Archive for Juli, 2010
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fassungslosigkeit…
Juli 29th, 2010 | stazol
… ist ja vielleicht nicht der schlechteste beweggrund, um in den tiefen der nacht die eindrücke des tages zu verarbeiten, aber was sich da heute abend im grossen saal des hamburger rathauses abspielte, am abend der schwusos anlässlich der 30 jahre csd, die nun zu begehen sind, nun denn – man ringt stunden später noch nach fassung. der erste eindruck, nachdem man die weitläufige treppe hinaufschreitet, ist eine arme blonde lesbe, die verzweifelt aus dem hals schreit zu ihrer verstimmten gitarre und von der ich in kürzester zeit und gepeinigsten ohrs vom veranstaltungsorganisator erfahre, dass sie ihm “aufgedrückt” wurde, weil man ja auch mal ne frau auf der bühne brauchte. aha. fairerweise muss gesagt sein, dass der nachfolgende acapellachor mit seiner intonation des “könig von thule” (!!!) mit der zeile “gar treu bis an da grab” auch nicht gerade eine punktlandung dem anlass gemäss ist. als ich dies anmerke, ziehe ich mir das gehässige zischen eines grauen goatees mit kassengestell zu, des inhalts: da vorne singen leute. ach. ich versichere, nicht blind zu sein, was ich mir angesichts dieses traurigen haufens unattraktiver mittvierziger im saal, durchsetzt von drei, vier perücketragenden jungs im mädchenkostüm und den chormitgliedern vorne eigentlich sehnlichst wünsche – auch taub sein wäre jetzt klar von vorteil. zu spät erfahre ich, dass der landesvorsitzende der schwusos, mein anwalt, in der einladungsmail schon vermerkte, der saal solle voll aussehen und man möge doch soviele freunde mitbringen wie möglich – meine beiden begleiter schwärmen da schon aus, der eine um wowereit zu fotografieren, der andere, um drinks zu holen, ohne die, so ein anderer gast im vertrauen, “man es hier ja nicht aushielte”. ich probier´s trotzdem, aber es wird nicht besser. wowereit wiederholt die forderungen der schwulenbewegung, die es seit den siebzigern gibt und gibt sich schwulennah, “es gibt ja auch wirklich gutaussehende fussballer” – ja, die gibt es. danke wowi. da wird der stammtisch einfach mal von der gegenseite bedient, aber das bemerke ich kaum, weil ich mittlerweile von einem graumelierten etwas angestarrt werde wie ein frisches steak im hundezwinger und ich dringend eine rauchen muss. als ich zurückkomme, redet wowi immernoch, ja, der csd sei eine politische veranstaltung, “aber die leute wollen ja auch spass haben”. ja, wowi, spass, aber warum denn nicht schon heute abend? inzwischen sagt der begleiter meines begleiters dass er ja durchaus politisch interessiert sei, dies doch aber nicht deren ernst oder ein trauerspiel oder ähnliches, was ich schon nicht mehr mitbekomme, weil da die liberale neocon ausbeutungsmaschine steht, die so gerne reicher, schöner und mächtiger wäre, leider reichts dann aber doch nur für den mittelmässigen mittelstand, was man aber natürlich nicht sagen darf, und deswegen wird dann mein ohr doch links urplötzlich taub. leider zu spät, denn die reden sind vorbei, doch nun erlaubt man der bühne den auftritt eines noch undefinierbareren wesens im plastikbrustpanzer, das sich für unterhaltsam hält und mich zu den umstehenden sagen lässt, der abend sei bitte, bitte nicht repräsentativ. bitte, bitte nicht.
die fülle meiner affairen contd.
Juli 28th, 2010 | stazol
ARMAND in Las Vegas
Vom Parkdeck des Casinos fliegt in hohem Bogen eine Bierflasche und es ist klar: Rockabillys sind harte Typen. Die Sicherheitskräfte vom der Spielhölle sind noch härter: Kaum sind die ersten Scherben auf dem Beton verteilt, rasen sie los aus der Ecke ihres Hauptquartiers gleich neben dem Eingang, und eine Passantin schreit „ich hab´s genau gesehen, der Junge mit den Tattoos war´s”. Was die Sache nicht gerade leichter macht: Hier sind fast alle tätowiert. Brüllende Hitze, obwohl die Wüstensonne schon lange hinter der Sierra Nevada verschwunden ist. Karfreitag in Las Vegas, 11 Uhr nachts und 38 Grad.
Von überall her sind sie gekommen, die Jungs, die aussehen wie Elvis Presley oder Little Richard, die Mädchen, auch sie tätowiert, auf den Brüsten, den Oberarmen, den Beinen, „die prügeln sich auch gern, die Girls” hat vorhin ein Taxifahrer gesagt. Petticoats haben sie an und die Frisuren zu Lampenschirmen betoniert, schwarzgefärbt sind die Haare bei fast allen, ein blonder Rocker, das wußte schon der King, ist ein toter Rocker. Sie haben Messer in den Taschen und scharfe Gegenstände in den Ohren, manche die Lippen durchstochen, sie mögen harte Drinks und noch härtere Sprüche, und wenn es drauf ankommt, dann fliegen die Fäuste. Oder eben mal die Bierflasche: Rockabilly ist ein Lebensstil.
Ein harter Stil: »Wir sind ihn leid, den ewigen Soap-Opera-Scheiß”, schreit Andrew auf dem parkdeck ins Mikrofon einer lächerlichen Verstärkeranlage, „hier geht es um´s wahre Leben.” Rockabilly ist Protest, hey, hier können die Männer mit Flaumbart richtig Gas geben, und natürlich gehört zu einem Rockabilly seine Rockabilly-Braut und sein Rockabilly-Car. Wie im Comic sieht es au, das typische Auto, hier auf der Betonfläche sind alle in reih und Glied geparkt, gewienert der Chrom, und auf billigen Camping-Klappstühlen aus den Fünfzigern sitzen sie da, die harten Männer mit den Riesentollen, und trinken Bier, Bier, Bier. Und wenn es aus ist, das Bier, dann werden die Frauen losgeschickt, neues holen. Und die gehen, ohne Murren, in ihren Petticoats, durch die Wüstensonne Nevadas, hin zur nächsten Tanke, oder ins Hotel, und holen Sixpacks — das Auto kriegen sie nicht, das chromglänzende, wo denkt man hin, das muß ja in der heißen Sonne stehen und blitzen und den anderen Rockern ein Vorbild sein, für den Lebensstil, den sie alle haben.
Sie ist ein Brennglas, die Szene, und in Nevada am Karfreitag wird das gerade besonders deutlich: Sie stehen für das Amerika, das einmal war, als die Vorgärten noch in Ordnung waren und das Camping gerade entdeckt war, als Eisenhower Präsident und der Mond noch unbemannt über den Himmel ging. Als die Schwarzen in den richtigen Vierteln wohnten, denn natürlich ist kein junger Rockabilly schwarz, nur einige Mexikaner werden geduldet, und spät in der Nacht eine Originale Band, die XXX, alte Herren, denen man unmöglich böse sein kann oder gar rassistisch gegenübertreten, bei dem guten alten Rock, den sie spielen.
Aber noch ist das Festival nicht in vollem Gang, dafür jagt Jack seinen Studebaker gerade im Leerlauf röhrend auf Hundert Meilen pro Stunde, „warte mal ab”, brüllt er, vor lauter Totenkopfringen kann er das Lenkrad kaum umgreifen, und das ist jetzt wichtig, weil er sich festhalten muß um besser das Gaspedal durchzudrücken, „schau mal zum Auspuff”, brüllt er jetzt, und wirklich, das schießen Flammen heraus, fast, wie bei einer kleinen Mondrakete, meterlange Flammen. Jack stellt den Motor ab und steigt aus dem Wagen. Er ist sehr klein und humpelt ein bißchen. Vielleicht schreit er ja deshalb dauernd rum und spuckt auf den Boden in seiner unten hochgerollten Jeans — die Haartolle verleiht ihm zwar mindestens fünf Zentimeter Körpergröße, aber richtig furchterregend sieht er immernoch nicht aus.
Aber richtig anlegen wollte man sich nicht mit ihm, und das wissen seine Freunde auch, die fachmännisch um die Auspuffgase herumstehen. Vorne, in der hochglanzpolierten Stoßstange, spiegelt sich Lina, Jacks Freundin, bis in Dekolleté hinein tätowiert und mit einem Gesichtsausdruck, als könne sie bis zu ihrem Ableben nicht mehr aufgeheitert werden. Sie hat die kleine Handtasche aus Plexiglas nicht ersteigern können, fünfzig Dollar waren einfach zuviel, und nun ist sie sauer. Während auf dem Parkdeck über Lautsprecher zwischen Flüchen, Rockbeats und dummen Witzen weiter Memorabilia, Kitsch und Schallplatten zum Verkauf geboten werden, sammeln sich keine zehn Meter entfernt an der Bar des Gold Coast Hotels die ersten Spieler vor den einarmigen Banditen.
„Welcome back” steht an dem riesigen Neonschild des Hotels am Flamingo Drive, über 3400 Fans sind aus aller Welt zusammengeströmt zum vierten „Viva Las Vegas”, und einer hat es organisiert: Tom Ingram, der Chef von „No Hit Rebens”, ein stiller, schmaler Mann, der aussieht wie eine Kreuzung von Elvis Presley und Billy the Kid. In Wirklichkeit ist er eine Legende.
ARMAND und David Mamet
aus “Die Fülle meiner Affairen”, to be published
Juli 27th, 2010 | stazol
ARMAND über die Alltäglichkeit
Das Tao des Toastes
Wie lange braucht Ihrer eigentlich? Bis er schön braun ist, goldbraun natürlich, wie ein Toast eben sein soll, wenn er denn richtig funktioniert: Der Toaster. Was er natürlich nicht tut. Warum auch, wir sind ja auch erst im Zeitalter der späten Quantenmechanik.
Da wäre einmal jener Knopf. Den man drücken muß, damit der Toast verschwindet, sobald man ihn eingelegt hat. Um geröstet zu werden. Schönes Versprechen der Technik. Drücke mich, und alles wird gut. Rührend, der Kleine. Schaut einen ja auch, genau besehen, schon ein wenig bedrohlich an. Oder, noch schlimmer, der Regler. Wie der Name schon sagt. Soll in aller Regel die Temperatureinstellung ermöglichen und den Farbwert des Toastes zwischen Goldbraun und Schwarz bestimmen. Tut er aber nicht. Weil das erste Gesetz der Toastermechanik lautet: Toastbrot wird immer schwarz. Man kennt das ja: Die Eltern haben sich am Frühstückstisch versammelt, das liebreizende Schwesterlein erbietet sich, das Brot in den Toaster auf dem Fensterbrett hinterm Vorhang zu stecken, man wartet, man unterhält sich beim Fünf-Minuten-Ei, und plötzlich steigt schwarzer Qualm auf und der Vorhang hinter einem steht in Flammen und die Mutter schreit und es gibt Schuldzuweisungen und der Sonntagmorgen ist dahin.
Ist schon ein rechtes Welträtsel, wieso der Mensch einerseits die Genetik vorantreibt und andererseits mit dem rußigen Zustand seines Frühstückes zufrieden ist. So ungefähr seit der Steinzeit. Als die meisten Mammutfilets auch Innen nicht mehr rosa gewesen sein sollen.
Die Angewohnheit, „eine Scheibe Brot vor trockene Hitze zu halten”, so schreibt es Alan Davidson in seinem nicht weniger als epochal zu nennenden Standardwerk „The Oxford companion to food”, entwickelte sich wohl aus einer glücklichen Kombination von offenen Feuerstellen und altem Brot. Von beidem hatten gerade die Engländer seit der Schlacht bei Hastings wohl im Überfluß. Was lag da näher, als aus altem Brot eine Tugend zu machen? „Der wirkliche Toast-Abhängige macht eine Menge Wind um dessen treffliche Zubereitung” heißt es weiter, „nimmt vorzugsweise einen Tag gereiftes Brot und besteht darauf, es zu essen, wenn es am heißesten ist.” Seit dem Mittelalter bekannt war der „tost”, nach dem Lateinischen „torrere, tostum” für „geröstet”: Brotkrumen, die man benutzte, um Saucen und Flüssigkeiten aufzusaugen, die geröstet wurden, um nicht sofort in ihre Bestandteile zu zerfallen. „Der attraktive Geruch kommt von der Auflösung von Zucker- und Stärkemolekülen an der Brotoberfläche” — der sogenannten Maillard-Reaktion — und soll je nach Hunger variieren. Fleischauflagen wurden im 16.Jahrhundert populär, damals allerdings waren sie noch manches Mal gesüßt, wie die beliebten Kalbsnieren in Rosenwasser. Zimttoast begeisterte das 17. Jahrhundert derart, dass erste Siedler ihre nahrhafte Marotte mit in die neue Welt nahmen.
Kein Wunder also, wenn der elektrische Toaster denn auch eine amerikanische Erfindung ist: Thomas Alpha Edison und Georg Westinghouse wetteiferten nach 1800 in der Elektrifizierung amerikanischer Großstädte, doch Edison hatte schon nahezu unüberwindbare Probleme damit, einen Glühwendeldraht für das Vakuum einer Glühbirne zu entwickeln — Toaster jedoch benötigten Material, das genug Stromwiderstand aufwies, um im Kontakt mit Luft ausreichend Röst-Hitze zu erzeugen — ohne sofort zu Schmelzen. Erst im Jahr 1908 gelang John Marsh eine Legierung aus Nickel und Chrom mit solchen Eigenschaften.
Die Trophäe für den ersten elektrischen Toaster der Weltgeschichte gebührt einem Mann aus Detroit: George Schneider, ein Angestellter der American Electric Heater Association, ließ sich nur zwei Monate nach Marshs Nichrom-Legierung ein zumindest nach Plan funktionstüchtiges Gerät patentieren, das allerdings nie gebaut wurde. Der erste kommerziell erfolgreiche Toaster wurde im Juli des Jahres 1909 einer hungrigen Weltöffentlichkeit vorgestellt: Das Modell D 12 von General Electric, ein Gerät von der Gestalt mittelalterlicher Folterinstrumente — und ähnlich effektiv.
Hatten bis dahin heugabelhafte Spieße und Draht-Stellagen am offenen Feuer brandgefährlich zur Toast-Herstellung gedient, so hielten nun metallische Haushalts-Schreine mit Kabelanschluß Einzug in die Küchen der Wohlstandsbürger. Eine Invasion von eckig-glänzenden Häßlichkeiten geriet in unmittelbare Nachbarschaft zum Menschen, fast so nah, wie heute das billige Plastik von Computern nahezu alle Lebensbereiche erfasst hat: Der Toaster als frühe Manifestation von Fortschrittsglauben, Konsumverhalten und (wie der Elektroherd) ganz nebenbei eine domistizierte Feuerstelle. Fortan trafen Familien weniger und weniger im flackernden Lichtschein des Kamins zusammen, sondern gruppierten sich hoffnungsfroh um ein Ding aus Blech, Keramik oder Bakelit. Eine Abbildung aus dem Jahr 1940 zeigt den Miniatur-Altar des modernen Durchschnittshaushaltes so: Auf einem Tablett sind Kaffetasse, Porzellanteller, Mixed Pickles, Tomaten und gekochte Eier zu einer kleinen Opfergabe an die Götter des Elektrons zusammengestellt, komplett mit Blumenvase und keck hervorlugenden Toastbrot. Vorn dran informiert ein Schildchen, dass es sich hier um den „Toastmaster” handelt — der nun nicht mehr dient, sondern bedient werden will. Der Anerkennung fordert und Demut im Umgang. Bei Mißachtung droht blitzartige Verbrennung. Und nicht ohne Grund werden die Toaster in der Bildsprache der Werbung häufig auf einem Berg von Brotscheiben fotografiert, der sich in den polierten Seitenfläche spiegelt: „Hier herrsche ich” soll das heißen, „füttert mich und erstarrt!”, eine Art des autoritären Industriedesigns, wie sie langsam fast alle Objekte, von Automobilen bis zu Eisenbahnen erfasst hat. So sieht der unangefochtene König der Toaster, der englische Dualit, in allen Modellvariationen aus wie eine chromstrahlende Dampflok. Eine metallgewordene Ode an die Technik, voller Tatendrang und Überzeugungskraft, unbezwingbar und nur mit Raffinesse zu bedienen — obschon er doch letztlich nichts anderes tut, als Brotscheiben zu rösten. Vielleicht sogar ist der moderne Toaster nichts anderes als eine letzte Konsequenz römischer Innenpolitik: Brot — und Spiele. ARMAND in Las Vegas












