Archive for Juni, 2007
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rede karo 138
Juni 28th, 2007 | stazol
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, sehr geehrte Frau Kultursenatorin, Exzellenzen, verehrte Künstler, meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Kunstfreunde,
ich habe die Ehre und das Vergnügen, an diesem Abend eine kleine Sensation einzuleiten: Die Kristallisation des Kunstgeschehens in einem ganzen Stadtteil, hier in diesem unscheinbaren Hinterhof, der von den Musen geküsst und von einigen sehr produktiven Kunstschaffenden beseelt und bewohnt ist. Karo 138, das steht heute abend und in den folgenden Tagen ganz im Zeichen der Gegenwart, ganz in der Tradition der Werkschauen im allgemeinen, in der von aktiven und passionierten Kulturleben im Besonderen. Sieben Künstler, einige bereits arriviert und etabliert, einige jung und auf dem Weg, ein paar sogar noch frisch aus den Akademien oder sogar noch im Studium, haben in einem, wie ich finde, einzigartigen und beachtenswerten Prozess sich entschlossen, ihrem Werk Öffentlichkeit zu schaffen und zugleich ihren Arbeiten Raum zu geben, vom Atelier gewissermassen an die frische Luft des Tageslichtes zu gelangen, um vor den Augen des kritischen Publikums zu bestehen und Bedeutung einzufordern. Bedeutung in einer Zeit, in der die Schnelllebigkeit eines galloppierenden Manchesterkapitalismus forwährend neue Opfer fordert – den lassen wir heute Abend mal draussen vor dem leicht angerosteten Stahltor, um uns ganz dem Erleben hinzugeben – mit der kleinen aber wichtigen Einschränkung vielleicht, dass die hier vertretenen Gemälde und Fotografien ganz kapitalistisch von Sammlern und Liebhabern und Kennern natürlich auch käuflich erworben werden können, aber das, wie gesagt nur ganz nebenbei, als kleiner Hinweis.
Der Raum für Kunst und Kultur wird immer kleiner, die Förderungen für den Bereich der Kulturschaffenenden werden gekürzt, die Existenz des Künstlers ist schwieriger und schwieriger geworden. Um so bemerkenswerter eine Ausstellung wie diese hier, die ganz auf Eigeninitiative beruht und gewissermassen aus dem Stand eine kleine Galerie sich materialisieren liess, eine Instant Installation vielleicht, ein Stadtteilhappening, das das Zeug und durchaus auch den Anspruch hat, und wie ich meine einlöst, ein wenig über die Grenzen des örtlich beschränkten hinauszuwirken und über sich selbst hinauszustrahlen. Womöglich ist das Unterfangen dieser Ausstellung gar ein kleines Beispiel für das uns allen bekannte und mittlerweile zu trauriger Berühmtheit gelangte Outsourcing: Die Künstler verzichten absichtlich und vorsätzlich auf den Mittlerdienst des Galeristen und nehmen die Initiative, verkürzen so den Weg von Produktion zu Konsumption und zeigen sich der neuen Marktlage auf angriffslustige und effiziente Weise gewachsen. Doch dies nur als Randbemerkung.
Auch die Form des Zusammenschlusses von den hier vertretenen Individuen, von den bei Künstlern ja notwendigen starken und durchsetzungsfähigen Charakteren, die sich, so könnte man sagen, in einer Auseinandersetzung zusammensetzen, miteinander geredet haben, um einen Konsens zu finden – man denke nur an den beschränkten Raum und die Schwierigkeiten einer effizienten und ästhetisch ansprechenden sowie harmonierenden Hängung – ist an sich schon eine reife und selten gewordenen Leistung. Doch noch bevor der Künstler sich durchsetzt, muss sich seine Kunst durchsetzen, in einer Gesellschaft die oft von allem anderen durchsetzt ist, und der bedauerlicherweise, man darf hier die Augen nicht vor der Realität verschliessen, oft genug die Zeit und der Willen zur Kulturbetrachtung in immer höherem Masse abhanden kommt.
So ist die Kunst in allen ihren Erscheinungsformen zu einem bedrohten Objekt geworden, und vielleicht ist dies, wie in allen Zeiten der Zensur, ein Garant für ihre Qualität. Da die Auswahlkriterien und auch der Wettbewerb in allen Bereichen eher zunimmt als abnimmt, muss die Kunst an sich schon die Kraft aufbringen, zu überzeugen, eine gewisse Qualität zu haben, um im Chor der Zerstreuungen zwischen Privatsendern und überbezahlten Fussballern sich ihren ureigenen Platz zu schaffen. Ich glaube, dass die Konkurrenz dieser so unterschiedlich geratenen Erlebniswelten originär und strukturell fundamental dafür verantwortlich ist, dass die Entwicklung der Gegenwartskunst, so wie wir sie hier in einer kleinen Facette vorfinden werden, ganz neue und spannende Wege finden wird, die unser aller Kunstverständnis auf nachhaltigste Weise beeinflussen wird. Ich glaube, die Kunst wird einfach besser, weil sie besser werden muss, sie wird zugänglicher, weil sie Neuland beschreiten muss, sie existiert, weil der Überlebenswille, der in ihr seinen Ausdruck findet, ein immer grösserer und kraftvoller werden muss. Das ist keine Darwinistische Ansicht, sondern, wie ich hoffe, ein Eindruck, den man als aufmerksamer Beobachter des Kunst- und Kulturbegriffes ohnehin gewinnen muss, eine Sichtweise, die sich ganz einfach logisch und stimmig ergibt. Wenn Sie sich ganz persönlich noch morgen an etwas erinnern, was Sie heute Abend gesehen haben, wenn Sie mit den hier, auch dies ein glücklicher Umstand, anwesenden Künstlern Gelegenheit zu einem Gespräch haben werden, das Ihnen einen tieferen Eindruck hinterlässt, dann hat die Kunst in diesem kleinen Kulturkampf bereits gewonnen. Und in der Hoffnung, dass genau dies geschehen wird, dass die Karo 138 ihre Wirkung voll entfaltet, dass Kunst hier zum Ereignis wird, das seinesgleichen sucht, darf ich Ihnen nun zur ERÖFFNUNG eine schöne und aufschlussreiche, eine unterhaltende und zu Unterhaltung Anlass gebendende, eine – ganz einfach tolle und spannende Vernissage wünschen. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.
Daniel Richter continued
Juni 20th, 2007 | stazol
Es ist schon erstaunlich, wie bescheiden ein neuer, junger Maler sein kann, obwohl an der Kunsthalle fussballfeld-grosse Plakate mit seinem Namen in meterhohen Lettern hängen. Gestern führte er eine Gruppe Kunststudenten (und mich) durch das dritte und zweite Stockwerk des Museumsneubaus von Unger und erklärte den Bau für völlig ausstellungsfeindlich – “wer kann schon mit dem Ausblick auf die Binnenalster durch die Fenster konkurrieren, sensiblere Arbeiten haben es da schwer, am liebsten würde ich die zuhängen, ausserdem ist die Decke zu niedrig”. Womit dann auch gleich klargestellt ist, dass seine Arbeiten alles andere als sensibel sind. Richter nimmt sich auf wohltuende Weise nicht so ernst und sieht vor seinen riesenhaften Gemälden ein wenig verloren aus, was auch an der Anwesenheit seines ehemaligen Professors Werner Büttner liegen mag, der ziemlich arrogant und unsympathisch wirkt, dem Künstler schon mal jovial auf die Schulter klopft und sich über “dreckig gemalte Schatten” beschwert. Die Kunststudenten stehen wie Stimmvieh umher und stellen keine Fragen (trotz mehrfacher Aufforderung) – und im Geheimen wünschen sie sich alle, ein wenig wie Richter zu sein: Nach einer Stunde ist der Spuk vorbei, und die Zeit löst sich auf wie eines der Werke aus Richters abstrakter Phase, nur dass sie dabei nicht so farbenfroh und elegant ist wie die Originale. Denke über ein Portrait des Malers nach…












