Archive for Oktober, 2010

Ich bin gerne Deutscher … continued

Oktober 27th, 2010 | stazol

Heute wird vemeldet, daß die Arbeitslosihkeit unter drei Millionen liegt, erstmals seit 1992, na Halelujah. Gelänge es, die freien Resourcen, nichts anderes sind ja die ohne Lohn und Brot, wenigstens zu BILDEN, es wäre vielen geholfen. Andererseits bemerkt mein wiener freund Sebastian dann schon spöttisch, ob die deutsche Bildungsregel, 70 Prozent aller Schüler zu Abiturienten zu machen, in sich nicht schon faschistoid sei. Nun ja. Ich kann mich jedenfalls an einige Kommilitonen meines kurzen Ausflugs in die Psychologie erinnern, die sich an der Universität erstmals in einer Bibliothek wiederfanden. Cosmoplitaine Air kam in den rauch durch die Bibliothekarin, die mir von ihrer Tätigkeit in den USA bei einer grosse Sozietät in New York berichtete, natürlich kehrte man damals auf Cunard nach Europa zurück, aber das ist eine andere Geschichte. Ich traf sie übrigens im Steinwayhaus wieder, wo sie sich darüber echauffierte, daß man eine CD aus dm Sonderangebot nicht in Geschenkpapier verpackte. Derart streitbar ist jene Generation. Meine Fechttrainerin kommt mir in den Sinn, Frau Happel, wenn ich nicht irre, der ich lieber zuhörte, als daß ich focht, aber sie lehrte mich zumindest den Tausend-Meter-Lauf, ein Umstand, der mich immernoch in die Lage versetzt, einem vorbeifahrenden Bus nachzuspurten. Dies allerdings sollen Apércus bleiben.

Habe Franzi zu Gast und ihre wunderbaren linken Ansichten. Die Arbeizswelt scheint immer mehr einem Höllenpfuhl zu gleichen. Ich höre auch aus Berlin, daß Agenturen aus schierer Verzweiflung Aufträge annehmen, für die sie gar nicht die Manpower haben. Arbeitsverdichtung ist das dann wohl. Auch die drei Millionen Arbeitslosen, nun, aus der Statistik sind ja jetzt auch alle anderen raus, und die Ein-Euro-Jobber etwa werden als angestellt geführt, gefolgt von den 6,50 Fensterputzern, den Klofrauen und Kriegswitwen.

Ich finde das Land in prekärer Situation. Die Senioren ruinieren uns in Kaffeefahrten oder dummen Bankengeschäften, man hält die Nachfolgegeneration hin, man blockiert, wo man kann, die Szene gleicht ein wenig der Stefan Zweigs „Die Welt von Gestern“, in der er davon schreibt, daß junge Männer in führenden Positionen unmöglich, man stattdessen kahle, wohlbeleibte Herren vorzog. „Lasst wohlbeleibte Männer um mich sein“, sagt Cäsar bei Shakespeare, und was man davon hat, ist Geschichte. Unter den Linden stellt Mercedes Benz einen Flügeltürer im Wert von 880000 Euro einem immer mehr verarmenden Volke vor, das bitter lernen muss, daß Konsum eben nicht gleich Glücksverheissung kommt. Man trägt kaum noch Kleidung im Fernsehen. Ich habe gehört, daß beim Brand des Moskauer Fernsehturms durch den Ausfall der Sender ganze Stadtviertel in Mord und Totschlag sich verwandelte. Soeben beobachtete ich zwei Gören mit ihren Schuhen auf den Ubahnsitzen. Ein anderer Passagier nahm sich ihrer Zurechtweisung an. Deutschland hat zur Zeit etwas nervöses, ja, einem Rennpferd gleich, das zu Unvorstellbarem in der Lage, wenn nur der Boden etwas nass, der Course der vertraute oder entgegenkommende – und nein, Herr von Guttenberg, Sie

leseperle

Oktober 20th, 2010 | stazol

in der schweiz. www.art-tv.ch.

aperception

Oktober 19th, 2010 | stazol

Wir schreiben den 20. Januar 1774, es ist Abend, als an einem Maskenball in der Pariser Oper der junge, schöne schwedische Axel von Fersen mit einer maskierten Frau flirtet, und er kann nicht ahnen, dass es sich um Marie-Antoinette, die zukünftige Königin von Frankreich handelt. Er ahnt auch noch nicht, dass es die große Liebe seines Lebens wird, und vielleicht ist dies auch das höchste Ziel eines Balls der Larven und Kostüme, sich zwanglos kennenzulernen, um ein Leben lang hingegeben zu sein, nein, sich hingeben zu dürfen. Fersen nimmt nur eine prächtig gekleidete Dame wahr, die dank der Verkleidung Dinge sagen und tun darf, die ihr sonst von Standes wegen untersagt sind, ihre Hofdamen haben den Kontakt hergestellt, und irgendwann nimmt die junge, anmutige Prinzessin die Maske ab – es ist der Beginn einer Romance, die Ihresgleichen nicht findet. Stefan Zweig beschreibt die Szene so: „…auf dem Opernball, dem Treffpunkt der eleganten und auch zweifelhaften Welt, steuert eine auffallend vornehm gekleidete schlanke junge Frau mit schmaler Taille und ungemein beschwingtem Gang auf ihn zu und beginnt, von der Samtmaske geschützt…“ und wir beenden das Zitat hier, denn darum geht es: Den Schutz, das, womit man die Außenwirkung der Innenwelt bestimmen, einfangen, ja, kanalisieren kann, in einer Art, wie sie heute eben nicht mehr allzu üblich. Maske

DARE latest issue

Ich bin gerne Deutscher… contd.

Oktober 19th, 2010 | stazol

Gestern bin ich zwei Mal des Intellektualismus bezichtigt worden. Erst bedauert die GRAZIA; man verstehe meinen Themen nicht. Dann eine hate mail, die mich immerhin des „Intellektuellen Gewäschs“ bezichtet. Huch. Ich hatte keine Ahnung, ein Intellektueller zu sein. Im übrigen habe ich auch sehr viele Goldfüllungen, am besten wär´s wohl mich auf der Wilhelmstrasse aus dem vorbeifahrenden Auto zu erschiessen, in Los Angeles nennt man das drive by shooting und es passiert in der Woche einmal, wäre das nicht ein Vorschlag zur Güte? Ich bin leicht zu erkennen, sehe aus wie ein russischer Baron, weil ich einem Roma gestern gegen die Kälte eine schwarze Pelzmütze für 35 Euro erworben habe, die bei Gucci eher 1800 Euro kosten würde. Ich bemerke, daß die Touristenströme auseinanderweichen, aber niemand hat Anstoß genommen, während man in der Hansestadt ja nur unförmige gelbe Cordhosen für elegant hält, und Poloshirts natürlich und Kaschmirpullis, aber jetzt trag ich schwarz und graues Flanell, ein Sakko, das ich übrigens für 2,50 Euro bei der Ingolstädter Caritas erworben habe. Nun bin ich also auch noch Intellektueller. Eigentlich wollte ich das stets vermeiden. Man wird so leicht zur Zielscheibe, und irgendwie trifft es mich auch, ich habe Herrn Ulf Ulfkötter (was für ein Name, Thomas Mann hätte es nicht besser erfinden können. Lieber Herr Ulfkötter, Danke, daß Sie mich adeln! Und nur heraus mit ihrer fundierten Meinung. Aber vermeiden Sie am besten eine direkte Begegnung mit mir, es könnte a) sein, daß sie mich gar nicht verstehen. Ich würde sofort ins Französisch wechseln, um noch höflicher zu sein. Mir wäre es ein wenig peinlich. b) ich könnte Ihnen auch einen Handschuh ins Gesicht schlagen, keine Angst, das tut nicht weh, und Sie müssen sich auch nicht mit mir duellieren, Ihrem Nachnamen nach zu schliessen erlaubt es mein Stand gar nicht, Ihnen Leids zu tun. Nun, dann bleibt mir wohl nur Mitleid. Heilfroh bin ich aber, daß es da doch einige gibt, denen ich nicht zu intellektuell bin, und die mich auch nicht der Untiefen verdächtigt können Sie noch folgen, Herr Ulfkötter, ich bin etwas besorgt, da kommt so schnell kein Komma, das könnte unangenehm für Sie werden, so ganz ohne GPS in meinen Sätzen – Ihnen zuliebe mach ich jetzt mal nen Punkt: . So. Zufrieden?

Man sollte übrigens immer die russische Botschaft im Auge behalten. Finde ich.

Ich bin gerne Deutscher, continued:

Oktober 18th, 2010 | stazol

Vor allem, wenn man im Café Einstein sitzt Unter den Linden und dort einen Café au Lait nimmt. Es beginnt zu nieseln und nebenan wird der Tisch frei, soeben hat die ältere Dame noch mit einem zickig herausgeholten Fächer meinen Zigarettenqualm weggewedelt, nun geht sie mit ihrem Mann, und das eben angekommene Düsseldorfer Paar (die müssen aus Düsseldorf gewesen sein – warum? Gleich!) spitzt schon auf den Tisch unter der Markise, jedenfalls nehm ich meine Financial Times (nicht die Deutsche, für die hab ich ja auch schon geschrieben, egal) und Le Monde und die Herald Tribune und schicke mich an, mich unter den Schirm zu setzen, als der Düsseldorfer an mir vorbeihechtet und sich auf den freien Platz setzt. Nun reichts. Das ist eine Frechheit rufe ich und er giftet „Aber ich habe doch gesagt, dass wir dorthin wollen“ und ich sage, ich säße schon ne halbe Stunde länger da, und die Dame mit dem Fächer wirft dem Düsseldorfer einen Blick zu de Inhalts, so ein junger, blöder, arroganter Schnösel, der junge Mann (der im übrigen viel besser aussieht als ihr Gatte, Bos wird später sagen, klar hassen die dich) – nun ja, vielleicht bin ich dann etwas weniger gern Deutscher. Aber gern bin ich´s dann schon wieder anderentags , als ich mit meinem Wiener Freund Sebastian, dem Schuhfabrikantensohn ins Einstein will und es supervoll ist aber mein Lieblingstisch links direkt am Eingang neben der Kasse frei wird. „Da zieht es ein wenig, sagt ein freundlicher Tourist und seine Frau lächelt, aber ich sage, man könne hier prima Frau Merkel ein Bein stellen, wenn sie reinkommt, und beide lachen und sagen, Sie haben ja zum Glück recht lange Beine, und ob ich das Schild „Vorsicht Stufe“ nicht auch noch wegnehmen könne. Dann bin ich wirklich gerne Deutscher.

SPECIAL – SMN GAY SUNDAY

Oktober 10th, 2010 | stazol

violence against gays in bronx – heavily prosecuted

violence against gays in serbia

mormons against gays

rabbi speaks out for gay kids

SMN – NEWS on Sunday

Oktober 10th, 2010 | stazol

cunard´s new cruise ship – the queen elizabeth

\”the hobbit\” could be very, very, very expensive

AND

new study on mariijuana

SMN special report: BUCHMESSE 2010

Oktober 8th, 2010 | stazol

Die ersten Manager gab es im Jahr 1870, sie wurden in London ausgebildet und es handelte sich um Männer, die beim Zirkus arbeiteten. Das erfahre ich vom Verfasser des “Bilderbuchs für Manager” am Stand der F.A.Z., quasi in Hörweite einer ganzen Gruppe von Verlagspersonal. Niemand lacht. Zwei Fussballer ballern ihren Blödsinn in den Markt. Ein Boxer. An allen Enden wird gekocht. Aber ein Geheimtipp? Etwas, was man unbedingt lesen muss? Ich habe nichts gehört. Nichts gesehen. Irgendwelche dicken Chinesen sitzen irgendwann in einer Staatskarosse und rasen irgendwo mit Blaulicht und Motorradeskorte aufs Messegelände. Frankfurt im Oktober, es ist Messezeit, und alle gehen hin. Sogar Chinesen. Im Hessischen Hof sitzen zwei ältere, sehr blonde Italienerinnen und sorgen sich. Ich beschliesse, es zu wagen, die Messe, nach all den Jahren.

Ich erhalte sofort ein Pressekarte, damit fängt es an. Jürgen Neffe, der Einstein-Biograph, steht vor mir in der Schlange und hat seine verschmissen gestern und braucht ne neue, ich lege einfach meinen Roman hin und im Buchrücken das Autorenfoto, da steht ja, dass ich Journalist bin. Ob ich zu Neffes Lesung komme, will der Biograph wissen, bedauere, lese selber um 17 Uhr, gutes Gefühl. schliesslich ist der Kunstverein am Römer ne ziemlich erste Adresse und überall hängen die Plakate der Veranstaltung Open Books, da ist auch mein Name zu sehen, in Achtpunktschrift und mit 60 anderen Autoren, immerhin. Dass ich schon mit 16 träumte, hier einmal lesen zu dürfen, es sei zumindest gesagt, mein Freund Bos meinte darauf, was ich denn damals schon für kluge Träume gehabt hätte. Die Rolltreppe hinab, natürlich werde ausgerechnet ich am Eingang kontrolliert. Mann, wo ist eigentlich mein silbernes Tiffanydöschen, und was war da noch drin? Ein ziemlich hübscher, junger Polizist bittet mich höflich, den Laptop aus der Tasche zu holen, und als nur noch vier Schachteln Davidoff zum Vorschein kommen, sagt er leise “aber wo ist denn nun meine Bombe?” Ich weise auf Porcella und sage, da ist sie, er, Sie sind Harald Nicolas Stazol? Ich, ja. Ein Höhepunkt, ganz zu Anfang, da hab ich noch nicht mal meinen Mantel abgegeben.

Weitere  Highlights? Nun: Rudolf Steiner wird 2011 150 Jahre alt, ich dachte, der wäre tot, nun prangt er auf einer Säule oben in Halle 3.1 und blickt über die Massen hin. Rollkoffer über Rollkoffer, Männer, die hetzen, Frauen, die flitzen, und ja, überall dieser Blick: Was wohl als nächstes kommt? Hörbuch, Ebook, noch weniger Umsatz? Die Veranstalterzahlen sind rückläufig. Bei Steidl kostet ein Prachtband 7800 Euro (siebentausendachthundert, echt) – doch dazu später mehr. Sie sind ein eigenes Völkchen, die Messebesucher, die Verlagsleute, sie waren es immer und vielleicht ist ja mein Auge ungeübter geworden oder ich abgeklärter oder es hat sich wirklich viel verändert. Früher jedenfalls wurde mit Kaffee nicht gegeizt und Lachshäppchen sehe ich nirgendwo. Vielleicht ja bei Hoffmann & Campe später. Egal. Schön sind sie jedenfalls nicht alle, die Menschen hier, obwohl mein Verleger doch einige nette Damen bemerkt haben will. Er wird später sagen, das Äussere sei vor der Literatur nachrangig. Er hat wohl recht. Die Messe aber auch Laufsteg. Eine Dame im Gartencafé im Bouclé von Chanel, auffallend. Ich denke an den Polizisten. Na gut, Llosa´s verdienter Nobelpreis, da stauten sich die Leute am Suhrkampstand, aber jetzt, in der Rückschau, nach Kilometern des Umherirrens, Rolltreppe hier, Laufband da… Ich habe Bilder gesucht, denk ich später, wie war das noch, 2001, Jelzin, Tom Wolfe, Gore Vidal, die Ullmanntochter, auch am Abend dann Menschentrauben in der Bar des Frankfurter Hofs, wo Döpfner mit den Hunderten wedelte und Schirrmacher sagte, man brauche noch nen Harry Potter und Illies den Millionenvorschuss kriegte, für Golf II. Aber nun? Eine Sofaecke ist frei, ich dirigiere Verleger, Lektorin (sie hat versprochen, morgen mein Tuch zu tragen) und die junge Dame vom Vertrieb dorthin, ich bestelle Tomatensaft neben einer mannshohen chinesischen Vase und denke an die Literatur. Ich sah nichts, was mich interessiert hätte. Und ich lese echt ne Menge. Ildiko von Kürthy ist die Erstgenannte auf dem Messeplakat am Bahnhof, soweit kommt es, wenn man Blödsinn für Alleinstehende schreibt. Klitschko ist auch genannt, welcher, weiss ich nie, Ralf König, der schwule Comiczeichner, naja. Am Abend sage ich noch, nicht einmal klauen hätt ich ein Buch wollen. Roland Koch hat eins raus,”Konservativ” heisst das und die Seiten sind bleiern, ich suche für hier nach einem Zitat, aber tät ich´s zitieren? Man glaube mir, es lohnt nicht. In der Presselounge Halle 6.2 gibts nicht mal Sofas, nur Papierboxen als Hocker, es ist skandalös. Die Stände sind viel kleiner geworden, vorbei die haushohen Pavillons von Random House und Co. Thomas Middelhoff, der Bertelsmann-Vorstand, hielt damals Hof, ein Master of the Universe, jetzt ist er geächtet und fast schon ein Schurke, zumindest soll Liz Mohn seine Rolle überdenken, was bei ihr, und ich habe sie erlebt, wohl schon ne Leistung ist. Die Luft ist immernoch zum Schneiden, aber all die tollen Leute, dich ich kannte, sind wohl in Pension oder gefeuert oder einfach woanders. Dafür gibt es gleich zwei Bücher von Olli Kahn, “Ich” heisst eins, das andere hab ich vergessen, nein, hab ich nicht, es heisst “Ich wieder”, prosaischer geht es ja wohl nicht. Sportler, selbst wenn sie schreiben lassen… Einen Satz habe ich mir gemerkt: “Wer erfolgreich sein will, der muss sich verändern” – Wahnsinn, Olli. Dass ein “Freund” von Robert Enke aus der Tragödie Profit schlagen will und allen Ernstes Dialoge widergibt, die er gar nicht gehört haben kann, das macht schon nachdenklich. Ernstzunehmen: Der Erlebnisbericht von Madame Betancourt über ihre Geiselhaft im südamerikanischen Dschungel.

Warum die Architekten der Messehallen nur Bänke ohne Lehnen und ganz wenige mit auf die Terassen gebaut haben? Sogar die Stehtische sind heissumkämpft. Eine ältere Dame will mir ihr Buch über Hopis vorstellen, es sei drinnen ja ganz anders als auf dem Cover, und ich finde, damit spricht sie eine Wahrheit ganz gelassen aus. Später, als ich im Kunstverein um mein Leben lese, was nicht einfach ist, weil die Ausstellung geöffnet bleibt und manche einfach reinkommen und wieder gehen, nun ja, da wird mir erst die ganze Wahrheit offenbar. Zum Glück krieg ich noch ne aufmunternde SMS, meine Muse ist modern. Das ist der Donnerstag.

Freitag? Sarrazin isst sein Würstchen, umgeben von acht Bodyguards. Wickert sieht aus wie ne hohe Leiche. Petra Gerster zieht sich die Lippen nach, bei Fischer oder Rowohlt oder wo auch immer. Elke Heidenreich wurde gesichtet, naja. Irgendwann geht Steinbrück über den Platz, er hat nur einen Guard nötig, und ich denke an die Massanzüge von den Jungs von Rolf Heyne, die bringen den Helmut Kohl Bildband raus und einen über Joops Wunderkind, was ja dann auch irgendwie das Gleiche ist: Kasse. Dann sitze ich am Stand von  NEUES DEUTSCHLAND, krieg schönmachenden kalten Kaffee und versuche mit Porcella zu zirzen. Das Cover, sagt sie, findet sie schon mal gut. Ja, und drinnen, da gehts auch so weiter. Dann Lagerfeld bei Steidl erworben, der Bilder von seiner gequälten Muse Baptiste macht, The beauty of violence, sind die schmerzverzerrten Gesichter Allusion auf höchste Lust? Taschen hat “Das grosse Buch des Penis” im Angebot, das musste nun wohl wirklich nicht sein. Ken Follett hat 14 Millionen Dollar Vorschuss für eine Trilogie bekommen und Sarrazin soll dann um 14 Uhr auf dem blauen Sofa sein. Einer wird kläglich Buh rufen, Sarrazin selbst sagt, es gäbe wichtigere Literatur als sein Buch. In der Tat. Sollte ihn dennoch mit einer Porzellantasse bewerfen, wäre aber Verschwendung. Jedenfalls wird bis zum Abend auch im Messebus über ihn gesprochen.

Ach eins noch. Ein Bändchen, ja, bei Steidl. Eduard von Keyserling, “Landpartie”, ja, und Karl hats illustriert. Steidl selbst soll der einzige Verleger sein, der weiß, wann die Pariser Schauen sind. Und den Kittel, den weissen, nur noch im Verlag tragen. Wo war ich? Das Bändchen jedenfalls – wie meins: Ganz bezaubernd. HNS

Ich bin gerne Deutscher – Arbeitstitel eines positiv-patriotischen Essays

Oktober 7th, 2010 | stazol

Da ist dieses unbestimmte Gefühl des Stolzes, wenn sich am frühen Morgen die ICE´s gegenüberstehen, Gleis 13 und 14 am Hamburger Hauptbahnhof – zugegeben, diese Züge haben mich in ihrer Eleganz schon immer ein wenig bewegt – und das Uhrwerk des deutschen  Wirtschaftsmotors in Form von kettenrauchenden Kofferträgern in zugegebenermassen manchmal doch recht formlosen und zerbeulten Sakkos ausschwärmt, Gewinne einzufahren. Dynamik liegt darin, man mag sich eine Tendenz zum Futurismo gefallen lassen, Schnelligkeit trifft auf weisse Pfeile mit nem roten Streifen, Kaffee wird gereicht und die freundliche Dame im Speisewagen kann sogar den grünen Schein wechseln und den ihren dabei wahren, denn wir sind hier bei der Deutschen Bahn, und schon die Lautsprecheransage gibt dann doch etwas beschämt eine Verspätung von sechs Minuten kund, man habe noch auf einen Anschlusszug gewartet, während das Hamburger Abendblatt kostenlos ausliegt und übrigens einen sehr guten Artikel über Reality Shows hat (“Voll echt gespielt”, Alexander Schuller, S. 8 )  - selbstverständlich würde man versuchen, dies aufzuholen, und irgendwie glaubt man der freundlichen Stimme von oben. Zwar hat meinen Platz ein Migrant mit seinen Utensilien vollgestellt, ich bin kurz versucht, seine Aufenthaltsgenehmigung in Augenschein nehmen zu wollen, aber er scheint integriert, jedenfalls unterscheidet sich sein Deo nicht von dem der anderen Fahrgäste, fast ausschliesslich Männer, bis auf das Mädchen im Abteil vorn, das sich einfach mal quer hingelegt hat, auch rührend irgendwie und voll integriert, ein deutsches Mädel würde Sarrazin wohl befriedigt feststellen würde, wäre er hier – ich glaub eher, sie ist Dänin, aber das ist eine andere Geschichte…

Ich schrieb einmal von der gnädigen Hand, die unter einem die wirklich schönen Maintallandschaften (bin ich schon über die Grenzen von Hessen Nassau?) hinwegziehen, im nebel liegt Deutschland, grau-milchig-romantisch, und ich denke daran, vorsicht! intime Einlassung, wie ich mit 16 Jahren zum ersten Mal auf der Buchmesse war und dachte, da will ich hin, zu den Schriftstellern. Gestern plötzliche Erkenntnis, dass ich ja nun wiedr in einem anderen Alterssystem angekommen, tschüss, ihr alzternden Yuppies, ich bin mit vierzig jetzt noch ein junger Autor. In der Bank in Frankfurt stellt man sich offenbar die Frage, wer eigentlich Praxiteles sei, (“porcella”, S. 37), nun, er ist der Erbauer des Parthenon – in der Passage geht es aber eher um den Faltenwurf, für den der Baumeister und Bildhauer des Perikles schon im Altertum gerühmt wurde, das sollte man, wie ich finde, schon wissen, aber notwendig für die gegenwärtigen Fährnisse des Lebens ist solch Kenntnis natürlich nicht unbedingt. Dennoch, als Deutscher, als Bildungsbürger mithin, halte ich es für nützlich und letztlich auch erreichbar, dem so kompliziert-korrupten System soviel Wissen wie möglich entgegenzustellen, man befindet sich so auf bekanntem Terrain – überdies bin ich der Ansicht, dass, wenn die Sinne im Alter doch schwinden, sich ein Spaziergang im profunden gedächtnis und Bilderschatz dann doch lohnen wird, denn wenn die deutsche Unterhaltungsindustrie so weitermacht, werden wir wohl alle gnadenlos uns noch zu Tode langweilen. Nun ja, “Wetten dass” mit dem greisenhaften Gottschalk in dem, was deutsche Schwiegermütter wohl als trendig ansehen – Tommy, man sollte einfach wissen, wann es Zeit ist, und Du wirkst müde, und auch wenn sich der eine Wettkandidat gerade noch daheim in die Luft gesprengt hat, der Apllaus in den Totalen auf das Publikum war ja dann doch wohl eher zaghaft-verhalten. Der deutsche Humor ist ausbaufähig. Mein Vater ist der Ansicht, ich solle eher sagen, ich bin eher Europäer, was die Frage aufwirft, inwieweit denn Sarrazins Migranten in einem Europa aufgehen sollen, wenn Valéry Gistard-d-Éstaigne (ui, richtig geschrieben? – Im Tunnel geht das Netz nicht), immerhin Mitverfasser einer paneuropäischen Verfassung, die EU-Mitgliedschaft der Türkei für nicht ratsam, ja unmöglich hielt, wenn mich nicht alles täuscht. Mithin gefährliches Terrain, sich zu äussern, aber irgendwer muss es ja tun, und da ich außer meinem mir wohlvertrauten Roman keine andere Lektüre mitführe, schreib ich´s halt auf. Und wenn dann wieder der Vorwurf kommt, das alles sei zu lang, bitte ich doch darum, mit einem Ipad Vorlieb zu nehmen und dem Touchscreen dabei zuzusehen, wie er sich unter dem Fett der Finger dann doch eher eklig ausnimmt.

Ich war nicht immer gerne Deutscher und erinnere mich deutlich, an meinem Englisch solange gefeilt zu haben bis ich im Ausland fraglos als solcher durchging – und auch mein Vater berichtet von dem Dresden-Trip seines Kirchenchores von einiger Irritation in der östlichen Partnergemeinde – ich dagegen habe Wismar kennengelernt und die menschen dort und die wunderbare Marzipantorte im Café der ehemaligen Löwenapotheke, wobei es interessant ist, dass die Wismarianer schon seit Jahrhunderten ihrem Streben nach Höherem in unheimlich hohen Decken Ausruck verleihen… drei Riesenkirchen, St. Nicolai (check later, Anm. d. Verf.) wirft sich zu ganzen 37,5 Metern empor, und die grösste europäische Schiffsbauhalle – sie können dort zwei Pötte gleichzeitig basteln – ist derart überdimensioniert, dass man ihre Ausmasse nur in Relation zur davorliegenden Englandfähre der Stella-Reederei begreift. Ein deutsches Bauwerk also auf gut deutschem Boden, das meinen Anwalt Hendrik aber angesichts seiner fast zärtlich-verehrten Boule-Bahnen am alten Hafen relativ unbeeidruckt lässt, dafür hat er im Wohnzimmer Deckenbalkendickicht aus dem 16. Jahrhundert, natürlich auch deutsch, klar.

Oder nehmen wie Berlin. Dass ich im Café Einstein von einem Päarchen dazu aufgefordert werde, der Knzelrin, sollte sie mal reinkommen, doch ein Bein zu stellen oder wenigstens das Schild „Achtung Stufe“ zu entfernen, tröstet mich darüber hinweg, dass ich tags zuvor einer rentenausgestatteten Geriatrikerfront mich ausgesetzt sah: Düsseldorfer Schmerbauch samt Tussi erobert den letzten Tisch neben mir unter der Markise bei beginnendem Niesel, „ich hab doch gesagt, ich setz mich dahin“, auch wenn ich natürlich schon ne halbe Stunde länger dasass, und mein „Frechheit“ wird von der abziehenden anderen Dame, die mich hasst, weil ich rauchte, draussen, wohlgemerkt, zur kopfschüttelnden Rentnerbündelei ausgenutzt – zugegeben, in solchen Momenten bin ich etwas weniger gern Deutscher, aber der Café au Lait ist halt dort so gut. Tiefe Einblicke, nun gut, sind das vielleicht nicht, aber es ist auch teil dieses diffusen Gefühls, das die Bundesrepublik wiedervereint nach 20 Jahren einem Hauptstadtreisenden vermittelt, und damit gut.

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Oktober 6th, 2010 | stazol

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