in israel, das langweilt. manuskript JETZT schon ein fünftel der erstlings, muß mich ranhalten, dann bin ich in drei wochen fertig. womit? womit? cnn an, warum eigentlich auch. versuche, noch ne mütze schlaf zu bekommen. hände tun weh vom tippen.
noch immer schmilzen mir die auge vom palast des königs fahd, der hellerleuchtet und mit mindestens sechzig limousinen vollgestopfter einfahrt hellerleuchtet vor uns mitten im dunkeln, nachdem gilles dupont und champagner in seinem restaurant, einem der besten der welt, zweifellos, und er uns eben zurückweist mit unseren verdächtigungen, die seien alle ganz normal, die araber. wie sehr, she ich in der rue du rhone, als eine arme prinzessin die dreißig meter von juwelier zu juwelier im mercedes zurücklegen muß und vor dem fenster wirklich eine art negersklavin warten muß auf prinzesschens rückkehr. Kim auch total müde, ruft aber an, wie schön und fragt, ob er stört. nein sage ich, nichts im vergleich zu den sekunden, als freddy die prinzessin im inneren des ladens ablichten wollte, durchs panzerglas, bei piaget, und ich aus lauter panik erst olli in hamburg anrufe und freddy mich an der hüfte in schußposition führt, am geschmeide vorbei, und ich glaube, wir werden gleich von den ghurkas geschlachtet, die königliche hoheit so mit sich führen. drinnen ein baguette-diamant von 42,92 karat, groß wie ein lutschbonbon, kolliers, birnengroß, aber sie kauft uhren, uhren, und sofort wird ihr aufgetan und die bodyguards trennen sie von der straße. ihr mercedes s 500, DN-XX-5534 fährt mindestens zehn mal die rue hinab, immer bereit, immer auf dem sprung. doch der reihe nach:
gehe am frühen morgen, der portier nimmt meinen aufzeichnungen entgegen und sendet sie nach köln, mit dem ansinnen, meinem lektor noch ein stück vorzustellen, ins norga hilton, es ist recht früh, und draußen steht noch immer der mann mit der maschinenpistole. dann zurück, freddy holt mich ab und wir auf dem weg zu jean, dem agenturchef. der weist auf gerüchte, seine majestät wolle dieser tage aufbrechen, eine abreise des trosses könne in wenigen stunden erfolgen. oben im atelier wildes umhertelefonieren und entrag der königlichen residenz im park, telefonat mit dem stern bildpersonal, dass alles in ordnung, und mit den leuten von cartier in paris, mir eine goldene uhr an die rezepition zu liefern, einfach, um nicht so aufzufallen, erinnere mich plötzlich meiner roségoldenen rolex, bin beruhigt. dann los mit freddy. erst zu trocadero, einem kindermodeladen des gehobenen geschmacks, das t-shirt zu 90 franken runtergesetzt, ein badefrosch doch auch noch immer 30 franken, von den kleinen taftkleidchen zu schweigen, die besitzerin, eine art madame sousatzka, will nicht genannt sein, weil es doch in genf verschiedene taschen der gesellschaft gibt, die dem ostentativen orient einiges an calvinismus entgegenhalten, man wolle seinen recihtum nicht so zeigen. zwei einwände, ungeäußert: worin besteht die zurückhaltung, wenn ich an einem vormittag mehr goldene uhren und perlenketten guter qualität an den genfer damen und ihrem europäischen besuch erkenne, als ich zählen kann, und ist es nicht vielmehr so, dass die von wohlstand durch fleiß besessenen genfer einfach tief in ihrem weltbild erschüttert sind, wenn ein volk sich einfach nur durch geografischen umstand, das durchsetzungsvermögen ibn sauds als jungen mannes und des unvermögens der kolonialistischen widersacher seiner natürlichen ressourcen selbst erfreut, im absoluten übermaß? das haus saud verbraucht jährlich nur ein prozent des bruttosozialproduktes. überdies, so madame, habe sich vieles gebessert: vor 25 jahren sei eine prinzessin noch in den laden gekommen und habe einfach alles auf den boden geworfen, was sie haben wolle, wie im bazaar. nun käme ein prinz nun schon zum zweiten mal, und sie würde den höfliche, wohlerzogenen mann mit dem etonabschluß und dem harvarddiplom sanft darauf hinweisen, dass er dieses kleid seiner tochter gestern schon dreimal gekauft habe. die tax deduction, so er, entfiele, man reise ja mit privatjet. sowas sei die rettung der genfer geschäftswelt, jetzt, die russen ausblieben wegen der rührigen schweizer justiz, dem BBBB skandal, dem wegbleiben der südamerikaner nach der argentinienkrise udn der lage im allgemeinen. genf sei viel zu klein, um eine vergleichbare anzahl von luxusboutiquen füllen zu können, 400000 einwohner, ich bitte sie, monsieur. man dankt und nun weiter zur rue du rhône, zu davidoff, weil freddys vater dort chef war. schneller einkauf von gigantischer humidorfüllung unterschiedlichster qualitäten unter kundiger beratung durch den neuen chef, ankauf einer zigarrettenspitze, weil schnell klar ist, dass mindestens dreißig prozent skonto gewährt werden. nein monsieur, die araber rauchen nicht, man müsse jedoch zu les ambassadeur in die ausstellung von graff, wo besagter 40 karäter, gelb, in schwerster bewachung. bettina trifft ein, noch immer schön wie der morgen, lunch, besprechung, gutes entrecôte. dann in delikatesspassage, wo ein libanese bereitwillig den hersteller des könglichen brotes nennt, aber gerne, das schreiben sie jetzt aber nicht, seinen kopf behalten will. die beiden hellen, freddy und betty, hätten bei den garden keine chance, mich würde man wohl für einen levantiner halten, und würde durchgelassen. danke, teint. bei armani, rue du hône, schon beim reikommen arabische musik im lautsprechersystem, dann plötzlich die sklavin auf der straße, dunkel und geduldig, und die prinzessin, schmal und von gefährlicher eleganz. da man sie nur hinter panzerglas sieht leichter eindruck von seltenem zierfisch, der nicht ohne leibwächter und nur hinter glas existieren kann. ein armes, reiches mädchen, eigentlich. fühle mich wie der prinz im märchen, der gegen die bösen garden anreiten muß, um ihr antlitz der welt zuzuführen, vielleicht wird ja ihr leben verändert. freddy entwickelt dank leiser konica hexar eine handgelenkstechnik, die er manchmal durch husten übertönt, genial. betty und ich mutieren zum unendlich ennuyierten milliardärsehepaar mit begabtem zwei-meter-cousin, immer dann wild telefonierend, sobald die prinzessin an die luftschleusen tritt. noch nie so unverfänglich auf den bus gewartet, reiseführer gelesen oder zeitschriften entfaltet. werde übermütig und erkundige mich nach einem schachbtrett aus weißen und schwarzen diamanten, im auftrag eines kunden, werde für eine britischen erzieher gehalten und mit dem kaufpreis von 450000 dollar gelockt. die dollar hat er nach einem blick auf die rolex kurz mal aus dem franken gemacht, ich danke irritiert und wende mich ab, während sich der distinguierte juwelier hinter mir hörbar in den hintern beißt.
nach der gefährlichsten aktion erstmal freddy aspirin gekauft, vorher hat er kurz geglaubt, betty wolle von ihm eine konica-kamikaze-aktion und er solle piaget stürmen. während er unter unseren gogogo-rufen stoisch sein eis weiterisst, kläre ich das mißverständnis auf, dass durch bettys und sein englisch entsteht, finde mich dann aber zum dank selbst gewissermaßen in pearl harbour. danach völlig durchgeschwitzt, 17 uhr, rückzug ins hotel, bad, neuer anzug, neues hemd, blume ins knopfloch, 17.30 uhr treffpunkt rhônebrücken. klingt ein wenig nach preußischem generalstab, n´est-ce pas?
anschließend flanade über beau rivage, lobby, bar, restaurant, zum noga hilton, lobby, bar, restaurant, ins president wilson, wo ich schon gewohnt für die juwelenauktionen, eigentlich das beste haus am platze, grüner marmor am boden und oben die königliche suite, in die seine majestät manchmal verbracht wird, wenn der kavalkaden-konvoi 30 fährt, weil der könig schläft. betty in ihr hotel, frischmachen, ich und freddy an die terrasse am seekai, die jeunesse dorée de genève an den lippen, guter weißwein, man lagert im gras und verabredet sich für samstag zum letzten aufgebot durch die bars, wünscht bonne chasse, betty mit, nicht, ohne mir noch sehr gute karrieretips zu geben. dann zurück ins wilson und die tour retour, um von freddy ins lion d´or chauffiert zu werden, jenseits des sees, in cologny, dem besten restaurant des landes, inmitten atemberaubender villen vor nicht minder atemberaubendem seeblick, etwa so wie thomas augen, und es sich der maître, gilles dupont, nicht nehmen läßt, un coup de champagne zu kredenzen. er kocht für den könig, würde sich aber eher flambieren lassen, als es uns einzugestehen. nein, die araber seine völlig normal, äßen gerne lamm, gut durchgebraten, früher, ja da seien sie anders gewesen, sie konnten nicht lesen und schreiben und hätten mit dem finger geschnippt, weil es bei ihnen so üblich, aber das sei auch ihnen selbst so peinlich gewesen, dass sie sich sofort gebessert hätten. gerade erst hätte er sie beim jazz in montreux gesehn, wirklich ganz normale leute, sorry to have to say that, mit ausgezeichneten manieren, wirklich ausgezeichnet, man bedaure, ob wir denn schon bei den juwelieren…? oui, monsieur, merci, monsieur. blick auf die karte: filet mignon de veau élevage naturel parés de pudre d´amandes et pistaches jus au vinaigre de vin vieux et porto, jardinet et légumes à la sariette, 64 Fr. akzeptabel. auf der fahrt zum palast frage an freddy wie er seine kindheit bei mentaler stabilität verbracht haben kann, hier in genf.
dann, nach langsamer irrfahrt in der dämemrung, weg um weg hinab an hecken entlang, ein zaun, der kein tor, eine mauer, die keine einfriedung mehr findet, ein anwesen, groß, wie ein fürstentum. irgendwo weit hinten lichtschimmern durch das dichte grün. und eine biegung später, schwer, schwer einzusehen, liegt er da, der palast: hunderte meter lang, ein meer von dienstbaren geistern stehen in der nacht, mindestens sechzig wagen, ich erwähnte es, und ein wenig trauer liegt über ihm, weil nun ganz klar ist, dass unendlicher, grandioser krösushafter reichtum den tod nicht besiegen kann, dass der könig von saudi arabien in all seiner pracht letztlich seiner zerbrechlichsten prinzessin gleicht: einem flüchtigen traum unter glas.
hat nicht george bush beim berlinbesuch von der glasglocke gesprochen? haben sich ganze gesellschaftsschichten dahinter zurückgezogen? arme, arme prinzessin, die du nicht an den see darfst, wo die anderen kinder, die gerne deine freunde wären, spielen, die jeunesse dorée genfs, wo dir sicherlich ein mann gefallen würde, wo du einen bankierssohn lieben würdest in seinem gestärkt lässigen hemd, dem schönen gesicht und dem federnd-sportlichen brustkorb, und der dich lieben würde so sehr, dass er dir eine weiße villa schenkte nicht weit vom lion d´or wie aus tausendundeiner nacht. du darfst ihn, du darfst sie nicht haben. weil dein vater, dein großvater, dein urgroßvater, wir wissen es nicht, der könig ist und beherrscher der gläubigen, ibn saud, herrscher über riad, gepriesen sei sein name.
zu bett. Kim rief an. müde, unendlich müde. glücklich, so frei zu sein.
Der bodyguard :
Ich arbeite seit drei monaten für den könig oder für den kronprinzen, also den bruder des königs, meine ausbildung habe ich vor jahren gemancht, manchmal bin ich auch für politiker zuständig. Das einzige, was ich mit ihnen spreche ist, Ist ihnen kalt oder ist ihnen warm. Mehr nicht. Wir werden vom saudischen staat bezahlt, sind eine privatfirma. Es leben etwa 20 personen im palast, keine frauen, keine kinder, die kinder komen nur zu besuch. Am abend macht der kranke könig vor dem zubettgehen gerne eine ausfahrt durch den park, der aussieht wie versailles, es gibt dort wasserspiele, in seiner limousine, er wird dann von einem enkel, einem sohn oder einem besucher begleitet. Dann geht er zu bett. Wenn ich nachtschicht habe, steht mir ein apartment zur verfügung, zu essen gibt es für uns immer reis, und natürlich die reste der bankette, meistens mouton, huhn und andres fleisch, zubereitet von seinen leibköchen. die patisserien werden geliefert. Eine schicht dauert höchstenfalls 12 stunden, weil wir ja in form sein müssen. Wir sind pro palast, es gibt zwei, je 14 wächter. Wir sind aber nur in den küchen zugelassen. Ich habe noch nie eines der zimmer betreten – die sind off limits. In der tiefgarage des palastes stehen etwa 20 ferraris und nochmal soviele lamborghini diabolo, die nie berührt werden. Nur zweimal im jahr werden sie zur inspektion gefahren. ein hobby des königs. Ich spreche nur französisch, der könig englisch und saudi-arabisch. Wir erfahren, ob eine person erwünscht ist von einem saudischen colonel, den wir anrufen müssen, ansonsten achten wir darauf, dass es keine bittsteller, aggressoren oder angreifer in seiner nähe gibt. Natürlich müssen wir die schweizer gesetze achten und haben keine lizenz zu töten. Ich verdiene zwischen 1000 und 2000 franken am tag, das hängt von der länge des dienstes, den betreuten personen, ihrer anzahl und dem risiko ab. Wir sind mit pistolen und gas-pistolen ausgestattet. Normalerweise kommen auf einen prinzen etwa 14 personen begleitung. Vier sind immer bei ihm, immer. Es gibt zwei gepanzerte fahrzeuge, mit denen die höchststehenden personen unterwegs sind, die familie bewegt sich andauernd um den see. Es gibt keine tiere im palast. Wann es losgeht, erfahren wir erst im letzten moment, und dann legen wir die route fest. Sie treffen sich mit politikern, gehen shopping, am liebsten zu cartier, viel zu rolex und armani. Nach jedem auftrag bekommen wir geschenke, geld oder uhren, das gilt als normal. manchmal warten wir den ganzen tag und nichts passiert, dann ist der job langweilig, sonst sind die araber sehr angenehm im umgang. Da sie sehr religiös sind, werden die prinzen zum freitagsgebet nach genf in die moschee gefahren.
Moschee du grand saconnex, 13 Uhr: etwa 3200 gläubige freitags, fünf prinzen, der minister für agrikultur, der ehemalige informationsminister, eine unendliche autokolonne auf dem linksabbieger. Die moschee ist aus weissem marmor, ein springbrunnen steht davor, alles ist voller schuhe. Ein kleines mädchen, etwa fünf jahre alt, isst chips, während ihr vater betet, er lässt keine hand von ihr, sie trägt ein weisses kleid mit rotem apfelmuster. Vorne betet der imam von genf, der vor allem für seine traumdeutung berühmt ist. Gerade spricht er von der verantwortung, die den medien zukommt, alle blicke richten sich auf mich, weil natürlich jeder weiss, dass der stern eingeladen ist. Nein, eigentlich nur, dass ich da bin. Während des gottesdienstes rufen viele leibwächter den chef der moschee an, um sich zu vergewissern, dass alles in ordnung ist. Man kann davon ausgehen, dass die saudische familie von unserem hiersein unterrichtet ist, später wird sich der saudische general-konsul vorstellen, auf der strasse, und auch der landwirtschaftsminister. Nun aber gehen sie erst mal alle zu boden, jeder murmelt seine koransuren. Ab und zu herrscht totale stille. Dann sind die prinzen, die minister und die bettler, so sagt es M. Woirdiry, der chef der moschee, vor Allah alle gleich. Der Imam spricht von der toleranz, dass es notwendig ist für Gläubige und ungläubige, in frieden nebeneinander zu leben (war ich nicht im hotel de la paix?) , und dass es an allen menschen ist, gutes zu tun. Nach dem gottesdienst werden vor der moschee mahlzeiten verteilt, für alle, gespendet vom saudischen thronfolger, für alle, reich und arm, und ein junge reicht kalte, frische datteln auf der strasse, und jeder der will, greift zu. Einen moment lang blockiert die limousine des ministers die ganze strasse, man muss sich noch verabschieden, und jemand ruft, mein gott, er blockiert doch alles, da wollen genfer durch, die kommen nicht weiter. Eine gruppe junge männer lacht, haben sie das gehört, sowas würde in england nicht passieren, die armen schweizer.
die polizei kommt jedesmal und ticketiert die parkenden autos, warum machen die das, fragt der chef der moschee, monsieur woirdiry, wir sind hier, um ihnen was zu geben, und alles was wir wollen ist ein lächeln, warum kassieren die genfer uns hier so ab. 57 nationalitäten sind hier versammelt. Sind die neidisch, weil wir so cool sind? Er lädt uns zu getränken ein und später zum essen, von den spenden des prinzen, die mahlzeiten wurden bei dem besten türken der stadt bestellt. Er sagt, er gehe in dem palast aus und ein. Der könig sei ganz normal, und nur die europäer fänden etwas besonderes an ihm. Warum die frauen denn so verschleiert sein müssen, frage ich ihn. Und er sagt, dass manche schönheit zum schutz vor der schwachheit mancher menschen geschützt werden muss. Er bewundert meinen ring, einen hellblauen aquamarin, kirschkerngross, und sagt, er sei ausdruck meiner seele – deswegen lieben araber juwelen: es geht uns doch hier nicht ums ostentative, es geht darum, andere teilhaben zu lassen am glück, das man selbst hatte. Er selbst trägt eine weissgoldene rolex. Und einen diamanten am finger.
Es gibt einen kleinen laden mit ferngesteuerten autos und miniatureisenbahnen am ende der rhônebrücke, den die araber komplett leergekauft haben. Lingerie steht hoch im kurs bei den damen.
Beschluss, erst die spätmaschine zu nehmen, einfach, weil es netter, eleganter und wärmer, ausserdem mail, dass ranga ausfällt. Badehose umsonst angezogen, offenbar, wird aber vielleicht noch im genfer see zum einsatz kommen. Versuche vanessa zu erreichen, die schöne genferin, ereicht, und sie sagt, wenn etwas passiert, wird sie es mich wissen lassen. Jo erzählt, er hätte so etwas wie mein neues diktiergerät noch nie in händen gehabt, habe wohl schnäppchen.
Robert nortik, filmemacher, fährt eine saudische familie, gegenwärtig in paris, eine flotte von 15 mercedes und mehreren prinzen. Ich habe sie kennengelernt und habe ein vertrauensverhältnis mit ihnen, subventioniere meine kunst. 2 monate im sommer jedes jahr habe ich einen fulltime job, warten, fahren, warten, das ist sehr langweilig. Es gibt in genf ein problem, weil es nicht genügend fahrer gibt mit lizenz und führerschein, sodass häufig irgendwelche brüder und verwandte aus ägypten eingeflogen werden, leute, die keinen führerschein haben, und es drückt die preise. Ich bin zum beispiel nicht zufrieden mit den 200-500 franken am tag, manchmal gibt es bessere gigs, manchmal schlechtere. die fahrer werden richtig ausgebeutet. Sie haben überhaupt kein kulturelles interesse, und ich habe mich schon lange gefragt, wie man ihnen eine freude machen kann, aber sie haben keine freude. Es interessiert sie nicht, am ende. Nichts interessiert sie. Nur rumfahren, shopping, sich den anderen zeigen. Man kann sie vielleicht einmal für etwas begeistern kurz, aber nur einmal. Sie sind auch nicht sehr educée, weil man sich für ein studium ja anstrengen müsste – warum ? warum sollten sie sich anstrengen ? ? ? sie sind einfach zu reich. Und es gibt eigentlich nur leute, die das um sie herum ausnützen. Manchmal tun sie mir richtig leid. Doch, sie haben freunde. Wie jeder star sind sie von einer equipe umgeben, und da gibt es dann freunde der familie, die alles für sie machen, sie sind immer zusammen. Wenn es jemanden anderen gibt, der besser gefällt, nehmen sie sich den. Ich nenne das frere du lait, (ammengeschwister, etwa milchbruder, das kind eines dieners wächst neben dir auf, gleichalt, sehr feudal, anm d. verf.) es gibt einen unheimlichen run auf genf, und sogar die allerreichsten saudis können manchmal nicht mithalten um nach genf zu kommen, weil einfach kein platz mehr da ist. Dabei ist es für sie eine frage der ehre, in der nähe des königs zu sein.
Bei einer normalen shopping tour trägt dieser freund dann alles, bezahlt wird cash oder credit, man sieht allerdings nie, was sie mitnehmen, immer ein mittelsmann, intermediere, un voleur de vol, (der diebs des diebes). Nichts interessiert sie wirklich.
Da gleichen die araber doch tatsächlich der mtv generation, wahrscheinlich sogar sind sie deren direkte entsprechung, und man wird sich fragen dürfen, welche konsequenzen der volle wohlstand für eine gesellschaft haben dürfte. Deren einziges ziel offensichtlich die fortführung des wohlstandes ist.

HfbK – warum eigentlich Studiengebühren? – in Kürze

Juli 18th, 2007 | webmaster

Es sind einige der Kernfragen dieses Sommers: Warum soll ein Maschinenbaustudent seine Studiengebühren in Hamburg bezahlen, ein Kunststudent aber nicht? Und ist, im gesamtgesellschaftlichen Konsens, ein Künstler, mithin ein zukünftiger, nicht auch ein schützenswertes Kulturgut? In einem ohnehin von einschneidenden Kürzungen betroffenen Bereich? Es geht um 500 Euro pro Semester, es geht um das kreative Potential einer Stadt, die eigentlich reicher nicht sein könnte (nicht zuletzt in einer Konkurrenzrolle zu Berlin), es geht um junge, hoffnungsfrohe Menschen, die ein Wagnis auf sich nehmen, das der gemeine Maschinenbauer eben nicht eingeht: Das einer unsicheren Zukunft. Einer Zukunft, auf die sich im Turbokapitalismus immer weniger Studenten einlassen wollen, nicht zuletzt der Sorgen der Eltern wegen, die mit Unsicherheiten Karrieren betreffend oft nicht umgehen können. Junge Menschen, die sich für den harten Weg der Kunst entscheiden, müssen schon im Vorwege Widerstände überwinden, die sich so allen anderen nicht stellen, sie müssen ihr Talent unter beweis stellen, um an den renommierten Kunsthochschulen, zu denen die HfbK seit ihrer Gründung durch die patriotische Gesellschaft Mitte des neunzehnten Jahrhunderts unzweifelhaft gehört, überhaupt angenommen zu werden. Sie flüchten sich, umtost vom gesellschaftlich-wirtschaftlichen Konkurrenzkampf, in die Häfen der kulturellen Bildung, um dort ihren Begabungen freien Lauf lassen zu können – und einer dieser Häfen, ein Hort des kreativen Lebens, ein Anlaufpunkt der leichten Träume, verschliesst seit 16.7.2007, dem Poststempel der nun zugeschickten Exmatrikulationen an knapp 250 der die Gebühren Boykottierenden seine Pforten.

Es ist dies der Höhepunkt einer Auseinandersetzung zwischen letztlich dem Wirtschaftssenator, dem Bildungssenator der Stadt Hamburg und den Studierenden, wobei schon bemerkt werden darf, dass sich die Politisierung Letzterer aus der Sorge um finanzielle Belange speist – aber warum soll sich nicht die Woge der Notwendigkeit am realen, Unmittelbaren brechen?

Jörg Dräger, Bildungssenator Hamburgs, der selbst einige Eliteanstalten in seiner studentischen Laufbahn besuchen durfte, rief noch vor kurzem die Talentstadt Hamburg aus. Bleibt die Frage, ob diese Talente in der Lage sein werden, ihren Beitrag zu einer lebendigen, vielleicht sogar vorbildlichen und nacheiferungswürdigen Stadt zu leisten, wenn ihnen schon in den Startlöchern finanzielle Hürden in den Weg gelegt werden. Fraglich ist auch, ob der Beruf des Künstlers nicht schon allein durch die Kosten von Material und Medium (Ölfarben, teure Kameras, Filmmaterial etc.) ohnehin schon am Anfang der Karriere mehr in der finanziellen Pflicht steht als der eingangs erwähnte Maschinenbaustudent?

Ist es nicht hanseatische Tradition, gerade den weniger Bemittelten Chancen zu ermöglichen, profitiert die Hansestadt à la longue nicht auch gerade von ihrem Ruf der Unabhängigkeit gegenüber anderen Bundesländern, ist es denn wirklich so grosser Luxus, sich eine Institution wie die HfbK zu leisten, schon allein um möglichst selbst vom projektierten Talentschub zu profitieren?

Das Hamburger Abendblatt kommentierte, es sei von der Studentenschaft unklug taktiert, den Senat bis auf Äusserste mit einem Gebührenboykott zu konfrontieren – der sei nun zur Härte gezwungen. Bleibt zu hoffen, dass einer der Kombattanten bis zum Ablauf der letzten Zahlungsfrist am 31. September einem Kompromiss zustimmt – womöglich sogar auf Anraten eines Schlichters: Der ehemalige Kulturstaatsminister und jetzige SPD-Spitzenkandidat Michael Naumann böte sich dazu fast logisch, ja, zwingend an.

HfBK Hamburg – zur Debatte der Studiengebühren, in extenso

Juli 16th, 2007 | stazol

DIE FRAGEN
Es sind einige der Kernfragen dieses Sommers: Warum soll ein Maschinenbaustudent seine Studiengebühren in Hamburg bezahlen, ein Kunststudent aber nicht? Und ist, im gesamtgesellschaftlichen Konsens, ein Künstler, mithin ein zukünftiger, nicht auch ein schützenswertes Kulturgut? In einem ohnehin von einschneidenden Kürzungen betroffenen Bereich? Es geht um 500 Euro pro Semester, es geht um das kreative Potential einer Stadt, die eigentlich reicher nicht sein könnte – nicht zuletzt in einer Konkurrenzrolle zu Berlin: Hamburg könnte ein Gegengewicht zur Hauptstadt sein – viele Kunststudenten werden mit Sicherheit auch dorthin abwandern, zumal in Berlin keine Gebühren zu zahlen sind, und unter ihnen könnten sich die Begabtesten finden, die die Berliner Aufnahmeprüfungen mit ähnlicher Leichtigkeit schaffen werden, so wie sie Voraussetzungen in Hamburg erfüllten. Der Hamburger Kunstprofessor Werner Büttner: “Die rechnen natürlich genauso wie jeder andere Jungunternehmer in Deutschland, sehen, dass die beiden anderen attraktiven vergleichbaren Kunsthochschulen in Deutschland, Berlin und Düsseldorf keine Gebühren nehmen, keinen Bachelor/Master haben, besser mit der Professorenschaft noch bestückt sind. Aufgrund dieser Kosten-Nutzen-Relation stellen sie einfach fest: Hamburg ist unattraktiv, ich bewerbe mich weg, dahin, wo mir diese Zumutungen nicht übern Weg laufen.”

WORUM GEHT ES?

Es geht um junge, hoffnungsfrohe Menschen, die ein Wagnis auf sich nehmen, das der gemeine Maschinenbauer eben nicht eingeht: Das einer unsicheren Zukunft. Einer Zukunft, auf die sich im Turbokapitalismus immer weniger Studenten einlassen wollen, nicht zuletzt der Sorgen der Eltern wegen, die mit Unsicherheiten Karrieren betreffend oft nicht umgehen können. Junge Menschen, die sich für den harten Weg der Kunst entscheiden, müssen schon im Vorwege Widerstände überwinden, die sich so allen anderen nicht stellen, sie müssen ihr Talent unter Beweis stellen, um an den renommierten Kunsthochschulen, zu denen die HfBK seit ihrer Gründung durch die patriotische Gesellschaft Mitte des neunzehnten Jahrhunderts unzweifelhaft gehört, überhaupt angenommen zu werden. Sie flüchten sich, umtost vom gesellschaftlich-wirtschaftlichen Konkurrenzkampf, in die Häfen der kulturellen Bildung, um dort ihren Begabungen freien Lauf lassen zu können – und einer dieser Häfen, ein Hort des kreativen Lebens, ein Anlaufpunkt der leichten Träume, verschliesst seit 16.7.2007, dem Poststempel der nun zugeschickten Exmatrikulationen an knapp 269 der die Gebühren Boykottierenden seine Pforten.

DER KONFLIKT

Es ist dies der Höhepunkt einer Auseinandersetzung zwischen letztlich dem Wissenschaftssenator der Stadt Hamburg und den Studierenden, wobei schon bemerkt werden darf, dass sich die Politisierung Letzterer aus der Sorge um finanzielle Belange speist – aber warum soll sich nicht die Woge der Notwendigkeit am realen, Unmittelbaren brechen?

Ist Bildung nicht ein gesamtgesellschaftliches Gut, das in einer Demokratie schützenswert ist? War freie Bildung für alle nicht ein Ziel der Gründerväter der Bundesrepublik? Hat der Anteil der Studierenden, der akademischen Abschlüsse, aus einkommesschwächeren Schichten nicht schon rapide abgenommen? Und, nicht zuletzt: Hätten Künstler wie Daniel Richter, Loriot, Martin Kippenberger, Jonathan Meese und Rebecca Horn ihr Studium unter diesen erschwerten Umständen überhaupt antreten, geschweige denn beenden können? Oder – aus politischen Gründen – wollen?

WAS KOSTET DIE WELT?

Die “Zeit” berichtet zur Hochschulpolitik im internationalen Bereich: “In Großbritannien zeigt die Einführung der Studiengebühren katastrophale Auswirkungen auf die gesellschaftlich relevanten, aber nicht direkt ökonomisch verwertbaren Studiengänge. Dort wurden vor zehn Jahren Gebühren in Höhe von 1700 € pro Jahr erhoben. Diese sollen jetzt auf 4500 € pro Jahr erhöht werden. Doch schon heute arbeiten Studierende an englischen Hochschulen durchschnittlich 13 Stunden die Woche und haben dennoch am Ende ihres Studiums durchschnittlich zirka 29.500 € Schulden.” Und weiter: “Studien aus England haben gezeigt, dass trotz staatlicher Zuschüsse und dem Erlass eines Teiles der Studiengebühren für Menschen bildungsferner Herkunft, der Anteil der Studierenden aus einkommensschwachen Schichten seit der Einführung von Studiengebühren kontinuierlich gesunken ist.” Die Einführung von Studiengebühren in Großbritannien ist von der zuständigen Berichterstatterin der UNO gerügt worden, was bisher keine Folgen gezeigt hat, da die britische Regierung darauf beharrt, dass die Gebühren in der jetzt gültigen Form den Zielen des Paktes „International Covenant on Economic, Social and Cultural Rights“ (Internationaler Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte, IPwskR) nicht entgegenstünden.

Studieren in England gerade einmal 40% der jeweiligen Jahrgänge, so sind es in Finnland und Schweden 70%. Die Studiengebührenfreiheit, aber auch die Tatsache, dass dort rund 80% der Studierenden eine staatliche Förderung erhalten führt offensichtlich zu einer enormen Bildungsbeteiligung.

Bemerkenswert auch: Finnland, Schweden und Norwegen haben alle gebührenfreie Hochschulen und sind gleichzeitig die Länder, die auch bei OECD – und Pisastudie erstaunlich gut abschneiden.

Beispiel USA: Die überdurchschnittlich steigenden Gebühren in den USA führen dazu, dass sich die Studierenden hoch verschulden müssen. Gleichzeitig kam es zu einer Dreiteilung der Hochschullandschaft in Private Universities, State Universities und Community Colleges. Letztgenannte sind ausschließlich auf eine schnelle Ausbildung ausgerichtet. Bekannte Publikationen und WissenschaftlerInnen kommen zum größten Teil aus den Private Universities. Der immer wiederkehrende Vergleich mit deutschen Verhältnisse ist sehr verzerrend, da in der öffentlichen Diskussion über die vermeintlich vorbildliche amerikanische Hochschullandschaft ausschließlich auf die privaten Universitäten Bezug genommen wird. Die Studiengebühren differieren enorm zwischen den einzelnen Typen und während Studierende aus sozial benachteiligten Schichten vermehrt die billigeren Community Colleges besuchen, bleiben die elitären Privathochschulen mit ihren Spitzengebühren nur den Reichsten vorbehalten.

Im Internationalen Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte, den auch die Bundesrepublik Deutschland unterzeichnete und der im Jahre 1976 in Kraft trat, haben sich die Unterzeichnerstaaten unter anderem im Artikel 13 Absatz 2 c) verpflichtet, „den Hochschulunterricht auf jede geeignete Weise, insbesondere durch allmähliche Einführung der Unentgeltlichkeit, jedermann gleichermaßen entspreched seinen Fähigkeiten zugänglich zu machen“.

DER SENATOR

Jörg Dräger, Wissenschaftssenator Hamburgs, der selbst einige Eliteanstalten in seiner studentischen Laufbahn besuchen durfte, rief noch vor kurzem die Talentstadt Hamburg aus. Bleibt die Frage, ob diese Talente in der Lage sein werden, ihren Beitrag zu einer lebendigen, vielleicht sogar vorbildlichen und nacheiferungswürdigen Stadt zu leisten, wenn ihnen schon in den Startlöchern finanzielle Hürden in den Weg gelegt werden. Fraglich ist auch, ob der Beruf des Künstlers nicht schon allein durch die Kosten von Material und Medium (Ölfarben, teure Kameras, Filmmaterial etc.) ohnehin schon am Anfang der Karriere mehr in der finanziellen Pflicht steht als der eingangs erwähnte Maschinenbaustudent?

Auch Drägers nun vorgelegter Vorschlag, die Zahlung der Studiengebühren über Studentendarlehen zu ermöglichen, ist für Kunststudenten ein kaum gangbarer Weg. Im Gegensatz zum exemplarischen Maschinenbaustudenten ist für sie eine finanziell abgesicherte Zukunft sehr viel weniger wahrscheinlich. Dies liegt nicht zuletzt am volatilen Charakter der Kunst an sich – und es ist ein Paradoxon erster Güte, dass diese Unsicherheit durch die geforderten Gebühren eher noch verstärkt wird: Statistiken der Künstlersozialkasse würden belegen, dass Künstler nach Ablauf einer dreijährigen Berufsanfängerzeit im Schnitt 10.510 Euro pro Jahr verdienen. Sie erzielten damit noch nicht einmal den Mindestbetrag von 12500 Euro, ab dem sie ihre Schulden zurückzahlen müssten. Kulturrats-Geschäftsführer Olaf Zimmermann dazu: “Studiengebühren zurückzahlen zu müssen, die oftmals über einen Kredit finanziert werden müssen, ist schier unmöglich (…) Wir fordern Hamburgs Ersten Bürgermeister Ole von Beust und Kultursenatorin Karin von Welck auf, Flagge zu zeigen und sich für Kunststudenten einzusetzen.”

DER PRÄSIDENT

Der Hochschulpräsident Martin Köttering sieht im jetzigen Vorgehen einen “gravierenden Einschnitt, dessen Folgen sowohl den künstlerischen Nachwuchs für die Metropolregion Hamburg als auch Studium und Lehre an der HfbK über Jahre maßgeblich beeinträchtigen”. Das Hochschulgesetz zwinge ihn zur Verschickung der Exmatrikulationen. Köttering appelliert an die Studenten, den Senat und die Bürgerschaft, gemeinsam Lösungen zu suchen. Köttering im Interview des Senders Hamburg 1 zur Wettbewerbsfähigkeit der HfBk:
“International sind die bundesdeutschen Kunstakademien absolut Weltspitze, das wird ihnen auch jeder aus Amerika, England, Frankreich, oder auch Japan bestätigen. Die wirklich erfolgreich Kunstakademien, wie Düsseldort, Frankfurt, Berlin, haben keine Studiengebühren.”

DIE PROFESSOREN

26 Hochschulprofessoren äussern sich ähnlich und unterstützen den Boykott in einem offenem Brief mit folgenden Argumenten:

“1. Alle Bundesländer haben die künstlerischen Studiengänge von der Einführung des Bachelor/Mastersystems befreit. Die Hamburger Kunsthochschule ist bundesweit die einzige renommierte Kunsthochschule mit einem modularisierten Studiensystem.
2. Die renommierten Kunsthochschulen sind ebenfalls nahezu vollständig von Studiengebühren befreit:
Kunstakademie Düsseldorf 0,- Euro Studiengebühren
Universität der Künste Berlin 0,- Euro Studiengebühren
Kunstakademie Städel Frankfurt 0,- Euro Studiengebühren…”

Kunstprofessor Werner Büttner hat sich zwischenzeitlich schon gewünscht, die eigene Hochschule möge sich in einen mittelständischen Zahnstocherhersteller verwandeln, denn dann würden die Existenzsorgen beim lange Zeit schweigenden Dienstherrn und Senator Jörg Dräger vielleicht eher Gehör finden: “Da wir aber nur die kleinste der Hamburger Hochschulen sind, noch dazu eine Fakultät der unnützen Dinge, wie es im Sozialismus hieß, hüllen sich die politisch Verantwortlichen in ein unvornehmes Schweigen. Wenn wir 300 Leute auf die Straße setzen, ist die Schule erledigt, gibt es sie nicht mehr und bisher war die HfBK im Konzert der großen Kunsthochschulen eigentlich nicht schlecht vertreten und gut zu hören.” Zur Not werde er die Studenten eben “unentgeltlich in meiner Freizeit unterrichten”. HfBK-intern verlautete dazu, dass Dräger mit Disziplinarverfahren drohe, sollten Professoren unentgeltlich unterrichten. Büttner dagegen findet es selbstverständlich, sich für seine Studenten einzusetzen. Er nennt das Beispiel Joseph Beuys: Der berühmte Künstler habe einst trotz einer vorgeschriebenen Begrenzung der Studentenzahl einfach alle Studenten in seinem Seminar aufgenommen, die teilnehmen wollte. Beuys wurde daraufhin allerdings hinausgeworfen.

UND JOSEPH BEUYS

Der Spiegel dazu: “Beuys war zudem der Meinung, dass jeder, der den Wunsch hat Kunst zu studieren, nicht durch Zulassungsverfahren, wie zum Beispiel ein Mappenverfahren – der Bewerber musste einen Nachweis seines Talents in Form von Arbeiten vorlegen – oder einen Numerus clausus daran gehindert werden sollte. Seinen Kollegen teilte er mit, dass er alle von anderen Lehrern abgelehnten Bewerber um einen Studienplatz in seine Klasse aufnehmen werde. Mitte Juli 1971 wurden 142 von 232 Bewerbern für ein Lehramtsstudium im normalen Zulassungsverfahren abgelehnt. Am 5. August 1971 verlas Beuys vor der Presse einen öffentlichen Brief, den er am 2. August an den Akademiedirektor geschickt hatte. Alle 142 abgewiesenen Studenten waren von Beuys in seine Klasse aufgenommen worden; er hatte im folgenden Semester etwa 400 Studenten. Am 6. August erläuterte das Wissenschaftsministerium der Presse, dass es diese Zulassung der Studiumsbewerber nicht genehmige und den Bewerbern ein Studium an einer anderen Akademie anbiete.
Am 15. Oktober 1971 besetzte Beuys mit siebzehn Studenten seiner Gruppe das Sekretariat der Akademie. In einem Gespäch mit dem Wissenschaftsminister Johannes Rau erreichte er, dass die Kunstakademie diese Bewerber mit der Empfehlung des Wissenschaftsministeriums aufnahm. Mit Datum vom 21. Oktober teilte das Wissenschaftsministerium Beuys schriftlich mit, dass solche Situationen nicht mehr geduldet würden, aber Beuys nahm die Warnung nicht ernst.

Im Februar 1972 fand an der Kunstakademie eine Beratung über ein neues Zulassungsverfahren statt, an der auch Beuys selbst teilnahm. Die Größe einer Klasse war begrenzt auf 30 Studenten. Im Sommer wurden 227 Studienbewerber aufgenommen, 125 abgewiesen. 1052 Studenten waren an der Düsseldorfer Kunstkademie immatrikuliert, davon waren 268 in der Klasse Beuys.”

HANSEATEN

Ist es nicht hanseatische Tradition, gerade den weniger Bemittelten Chancen zu ermöglichen? Profitiert die Hansestadt à la longue nicht auch gerade von ihrem Ruf der Unabhängigkeit gegenüber anderen Bundesländern? Ist es denn wirklich so grosser Luxus, sich eine Institution wie die HfbK zu leisten, schon allein um möglichst selbst vom projektierten Talentschub zu profitieren? Wobei nicht unwesentlich ist, dass die Kunstszene selbst von ihren Erfolgen oft am wenigstens profitiert – sie ist ein Impulsgeber, ein Trendsetter, der seine Kreativität an das wirtschaftliche Umfeld wie Werbeagenturen und Medien abstrahlt. Man könnte auch die den Hanseaten an sich definierende Haltung des Mäzenatentums anführen, eine Haltung, die das Verhältnis von Geld und Kultur seit Generationen bestimmt hat: Der Neubau der Neuen Philharmonie wird schliesslich auch zum Grossteil mit privaten Mitteln bestritten. Sollten sich nicht einige private Spender finden lassen, die den wirklich bedürftigen Studenten (womöglich liessen sich die auch durch ein faires Auswahlverfahren ermitteln), oder gar die gesamte Studentenschaft an sich finanzieren könnten?

Überdies ist durchaus interessant, dass der Hamburger Konflikt stellvertretend für andere Bundesländer geführt wird und sich der Hamburger Boykott als beispielhaft für die Hochschulpolitik insgesamt sieht: Sogar der Deutsche Kulturrat hat sich inzwischen in die Diskussion eingeschaltet und kritisiert den Rauswurf der 269 Hamburger Studenten. Auch hier die Warnung: Es werde damit in Kauf genommen, dass angehende Künstler und Designer der Stadt den Rücken kehren.

DAS GERICHT

Auch die Judikative hat sich inzwischen mit der Problematik befasst: Am 26. Januar 2005 hat das Bundesverfassungsgericht das 2001 eingeführte Verbot von Studiengebühren im Hochschulrahmengesetz für nichtig erklärt, da es in die Gesetzgebungskompetenz der Bundesländer eingreife (Az.: 2 BvF 1/03). Der Vorsitzende Richter, Winfried Hassemer, wies jedoch ausdrücklich darauf hin, dass das Gericht nicht über die Zulässigkeit von Studiengebühren entschieden habe. Wegen der eigentlichen Gesetzgebungskompetenz der Bundesländer im Hochschulwesen sei ein Eingreifen durch Bundesgesetz daher verboten.

Das Bundesverfassungsgericht hat sich jedoch vorbehalten, zur Frage der Sozialverträglichkeit von Studiengebühren erneut Stellung zu nehmen, insbesondere dann, wenn die von Kritikern befürchteten Auswirkungen tatsächlich eingetreten seien, um zu entscheiden, ob diese tragbar seien. Dazu müsse es aber erst einmal kommen; aus der jetzigen Perspektive sei ein Verbot von Studiengebühren verfrüht, insbesondere wenn es durch den Bund und nicht durch ein Bundesland selbst erfolgt.
Interessant ist dieses Urteil auch in Bezug auf das Numerus-Clausus-Urteil des Bundesverfassungsgerichts, denn dieses forderte gerade eine bundeseinheitliche Regelung zur Vergabe von Studienplätzen und Studienorten.

Die boykottierende Studentenschaft erwägt, das Verwaltungsgericht anzurufen, um gegebenenfalls aufschiebende Wirkung für die Zahlung der Gebühren zu erreichen, und rechnet mit einem Zeitgewinn von bis zu drei Jahren – danach wird erwogen, in die nächste Instanz zu gehen.

DIE ZEITUNGEN

Das Hamburger Abendblatt kommentierte, es sei von der Studentenschaft unklug taktiert, den Senat bis auf Äusserste mit einem Gebührenboykott zu konfrontieren – der sei nun zur Härte gezwungen: Der GEW-Chef Klaus Bullan meint: “So viel Ungehorsam kann
Wissenschaftssenator Jörg Dräger offenbar nur schwer ertragen und stellt
auf stur.”

Die Berliner Zeitung urteilt: “Unfrieden und die Vertreibung des talentierten Nachwuchses – das ist die traurige Ernte einer unsozialen, egoistischen Politik. Es ist die Quittung dafür, dass eine Reihe unionsregierter Länder auf schnellstem Wege Gebühren einführte, nachdem das bundesweite Verbot gefallen war. Sie taten es, ohne sich mit anderen Bundesländern abzustimmen, wie man das normalerweise in einem föderalen Staat tut. (…)
Die Politik ist aber nicht nur dumm, sondern auch schizophren. Während der Künstlernachwuchs Hamburgs vertrieben wird, weil er die insgesamt erwartete Viertelmillion Euro pro Jahr nicht zahlt, gibt das Land Millionen für Gutachten aus – zu der Frage, wie man Talente nach Hamburg holen kann.”

DER VERDACHT

Zu hoffen ist dabei, dass zu den befragten Gutachtern nicht ausgerechnet die Unternehmensberatung Roland Berger zählt, für die der Hamburger Wissenschaftssenator Dräger von 1996 – 1998 arbeitete…

Roland Berger ist, nebenbei bemerkt, bei der vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall finanzierten Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft engagiert, die sich für wirtschaftliberale Reformen stark macht.

Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) ist eine im Jahr 2000 vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall gegründete sowie von weiteren Wirtschaftsverbänden und Unternehmen getragene PR-Agentur, mit dem Ziel, die Bevölkerung von neoliberaler Reformpolitik zu überzeugen. Gehört es etwa zum Programm des Neoliberalismus, Kunsthochschulen mit Gebühren zu belegen?

DIE LÖSUNG

Der regierenden Bürgermeister, Ole von Beust, hat sich zum Thema trotz mehrfacher Aufforderung noch nicht geäussert, obwohl es sich doch als im Wahlkampf relevant erweisen dürfte. Bleibt zu hoffen, dass einer der Kombattanten bis zum Ablauf der letzten Zahlungsfrist am 30. September einem Kompromiss zustimmt – womöglich sogar auf Anraten eines Schlichters: Der ehemalige Kulturstaatsminister und jetzige SPD-Spitzenkandidat Michael Naumann böte sich dazu fast logisch, ja, zwingend an.

Gedanken unterm Reetdach, nahe Dänemark

Juli 3rd, 2007 | stazol

…nach hervorragend gelungener Ente à l´Orange und keinem Wein (ach ja, die Ärzte…) lange Gespräche, Boule-Spiel und die Erkenntnis, dass ich auch mal Fehler machen darf – zur Nacht. Wenn die Tage auf dem Lande nachdenklich machen, so sieht man doch ohnehin ausserhalb des Molochs der Grossstadt manches im ruhigeren, klareren Lichte – und hofft doch sehr, jene Sicht sich im Zurückkehren noch lange erhalten zu können, noch lange davon zu zehren, lange, schliesslich, die innere, neu errungene Ruhe einfach ebenso zu belassen. Und alte Lieben nach und nach aus den Fängen der Rache und der Trauer zu entlassen, in die Tiefen des Raumes, aus denen sie einst unverhofft und eigentlich auch ungebeten hervortraten, damit man sich ihnen unterwerfen. Will mich dringend verlieben, candidates welcome!

Auf dem Lande

Juli 1st, 2007 | stazol

Habe mich, ach, auf´s Land zurückgezogen. Bis auf weiteres. Lese Imperium von Robert Harris am Kamin bei strömenden Regen, habe hervorragende Gastgeber und versuche, ein ebensolcher Gast zu sein und geniesse es rückhaltlos. Wollen mal sehen, was mir hier sonst noch so einfällt… Ach, diese Ruhe!

Hommage à la Russie: Der Überfall – und Putin und Pushkin

Mai 21st, 2007 | stazol

man hat ja von den Russen schon einiges gehört, aber wenn sie einem zu zweit am Hauptbahnhof morgens um drei auflauern, und man schon etwas Chardonnay getrunken hat, weil einer der besten Freunde gerade aus London da ist und seinen Geburtstag feiert, und sie einen mehr oder minder höflich nach der Brieftasche fragen, dann ist meine Geduld schon einmal am Ende. Der eine hält mich fest, während der andere in mein Sakko greift, und natürlich nichts findet (Dandys haben nie Bargeld dabei), und ich schreie wie am Spiess “Leave me alone” (warum eigentlich auf englisch, Fragen über Fragen), und dann lassen sie ab von mir und haben zum Glück kein Messer dabei und rennen mir auch nicht nach, während ich in Richtung meines Lofts spurte, um dann die Betontreppen hinunterzufallen, weil meine Schuhe zwar elegant, aber nicht für Spurts geeignet sind, und ich mir die Lippen aufschlage und jetzt aussehe wie Hitler, dann ist der Spass auch begrenzt. Finde ich jedenfalls, und verfluche mich, weil ich in der Schule beim Kick-Boxen nicht aufgepasst habe und noch am Tag zuvor meine Reitstiefel anhatte und wahrscheinlich von den Russkis als unangreifbar gewertet worden wäre, faute de mieux (was übrigens nach Sloterdijk und dem Wahrig Wörterbuch in Ermangelung eines Besseren heisst).

Was uns directement zu Putin führt. Ich habe mir die Frage gestellt – und stelle sie hiermit zur Diskussion – ob es den Normalbürgern des Zaristischen Russlands eigentlich schlechter ging als heute den verarmenden Bürgern, während sich die Oligarchen an Gas und Öl so gütlich halten, wie es der zahlenmässig wohl vergleichbaren Adel unter Nicolaus II. am Volke getan hat. Zumal sich Putin ohnehin schon im Kreml mit den Insignien der alten Reussen umgibt, bei Staatsbesuchen den roten Teppich nie verlässt, zum Geburtstag St.Petersburgs ganze Schlösser renovieren liess und in seiner Machtfülle den Zaren mit Sicherheit übertrifft. Mit anderen Worten: DIE REVOLUTION WAR EIN FEHLER. Jawohl. Die hätte übrigens auch Pushkin nicht gewollt. Und Tolstoy schon gar nicht. Und wer das nicht einsieht, frage am besten mal einen Russen, der mehr oder minder höflich nach einer Brieftasche fragt…