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Selbstinszenierung, 2. Akt
April 23rd, 2008 | stazol
Leben wir eigentlich in einer Reprise des Biedermeier? Wie die Kunst der Selbstinszenierung ausstirbt – oder warum sich heute fast niemand mehr traut, dem grauen Alltag etwas Leben einzuhauchen, in Mode, Wohnung und Privatleben. Kleine Schelte einer immer langweiligeren Gesellschaft, ein längst fälliges Plädoyer für mehr Mut im täglichen Umgang mit sich selbst – und den Anderen
Ein grosser, einmaliger, wirklich toller Auftritt? Eine Glastür scheppernd ins Schloss werfen, so dass der ganze Speisesaal aufblickt und den Blick wendet, und jeder bemerkt: Da hat eine Dame den Raum betreten. Wie, das trauen Sie sich nicht? Nun, eine hat es gewagt. Und es damit in die Weltliteratur geschafft: Madame Chauchat, die kapriziöse, junge Frau aus Thomas Manns “Zauberberg”. Jeden Tag, zu jeder Mahlzeit kündigt die charmante Schöne mit einem kleinen Paukenschlag ihr Kommen an, und es kommt, wie es kommen muss – der Held Hans Castorp verliebt sich unsterblich in sie. Und wer weiss, ohne diesen Hang zur Extravaganz, ohne diesen weiblichen Stolz, ohne dieses selbstverliebte Selbstinszenieren – die Liebe wäre wohl nie entstanden. Zugegeben, man braucht schon etwas Mut dazu, ein gehöriges Quentchen Narzissmus und auch ein wenig Egomanie, um dem grauen Alltag derartiges entgegenzusetzen. “Dass nur noch so wenige Menschen den Mut zur Exzentrizität haben, ist die grösste Gefahr unserer Zeit” sagte schon der englische Philosoph, Nationalökonom, Psychologe und Soziologe John Stuart Mill – und der starb 1873. “Ich möchte unauffällig sein” sagte Howard Hughes – der starb 1976 in einer hermetisch abgeriegelten Suite seines Hotels in Las Vegas, voller Angst vor Mikroben und mit zentimeterlangen Fingernägeln. Zwei gegensätzlichere Aussagen als die von Mill und Hughes lassen sich wohl kaum finden, und zwischen ihnen oszilliert der Mensch von heute. Unablässig. Auf sich selbst zurückgeworfen. Als hätte jemand ein Interesse daran. Da wäre dieser Brei an täglichen Massenmediums-Irrsinn, der täglich auf uns einprasselt, mit der eindeutigen Botschaft “sei gleicher als die Gleichen, trau dir nichts zu, bleib brav zu Haus, verkrieche dich und geh allenfalls mal einkaufen, auf dass die Wirtschaft floriere und dein Job sicher bleibe”. Wem graut nicht vor dem nie-endenwollenden Gezwitscher der Werbebotschaften? Den selbsternannten Stars und Sternchen, die unablässig ihre kläglichen Leben, ihren “Ruhm für 15 Minuten”, wie Andy Warhol das nannte, in der Öffentlichkeit ausleben? Und nur um Missverständnissen vorzubeugen: Von diesen medial erzeugten und abschöpfbaren Inszenierungen ist hier nicht die Rede. Sie sollen sich nicht vermarkten. Ausser vielleicht bei Vorstellungsgesprächen. Es geht um den kleinen, feinen Einsatz wohlüberlegter Mittel, chirurgisch präzise und keinesfalls als Selbstzweck – das bisschen mehr, die Prise minutiösen Effekts, eine gezielte Aufwertung der eigenen Existenz. Kurz: Um einen Hauch Glamour… Als die preussische Königin Luise einmal Lampenfieber hat, als sie sich auf dem Balkon zeigen soll, flüstert ihre Gesellschafterin ihr zu: “Haltung, Majestät, Haltung, Haltung!” Und natürlich hat sie recht. Denn das Wesen der Selbstinszenierung liegt darin: In der eigenen Haltung, und in der Haltung gegenüber den anderen, der Umgebung, der Gesellschaft. Das ist ganz wörtlich gemeint. Ein erhobenes Haupt, ein wenig Körperspannung, ein leichter federnder Schritt, hochgereckte, gerade Schultern – und schon sehen, ja spüren, die Passanten: Da will jemand wirken. Man weicht respektvoll zurück, man nimmt zur Kenntnis, und der Weg ist frei zu diesem hohen Gut – Bewunderung. Schreiten Sie wie eine griechische Göttin aus den Gesängen Homers, wie Hera, Aphrodite, Artemis es vormachten. Über die Strasse, durch´s Restaurant, das Büro – es ist ganz einfach. Sie werden wahrscheinlich nicht gleich den trojanischen Krieg entfesseln, aber sie werden Effet haben, eine Air, ein Quentchen Anmut. Wie wichtig der richtige Gang ist, beweisen nicht zuletzt die Kenner der Catwalks in Paris, London und New York: Immer wieder wird Bedauern laut, wie sehr sich die modernen Models von den einstigen Mannequins – schon der Name ist Programm! – unterscheiden, weil sie kaum noch wissen, wie man elegant vom einen Ende des Laufstegs zum anderen kommt. Und der grosse Erfolg Naomi Campbells oder die kometenhafte Karriere Claudia Schiffers sind nicht zuletzt darauf zurückzuführen, wie sie gingen. Da lag nichts Gehetztes in ihren Schritten, so wie es heute in den Fussgängerzonen zum traurigen Alltag gehört – da war Esprit, Dynamik, Elan – und eben Grazie. Ein Attribut, das im übrigen auch noch den Vorteil hat, altersresistent zu sein: Wer einmal Sophia Loren oder Lauren Bacall sah, wie sie einen Raum betreten, weiss, was gemeint ist – und der Erfolg einer Debütantin am Hofe Ludwigs XIV. bestand nicht im geringen Masse aus der für alle ersichtlichen Tatsache, wie sie einen Salon durchschwebte, alle Umstehenden mit einem Knicks begrüsste, den Herren ihre Hand zum Kusse reichte und sich dann, ihre Reifröcke raffend, in bezauberndsder Geste setzte. Glaubt man Stefan Zweig, so beherrschte Königin Marie Antoinette diese Kunst auf das Prächtigste. Der berühmte Modefotograf F.C.Gundlach, seit Jahrzehnten ein aufmerksamer Beobachter der modischer Sozialisation, meint dazu: “Jedes Zeitalter entwickelt seine eigene Körpersprache. Ich kann schon allein an der Pose einer Frau erkennen, aus welcher Epoche die Fotografie ist.” Also, es ja ganz leicht: Einfach vor dem Spiegel ein klein wenig auf und ab gehen, so ein bisschen wie vielleicht Kate Moss, oder, besser noch, wie Audrey Hepburn im Frühstück bei Tiffany´s – und der Tag ist gewonnen.Überhaupt Audrey – sie steht am Ende einer langen Reihe von Frauen, die es perfekt verstanden, sich selbst zu inszenieren, mit ganz einfachen Mitteln. Da wäre die göttliche Garbo, deren Meisterstück es wohl war, sich auf immer in ihr Apartment in Manhattan zurückzuziehen, um ihren jugendlichen Ruhm zu bewahren. Ein Weg übrigens, den auch die Dietrich in Paris einschlug. Nun gut, Sie müssen sich ja nicht gleich unsichtbar machen – aber rar. Man glänze durch Abwesehenheit, um dem nächsten gesellschaftlichen Erscheinen (!!!) noch mehr Glanz zu verleihen. Auch eine peinlich auf Effekt bedachte Auswahl der Events und Festivitäten, die dafür überhaupt in Frage kommen, kann den zu erzielenden Effekt ganz ungemein steigern. Hilfreich sind auch Accessoires. Die rote Handtasche zum Beispiel, die vielleicht nicht immer passt, aber wenn sie denn einmal getragen wird, das graue Kostüm oder die blaue Bluse perfekt ergänzt, erhöht, fokussiert. Die Lack-Pumps, die Sie unbedingt haben mussten, und die nun zum luxuriösen Etwas werden können und jedwedes Outfit dezent adeln. Die Grundeinstellung aber muss heissen: Seht mich an, ich bin ein Star! Das ist auch psychologisch relevant, schliesslich tut man es für sich selbst, für das eigene, wertvoll Wohlbefinden, und wenn das nicht schon Grund genug ist…Es scheint, wir trauen uns einfach nicht mehr, die grosse Geste zu wagen. Ein wenig Schwung in den Tag zu bringen – der immerhin aus 24 Stunden besteht und unendlich vielen Momenten, an denen man dem Fliessen der Zeit mal ein wenig mehr abgewinnen kann. Da wäre auch, man muss es sagen, die Höflichkeit, die Königsdisziplin des gesellschaftlichen Umgangs, im besten Falle der Höhepunkt der menschlichen Begegnung – und sie stirbt, leider, leider aus: Man drängelt sich schon am Gate im Flughafen rastlos und gehetzt aneinander vorbei, der Blick in der U-Bahn ist griesgrämig und zu Boden gesenkt, man grüsst niemanden mehr, vermeidet absichtlich den Augenkontakt und verbirgt sich im Zug hinter einer Zeitung. Man traut sich einfach nicht mehr, aufeinander zuzugehen, das Gegenüber wird zunehmend als Gefahr betrachtet, es könnte ja einer etwas wollen von einem, bloss keine Intimitäten. Dabei ist die reine Höflichkeit schon eine der ranghöchsten und dabei leichtesten Formen, sich selbst ein wenig zu inszenieren: Eine befreundete Stewardess, Susanne, die in ihrem Beruf nun wirklich von den unterschiedlichsten Menschen unterschiedlichster Erziehung quasi täglich bombardiert wird, hat für ihre Tätigkeit ein wirkungsvolles Mittel entdeckt, das sie täglich praktiziert – je unhöflicher jemand wird, desto höflicher wird sie: “Einmal lag ein Tablett auf dem Boden und eine Passagierin deutete nur mit der Hand darauf. Ich sagte, würden Sie es mir bitte anreichen?
Ich kann mich nicht erinnern, es Ihnen auf dem Boden serviert zu haben. Haben Sie vielen Dank…”. Und ein anderer Freund sagt bei jeder Gelegenheit: “Das ist äusserst liebenswürdig von Ihnen.” Womit der Angesprochene quasi rückwirkend in die Pflicht genommen wird, äusserst liebenswürdig gewesen zu sein – und sein Verhalten in Zukunft auch so zu gestalten. Man kann sich durch ausgesuchte Höflichkeit prima selbstinszenieren, allerlei Honneurs bei der Umgebung einsammeln, dem Alltäglichen ohne besonderen Aufwand eine gewisse Note verleihen und sich danach selbst auch noch besser fühlen. Wie sonst liesse sich mit derart einfachen Mitteln ein derartig durchschlagender Effekt erzielen? Der Berliner Kulturwissenschaftler Thomas Macho schreibt dazu in seinem Buch “Höflichkeit” (W. Fink Verlag, 39,30 Euro): “Sie ist in diesem Sinn so etwas wie ein Grundwort, ein Topos zivilisatorischer Kreativität, der uns ermöglicht auch in immer unübersichtlicheren Lagen, in denen wir mit viel Unerwartetem konfrontiert werden, Linien zu bewahren, Kontur zu bewahren, ohne sich deshalb allen Anforderungen, Konventionen und Traditionen bedingungslos unterwerfen zu müssen.” Bedingungslos unterwerfen – dies scheint eines der Hauptanliegen des gegenwärtigen Daseins zu sein – unter die herrschenden Konventionen. Ein anderes mögliches Instrument: Inszenierung in der eigenen Wohnung. Welche Variationsbreiten bietet das Meublement: Die LeCorbusier-Liege etwa, ein Barcelona-Chair von Mies van der Rohe, ein Thonet-Ensemble von Freischwingern, eine deSede-Couch, eine Wagenfeld-Lampe… gewissermassen als Solitair im Gesamtbild, der alles überstrahlt! Zugegeben, billig ist das nicht, aber vielleicht lohnt es sich ja auch, auf ein Möbel-Highlight zu sparen, das einerseits eine Wertanlage voller Bequemlichkeit darstellt und andererseits fast ewig hält und eben immer da ist, wenn man in die Wohnung zurückkehrt, um sich nachhaltig daran zu erfreuen: Da macht es auch nichts, wenn die Schrankwand von Ikea ist, die wird gleich mit aufgewertet, wenn man das Prunkstück in der Nähe effektvoll platziert – schliesslich schwört sogar Altkanzler Helmut Schmidt auf seine Billy-Regale, und die sind ja auch schon fast Design-Klassiker. Ein grosser Spiegel kann dem Privatissime ebenfalls sehr leicht einen Hauch von Glanz und Eleganz verleihen, sehr einfach zu beschaffen und auch nicht sehr teuer… Und auch die Grösse der eigenen vier Wände stellt nicht unbedingt das Mass des Möglichen dar – wir leben schliesslich im Zeitalter der “Flugzeugträger-Apartments”, soll heissen: Man fliegt es kurz an, nach der Arbeit, macht sich frisch, zieht sich um und hebt gleich wieder ab, zum Sport, zu Freunden, zum Italiener um die Ecke. Kein Wunder also, dass gerade in Berlin beispielsweise, der Single-Hauptstadt, die Nachfrage nach schönen, überschaubaren Zweizimmerwohnungen, immens gestiegen ist. Der Kurator des Museum of Modern Art, Klaus Biesenbach etwa, ein Mann, der sehr viel unterwegs ist, unterhält in Manhattan nur ein kleines Pied-à-terre. Und man darf daran erinnern, dass sogar die Privatgemächer Friedrichs des Grossen in Sanssoucis allenfalls 60 Quadratmeter gross waren. Allerdings darf der alte Fritz als wirklich perfekter Inszenator seiner selbst gelten: Er ritt sogar in die Schlacht, beim Angriff auf Dresden im siebenjährigen Krieg, beide Hände mit Brillianten bedeckt. Es geht, gewissermassen, ein bisschen um den roten Teppich. Wie bitte, fragen Sie? Nun ja – natürlich im etwas übertragenen Sinne: Man kennt ihn ja, den normalen, echten, von diversen Bällen, den Filmfestspielen in Cannes, den Staatsbesuchen und bei den Royals dieser Welt – und wollen wir nicht alle einmal darüber schreiten? Einmal im Leben vielleicht? In Wahrheit nur ein Stück Stoff, verleiht der rote Teppich noch den unwichtigsten Menschenansammlungen ein wenig Würde, verwandelt blosse Termine in gesellschaftliche Anlässe, er adelt ein Stelldichein zu einem Treffen der Grossen und Mächtigen – und nicht umsonst führt er in den Opernhäusern der Welt ein stetes Dasein und verleiht den Treppenhäusern wie in der Wiener Oper etwas Aristokratisches, auf dem das Bürgertum schreiten kann und sich selbst erhöhen darf. Es ist eine Tatsache, dass die Foyers der grossen Theater in dem Masse an Grösse und Pracht gewannen, in dem sich die Normalbürger selbst darstellen wollten, um wenigstens einen Abend lang nach Höherem zu streben, im besten Falle nach den Weihen der Kunst. Einmal von den Musen geküsst sein, einmal die Sorgen des Tages vergessen, einmal ein wenig festlich sein und sich daran erfreuen, das ist, im Wesentlichen, die Idee. Man stelle sich einfach vor, man hätte ihn überall dabei. Einen fliegenden roten Teppich vielleicht. Einen, den man zu jeder Tages- und Nachtzeit ausbreiten kann, unter sich und seine Mitmenschen. Und was glauben Sie, wie sich das Leben plötzlich wandelt…
The ultimate Hype – some words about falling in love…
April 13th, 2008 | stazol
XVIII. “Oh, when I was in love with you…”
by A. E. Housman (1859-1936)
Oh, when I was in love with you,
Then I was clean and brave,
And miles around the wonder grew
How well did I behave.
And now the fancy passes by,
And nothing will remain,
And miles around they’ll say that I
Am quite myself again.
… mit anderen Worten: Jetzt wird´s, sorry, sorry, persönlich. Die Verliebtheit, jene fragilste, schönste, vergänglichste aller Gemütsregungen, flüchtig, begehrt, dem Wahnsinn ähnlich, wer wollte sie beschreiben? Ich, wer sonst.
Eines wäre vorauszuschicken: Erstens bin ich ein Aristokrat preussisch-ungarischer Herkunft. Und zweitens Romantiker des 19. Jahrhunderts. Soll heissen, ich bin von Emotionen beseelt, die es heutzutage, im beginnenden 21.Jahrhundert, so gar nicht mehr gibt. Intensität, Dauer, Verfeinerung, Haltung, Treue, Stabilität, Vertrauen und Zartheit – all dies sind in der gegenwärtigen Gesellschaft, so scheint mir, Begriffe von nur noch nominalem Wert. Man verliebt sich nicht mehr, man sucht sich rational-kühl einen Partner, mit dem sich der Lebensentwurf möglichst ohne Einbussen und meist nur auf Zeit ökonomisch auf Zugewinn bezogen optimal verwirklichen lässt. Baudelaire, Flaubert, Jean Paul, Rimbaud, die Manns, die Brontes – vergessen Sie´s. Man fühlt heute nicht mehr, so scheint es. Es passt nicht ins Konzept der Wegwerfgesellschaft. Ich stehe auf verlorenem Posten, aber das bin ich gewöhnt – ein Leben als Rückzugsgefecht, heldenhaft, heroisch gar – aber sinnlos. Die folgenden Zeilen sind also womöglich nicht mehr ganz up-to-date. Ein tiefempfundenes Theorem. Was da klingt, sind die Saiten des Vergangenen. Wollen wir sie also versuchen, die kleine Reise ins Innerste, bodenlos Zeitlose, vernachlässigbar-Vergessene. Und wollen wir gnädig hinabsehen in den Spiegel eines Seelchens, dass sich da Ausdruck verschafft, ohne Anspruch auf Wahrheit. Doch wer sich darin womöglich erkennt, dem bleibt Hoffnung, soviel sei versichert. Glücklicher, dies als Einschränkung, glücklicher, wird man so nicht. Aber man hat es versucht. Und das ist heute schon viel. Der Hype des Sich-Verliebens – ein Entwurf.
Da wäre also diese Party, mein Geburtstag, etwa einhundert Gäste, mit anderen Worten, privat, eine kleine, feine Zusammenkunft interessanter Menschen, Künstler, Studenten, Wirtschaftskapitäne, Geschäftsleute, Hartz IV-Empfänger, kurz, ein buntes Gemisch. Und dann plötzlich er. Als Überraschungsgast, ein Mitbringsel gewissermassen – und das Herz setzt aus. Der Verstand auch. Er ist jünger, hübscher, na klar, als die anderen, und man ist plötzlich hin- und hergerissen zwischen den Gastgeberpflichten, dem strömenden Champagner, und dieser charmanten Erscheinung, die einem, man glaubt es kaum, das in völliger Verwirrung irgendwo abgestellte Glas holt, mit einem strahlenden Lächeln, ätherisch, bezaubernd, energetisch (da fliessen sie also, die Kräfte, abgesetzt vom ewigen Einerlei der turbokapitalischen Konsumenten mit ihren vorgeformten Sätzen, ihren langweiligen Überzeugungen, ihren immergleichen Themen, aber man mag sie ja auch, irgendwie, aber wo ist eigentlich der Kleine, der dann doch einen Kopf grösser ist, überschlank, elegantester Bewegung, hübsch, nein schön! Aber das sagten wir ja schon…) – und was tut Gott? Lässt einen einschlafen, auf der eigenen Party, man hat dann doch am Nachmittag schon einige Erfrischungen genommen, einige Kaltgetränke, die einem das Heer von Ärzten versagen, dieselben, Treusorgenden, Hochbezahlten, die man um sich versammeln musste, um dieses Leben zu überleben, das gerade noch so bitter war, so gleichförmig, so erwartbar, so eintönig und gesettelt – kurz, man schläft ein, im Smoking, völlig erschöpft, und wacht auf am nächsten Morgen, im Smoking (man muss mich zärtlich zu Bett gebracht haben), und das Telefon klingelt. Und klingelt. Und alle fragen “Wer war denn dieser bezaubernde Jüngling? Der göttliche Ephebe?” Und – Horror of Horrors, um bei Shakespeare zu bleiben – ich, törichster Tor! weiss es nicht. Kann mich nicht an den Namen erinnern. Habe, Dummheit ohne Mass, mir nicht einmal die Nummer geben lassen, sowas wäre mir ja früher nicht passiert, verflucht nochmal… und man könnte im Oktagon springen vor Wut und packt dann gedankenverloren erstmal die Geschenke aus und beginnt, so glaubt man, zu vergessen. Und doch, die nächsten Tage über ist da was, da nagt es im Inneren, in der Herzgegend, Teufel noch mal, das kann ich jetzt gar nicht gebrauchen, muss doch für dieses Kunstmagazin schreiben, stilistisch, artistisch überragend, man will ja dann doch ein Zeichen setzen, und nun das, und man erwischt sich dabei, dass man vor´m Bildschirm sitzt und sich fragt, was mache ich da eigentlich, und wo ist der Junge, und wer war das, und wer könnte das wissen, und man weiss nur noch schemenhaft, mit wem er, der Bezaubernde, denn kam, und vor allem, tausendfach verflucht, dass er irgendwann ging, entschwand in die Nacht, verging, und ja, man vergeht schon wieder, und dann ist da diese Gewissheit, es ist wieder mal passiert, unzweifelhaft, was kann das nur sein, und wieso zittern mir die Finger, und dann ist es mit einem Donnerschlag im Hirn, Lava fliesst ätzend hindurch, ganz klar: Ich bin wohl verliebt.
Verliebt! Um der Götter willen! Sagt nicht die Wissenschaft, dass jener Zustand einer Psychose ähnelt? An den Grenzen des Wahns wandelt? Und singt nicht der ewige Platon schon, dass da der kleine Eros wahllos Pfeile verschossen, damit man verschossen, und – einziger Trost – der Olympier mit einem wandelt und den Daimon erhöht? Nebelhaft, betörter Sinne wandelt der Alltag dahin, nur durchbrochen von seltsam schnell auftretenden, traumhaften Schwaden irrationalster Wallungen, täglich, stündlich, alle fünf Minuten? Und die Welt wandelt sich und man wandelt beseelt durch die Strassen und geht seinem Tagwerk nach und soll ja doch eigentlich schreiben, und übrigens: Wer war dieser göttliche Junge? Und was mache ich da eigentlich mit dem Lachsfilet in der Hand, und wo bin ich denn hier, und was will diese Frau da am Rollband und die Oma mit der Tüte, – und wo ist denn nur meine Brieftasche und wie bin ich denn eigentlich an diese Kreuzung geraten?
Und die Tage und Wochen vergehen, und der Verstand setzt dann doch wieder ein, und man sitzt in seinem Lieblingscafé und lässt sich vom “Spiegel” deprimieren, und überfliegt, was bleibt einem übrig, denn nichts steht darin, den “Stern”, und landet dann doch beim “New Yorker” und draussen in Hamburg, da regnets, was ja dann doch gut für die Rosen. Und was tut Gott? Lässt die Tür aufgehen und man blickt auf, unwillkürlich, und da steht er, erscheinungsgleich, und ruft “Harald”, und wer ist eigentlich dieser Harald, und man wird geherzt und geküsst (sitzt mein Haar, die Krawatte, und ist das Kaschmirsakko, cremefarben, weich genug?) – ganz egal, da umflutet es einen, das Göttliche, rauschhaft, jawohl, und die Farben vorm Auge sind rot. Und ob man eine Champagnerflasche hätte, für den Mercutio, die Rolle, und man stammelt, eine leere, kein Problem, voll wäre schwierig. Und dann ist da der nächste Tag, und es klingelt, und man hat das silberne Teeservice auf Hochglanz gewienert, und er hat dann doch zwei Stunden vor dem Theater, und Teufel! – die Uhr rennt, und man bringt ihn zum Aufzug und – wagt es, voll Übermut, voller Verzweiflung, und küsst ihn.
Der Rest bleibt Geheimnis, ich sagte ja, jetzt wird´s persönlich, pardon, liebster Leser. Und bleiben wir doch mal am Boden. Der lausigen Tatsachen, ach! Zwei gänzlich konträre Optionen wird´s geben: Das ganze verfliegt, wie es kam, da wäre die eingangs beschwor´ne Dynamik des Hypes, für dieses vorliegende Kunstmagazin, nach den Regeln des Dramas, samt Absturz nach Peripetie. Und dann eben die andere. Auf die man zu hoffen nicht wagt… man wünsche mir Glück. Ein letzter Gruss noch, mit Wünschen, den besten, und geneigte Empfehlung erscheischend, yours truly, Harald Nicolas Stazol (der nach Diktat verreist, elysisch verklärt, und auch poetisch beseelt, entrückt, verrückt auch, ich geb es ja zu…).












